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10 Jahre Instagram
11.10.2020

Entwicklungspsychologe: "Soziale Medien spielen mit jungen Menschen"

"Wer Plattformen anbietet, steht in der moralischen Verpflichtung, dafür zu sorgen, Missbrauch zu verhindern", findet Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer.
Foto: Yui Mok/PA Wire, dpa (Symbolbild)

Vor zehn Jahren wurde die Instagram-App im Apple-Store veröffentlicht. Eine Umfrage anlässlich des Welt-Mädchentags 2020 zeigt die Schattenseiten des Netzwerks.

Zehn Jahre Instagram - das Jubiläum des sozialen Netzwerks mit inzwischen über einer Milliarde weltweiter Nutzer am vergangenen Dienstag stimmt nachdenklich. Am 5. Oktober, einen Tag zuvor, ist der Welt-Mädchenbericht des Kinderhilfswerks Plan International anlässlich des Welt-Mädchentags 2020 erschienen. Die Ergebnisse von "Free to be online - Erfahrungen von Mädchen und jungen Frauen mit digitaler Gewalt" sind erschreckend: 70 Prozent der Befragten aus Deutschland haben digitale Gewalt und Belästigung in den sozialen Medien erlebt, weltweit ist es gut jede Zweite (58 Prozent). Instagram ist laut dem Welt-Mädchenbericht die Plattform mit den meisten Angriffen auf junge Frauen und Mädchen in Deutschland, gefolgt von Facebook.

Der Bericht basiert auf einer nichtrepräsentativen Umfrage mit 14.000 Mädchen und jungen Frauen aus 22 Ländern. Das Anliegen von Plan International: Mädchen eine Stimme geben und sie zu Wort kommen lassen. Unter den 15- bis 25-Jährigen, die dafür angefragt wurden und den Fragebogen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten freiwillig ausgefüllt haben, sind gut 1000 Mädchen und junge Frauen aus Deutschland. Die Hälfte aller befragten Mädchen gibt an, dass sie in sozialen Medien häufiger Belästigungen erlebt als auf der Straße.

Übergriffe in sozialen Medien: Entwicklungspsychologe sieht Plattformen in der Pflicht

Den Entwicklungspsychologen Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin überrascht das nicht: "In jedem Fall ist das Internet sehr enthemmend. Sie können im Netz so schnell kommentieren und Sachen schreiben, die Sie sich face-to-face nicht trauen und man kann es sogar vermeintlich anonym machen." Tatsächlich sei im Internet zwar niemand anonym, aber in den meisten Fällen würden die Ermittler nicht weiter nachforschen. Wichtig ist dem Experten zufolge, dass Betroffene bei Beleidigungen Screenshots machen, sich an ihr Umfeld wenden und abwägen: "Bei einer bloßen Beleidigung kann man denjenigen sperren, bei sexueller Anmache ist dagegen zu überlegen, die Polizei einzuschalten."

Plan International fordert Social-Media-Unternehmen in einem offenen Brief dazu auf, bessere und vor allem einfache Meldemechanismen zu entwickeln, die es Betroffenen ermöglichen, Online-Gewalt zu melden sowie Täterinnen und Täter zur Verantwortung zu ziehen. In Deutschland hat immerhin jedes zweite Mädchen (52 Prozent) unangemessene Inhalte gemeldet.

Doch ist das Problem damit behoben, dass man konkrete Fälle leichter melden kann? Für den Entwicklungspsychologen spielen mehrere Faktoren eine Rolle, er sieht aber ebenfalls die Unternehmen in der Hauptverantwortung: "Ein soziales Medium kann dazu einladen, dass es zu Übergriffen kommt. Hier sind also explizit die Anbieter und Provider in der Pflicht. Das Geld will jeder damit verdienen, aber die Verantwortungen will keiner übernehmen", ärgert sich Herbert Scheithauer. Er weist darauf hin, dass es dieselbe Diskussion immer wieder über das Darknet gebe.

Für den Universitätsprofessor mit den Forschungsbereichen Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie ist die Lage eindeutig: "Wer Plattformen anbietet, steht in der moralischen Verpflichtung dafür zu sorgen, Missbrauch zu verhindern. Ich würde behaupten, dass hier aber Gewinnmaximierung im Vordergrund steht." Tatsächlich ist Instagram in den vergangenen Jahren zu einer gigantischen Marketingmaschine avanciert, laut Bloomberg hat sich der Werbeumsatz von Instagram im Jahr 2019 auf 20 Milliarden US-Dollar belaufen. Laut Herbert Scheithauer könnten Anbieter für mehr Sicherheit sorgen, wenn es wirksame Reaktionsmechanismen mit Meldeverfahren gäbe - für diese Form der Prävention brauche es jedoch nicht nur entsprechendes Know-How, sondern vor allem die Bereitschaft, Geld zu investieren.

Der Experte sieht an zweiter Stelle Eltern in der Verantwortung, den allgemeinen Internetzugriff von Kindern und Jugendlichen stärker zu kontrollieren. "Wenn ich sehe, dass bereits 11-Jährige ein Smartphone mit uneingeschränktem Internetzugriff haben, finde ich das erschreckend. Da passiert im Moment eine Sorglosigkeit, die ich nicht nachvollziehen kann." Herbert Scheithauer ist bewusst, dass gerade bei Schülern aus benachteiligten Familien, mit wenig Zeit für die Kinder und geringen Möglichkeiten, teilweise keine entsprechende Vertrauensbeziehung zu den Eltern besteht, um sich über Mediennutzung oder konkrete Vorfälle auszutauschen - der Wissenschaftler war zuletzt an dem EU-Projekt Blurred Lives ("Verschwommene Lebenswege") zur Erforschung von Cybermobbing unter sozioökonomisch benachteiligten Jugendlichen beteiligt. Scheithauer gibt zu bedenken, dass dies jedoch genauso in "gut situierten" Familien geschehen könne. Wichtig sei die vertrauensvolle, gute Qualität der Beziehung der Eltern zum Kind.

Herbert Scheithauer ist Universitätsprofessor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie an der Freien Universität Berlin.
Foto: banane design gmbh bremen

Scheithauer über Instagram und Co.: "Diese Medien spielen mit jungen Menschen"

Um diesem Problem zu begegnen, liegt für Scheithauer ein weiterer Fokus auf dem eigenverantwortlichen, kritischen und reflektierten Umgang von Jugendlichen mit sozialen Netzwerken. "Gerade diese Medien, die zu perfekter Darstellung einladen, spielen mit den jungen Menschen, weil sie das Risiko kennen müssten. Instagram ist 'Gut-Aussehen', das ist trotz aktueller Gegenbewegungen der Trend." Bildträchtige Medien wie Facebook und Instagram sind dem Entwicklungspsychologen zufolge deshalb bei Jugendlichen so beliebt, weil sie sich dort "identitätsstiftend" darstellen können und es gut finden, wenn sie positive Rückmeldungen auf ihre Bilder und ihr Aussehen erhalten.

Der Haken dabei: "Überall dort wo Schönheit und Perfektion sind, werden Sie nicht nur Bewunderer finden, sondern auch Personen, die Ihnen das neiden. Man bekommt als junger Mensch, der nur ein positives Feedback haben will, somit unter Umständen auch unerwartet viele negative Rückmeldungen", erklärt der Psychologe. Und darauf, so Scheithauer, sind die Jugendlichen nicht vorbereitet. Hinzu kommen andere Formen "digitaler Gewalt".

Die Formen der Belästigung, die die befragten Mädchen und jungen Frauen entweder persönlich oder im Umfeld von Freundinnen erfuhren, sind Beschimpfungen und Beleidigungen, sexuelle Belästigung, persönliche Demütigung, Bodyshaming, rassistische Kommentare, Stalking, Kommentare gegen die sexuelle Orientierung, Anti-LGBTIQ+ sowie die Androhung physischer Gewalt.

Doch was verbirgt sich überhaupt hinter dem Begriff "online gender-based harassment" ("digitale, geschlechtsspezifische Belästigung")? Der Welt-Mädchenreport versteht darunter Handlungen von einer oder mehreren Personen, die einer anderen aufgrund ihrer sexuellen oder Gender-Identität im Internet Schaden zufügen. Die Umfrage zeigt dabei eine Tendenz auf: Wenn die befragten Mädchen und Frauen zusätzlich People of Colour sind oder sich als LGBTIQ+ identifizieren, nehmen die Angriffe oft noch zu. Entwicklungspsychologe Scheithauer bestätigt, dass sich das Risiko für Diskriminierung bei Intersektionalität, also der Überschneidung und Gleichzeitigkeit von verschiedenen Diskriminierungsmerkmalen wie Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Orientierung, erhöht.

Welt-Mädchenreport: So reagieren Betroffene auf digitale Gewalt

Das allgegenwärtige Phänomen Cybermobbing, zu dem Herbert Scheithauer forscht, lässt sich damit nicht automatisch gleichsetzen. "Bei Cybermobbing muss eine Vorgeschichte gegeben sein. In der Regel sind es hier keine Unbekannten, die mobben - ähnlich wie auf dem Schulhof", so Scheithauer. Bei einem Shitstorm dagegen entlade sich virtuell eine Wut von Fremden auf die betroffene Person. Die Folgen von Mobbing, Diskriminierungen und Belästigungen im Netz sind laut Scheithauer "eklatant". Der Forschung seien hier alle psychopathologischen Folgen von Schulunlust bis Angst und Suizidgedanken bekannt - auch Täter würden im Übrigen unter negativen Folgen leiden.

Die Umfrage von Plan International beschreibt als Folgen digitaler Gewalt unter den betroffenen Mädchen und Frauen: mentalen oder emotionalen Stress (32 Prozent), geringeres Selbstwertgefühl oder weniger Selbstbewusstsein (30 Prozent), Angst, die körperlich spürbar ist (23 Prozent), Probleme in der Schule, (17 Prozent) und Probleme im Alltag mit FreundInnen oder der Familie (14 Prozent).

Und wie reagieren die Betroffenen in den Sozialen Medien? Der Welt-Mädchenreport zeigt hier eine große Bandbreite an Möglichkeiten auf: Fast die Hälfte (47 Prozent) ignoriert böswillige Kommentare, 15 Prozent dagegen antworten darauf, andere nutzen die entsprechende Social-Media-Plattform seltener (11 Prozent), wieder andere schreiben keine Posts mehr, in denen die eigene Meinung erkennbar wird oder verlassen die Plattform sogar ganz. 33 Prozent der Mädchen und Frauen erhöhen nachträglich die Privatsphäre-Einstellungen ihres Profils. Besonders letzteres ist laut Scheithauer entscheidend, denn vielen sei nicht bewusst, wie viel sie frei zugänglich von sich preisgeben. "Wir gehen bei unserer Arbeit mit den Jugendlichen die Bedingungen durch, erklären ihnen, was mit ihren Inhalten passiert und dann passen Gleichaltrige mit ihnen zusammen vor dem Rechner die Privatsphäreeinstellungen an."

Das Problem sei, oft würden Jugendliche beim Posten nur an ihr unmittelbares Umfeld denken und sich nicht bewusst machen, dass die Inhalte auch darüber hinaus sichtbar sind und etwa potentielle Ausbilder darauf stoßen könnten. Entscheidend seien hier genauso wie bei Diskriminierung und Mobbing die sozialen Gruppengefüge. Laut Herbert Scheithauer muss daher bei der Arbeit mit Schulklassen über Beziehungen und die Peergroup, also die Gruppe mit dem größten Einfluss, gearbeitet werden.

Medienkompetenz: Präventionsprogramm "Medienhelden" in Bayern verhindert Cybermobbing

Hier ist der sogenannte soziale Normansatz ausschlaggebend, der beispielsweise auch bei der Prävention von Alkoholkonsum eine Rolle spielt. Scheithauer beschreibt es so: "Die meisten wollen das gar nicht, ihnen wird schlecht oder sie trinken Alkohol, weil sie denken, dass das gut ankommt. Wenn man aber in der sozialen Gruppe darüber redet, fangen sie irgendwann an, nachzudenken und merken: Eigentlich ist das uncool, besoffen zu sein. Und man sieht, dass es anderen auch so geht." Dieser Normansatz gelte auch bei Mobbing. Wenn man Schüler hinterher frage, ob sie das eigentlich "cool" finden, gehe es den meisten nicht mehr so. "Man muss Jugendliche ernst nehmen und dann kann man gut mit ihnen arbeiten", sagt der Entwicklungspsychologe. Um Mechanismen in Klassengefügen zu ändern, helfen laut Scheithauer besonders Rollenspiele wie sie das von ihm mitentwickelte Präventionsprogramm "Fairplayer-Manual" vorsieht.

Was die sozialen Medien betrifft, lautet das Stichwort: Medienkompetenz. Laut Herbert Scheithauer ist essenziell, dass in den Schulen und in den Familien darüber gesprochen wird, wie Jugendliche in der medialen Welt zurechtkommen. "Wenn das Medium, die App oder die Plattform schon darauf ausgerichtet ist, dass alles nach Schönheit, Perfektion und äußeren Idealen schreit, muss ich davon ausgehen, dass das negative Folgen haben kann. Man muss sich also fragen: Ab wann brauche ich ein Instagram- oder Facebookprofil? Was stelle ich da rein?" Jugendliche müssten sich dessen bewusst werden, dass sie keine Kontrolle mehr darüber haben, wenn sie Inhalte im Netz preisgeben.

Hier setzt das Präventionsprogramm "Medienhelden" zur Vorbeugung von Cybermobbing an, dass der Universitätsprofessor gemeinsam mit Kollegen der Freien Universität Berlin entwickelt hat. Mithilfe der Förderung durch die Krankenkasse BKK Mobil Oil wird seit Ende 2018 Gymnasien, Real- und Mittelschulen in Bayern die Teilnahme ermöglicht. Konkret geht es dabei um die Fortbildung von Lehrkräften, Sozialpädagogen und Schulsozialarbeitern, die das Programm dann umsetzen - in Bayern haben laut Scheithauer bereits Hunderte teilgenommen.

Dem Universitätsprofessor zufolge wird das Programm auch von den Schülerinnen und Schülern gut aufgenommen und der Erfolg ist wissenschaftlich belegbar: "Wir konnten bei der Evaluierung belegen, dass Cybermobbing durch das Programm viel weniger stattfindet und inzwischen wird es auch in Südamerika und asiatischen Ländern implementiert", so Scheithauer. Sein Ziel ist, eine finanzielle Förderung zu erreichen, um das Programm zeitnah auch in anderen Bundesländern oder sogar im gesamten Bundesgebiet anbieten zu können.

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