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Geschichte

12.10.2018

Wirtshaus-Serie: Der Kirchweihstreit von Ederheim

Das markante denkmalgeschützte Gasthaus zum Weißen Roß ist eines der ältesten Häuser in Ederheim und blickt auf mehr als 250 Jahre Wirtshausgeschichte zurück.
Bild: Kurt Kroepelin

Bei Feierlichkeiten kam es zu einem Eklat zweier Adelsfamilien. Schauplatz war ein ehemaliger Gasthof in Ederheim.

Die Kirchweih hat heute im Fränkischen und im Ries noch eine sehr hohe Bedeutung. Früher waren diese Festlichkeiten der Höhepunkt des Jahres und so bedeutsam, dass die Überwachung eines geregelten Kirchweihbetriebs, der sogenannte „Kirchweihschutz“, von der Landesherrschaft übernommen wurde.

Diese Aufgabe war für die Ausübung der Herrschaftsrechte sehr wichtig, und vielerorts stritten sich Adelige um dieses Recht. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist aus Ederheim überliefert. Das Reichskammergericht des Kaisers Maximillian II. in Speyer hatte am 1. Oktober 1568 über Streitigkeiten anlässlich der Kirchweih in Ederheim zu entscheiden. Die Urkunde befindet sich im Fürstlichen Archiv in Harburg. Anlass für die Auseinandersetzungen war ein Vorfall an der Ederheimer Kirchweih. Die Dorfherrschaft übte David von Jagstheim aus. Er hatte in Ederheim und in Trochtelfingen kleine Schlösser. Das Grabdenkmal seines Vaters Nicolaus von Jagstheim befindet sich noch heute in der Ederheimer Kirche. Bei den Kirchweih-Festlichkeiten wurden Spiele mit „Kegeln und Kugeln“ durchgeführt und Schausteller waren vor Ort.

Der ausgedehnte Platz dieser Vergnügungen gab sogar einer ganzen Flurabteilung südlich der Ederheimer Kirche seinen Namen. Dieser ist noch heute auf den Flurkarten als „Kirchweihwiesen“ bezeichnet. Zur Überwachung des Festes hatte der Ortsadelige zwei Männer eingeteilt. Nun kam jedoch Graf Ludwig von Oettingen ins Spiel. Er bestritt die Zuständigkeit des „Kirchweihschutzes“ und zeigte am Kirchweihsonntag dem 12. September, des Jahres 1568 seine Macht. Der Amtspfleger Killinger aus Oettingen war mit dem Amtsverwalter des oettingischen Hochhauses und dem unter gräflicher Zwangsverwaltung stehenden Klosterverwalter in Christgarten in Begleitung von 19 Reitern und zwölf Hakenschützen nach Ederheim geschickt worden. Die Truppe fiel in die laufenden Festlichkeiten in Ederheim ein. Auf dem Tanzplatz wurden die beiden Aufseher und die Musikanten bedroht, im Wirtshaus die Herausgabe der Kugeln und Kegel verlangt und der gesamte Festplatz verwüstet. Die beiden Kirchweihaufseher wurden gefangen genommen und nach Hochhaus gebracht.

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Zwar forderte das kaiserliche Mandat einen Vergleich zwischen dem Grafen und dem Jagstheimer. Jedoch hatte die Maßnahme den gewünschten Erfolg gezeigt. David von Jagstheim verkauft am 3. Februar 1570 das Schloss und die Herrschaft Ederheim an Graf Gottfried von Oettingen. Er wurde danach als Beamter in die Dienste des Oettinger Grafen aufgenommen. Die damalige Ederheimer Gastwirtschaft in der Dorfstraße, wo sich damals die dramatischen Szenen abspielten, existiert schon lange nicht mehr. Sie wurde im 30-jährigen Krieg aufgegeben. Damals endete mit der fast vollständigen Zerstörung des Dorfes auch die Zeit der großen Kirchweihfeste in Ederheim. Lange dauerte es danach, bis in Ederheim wieder eine Wirtschaft errichtet worden ist. Das noch heute bestehende Hauptgebäude des Gasthauses zum Weißen Roß wurde nach den Untersuchungen der Bauhölzer im Dachstuhl 1725 errichtet und 1778 erweitert. Im Jahr 1773 wurde dort ein Brauhaus errichtet und 1842 in der Waldstraße ein Bierkeller mit Sommerbewirtschaftung gebaut. Das Gasthaus mit holzvertäfelter Gaststube, Saal und Fremdenzimmer war lange Zeit die erste Wahl im Ort. Ende des 20. Jahrhundert wurde diese Gastwirtschaft aufgegeben. Das markante denkmalgeschützte Gebäude wartet derzeit auf eine Sanierung.

In unmittelbaren Nachbarschaft gegenüber dem damaligen Pfarrhaus wurde im Jahr 1865 in einem Bauernhaus die Wirtschaft „zur Sonne“ eröffnet, die anfangs des 20. Jahrhunderts den Betrieb wieder einstellte. Eine weitere Gastwirtschaft ist das „Lamm“ in Ederheim. Es hat noch heute zu Versammlungen, an Wochenenden und zu besonderen Anlässen geöffnet. Das Gasthaus wurde um 1880 als Schankwirtschaft betrieben. Rasch kamen Brauerei und Festsaal hinzu. Das denkmalgeschützte Haus stammt aus der Zeit um 1837, als es von dem jüdischen Handelsmann Salomon Oettinger errichtet worden war. Das markante Walmdach erinnert noch heute an die jüdischen Vorbesitzer.

Nicht zu vergessen ist die seit 2010 geschlossene Thalmühle. Hier fand bisweilen auch mit längeren Unterbrechungen seit 1784 ein Gaststättenbetrieb in der herrlichen Landschaft des Retzenbachtales statt.

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