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08.02.2019

Warum die Deutschen Rosamunde Pilcher vergöttert haben

Die Schreibmaschine der Sehnsucht: Rosamunde Pilcher im Jahr 1994 in Schottland, wo sie seit ihrer Hochzeit 1946 lebte.
Bild: Horst Ossinger, dpa

Rosamunde Pilcher ist tot. Die Verfilmungen ihrer Geschichten locken Millionen vor den Fernseher. Über das erstaunliche Leben der Schnulzen-Königin.

In Nummer 144 gerät Wettermoderatorin Holly ins Gefühlschaos. Sie steht vor der entscheidenden Frage: Liebt sie ihren langjährigen Partner Julian oder doch den leiblichen Vater ihrer Kinder?

Nummer 144 trägt den Titel "Morgens stürmisch, abends Liebe" und lief Anfang Januar im ZDF. Natürlich Sonntagabend, 20.15 Uhr, man kann auch sagen: zur Pilcher-Zeit. 5,2 Millionen Menschen sahen zu. Keine schlechte Quote, berücksichtigt man, dass das Erste gleichzeitig den Kölner "Tatort" zeigte, und der zählt zu den beliebtesten der Krimi-Reihe. Aber so ist das: Kündigt die Programmzeitschrift „einen neuen Pilcher“ an, schaltet das treue Publikum ein. Komme was wolle. So ist das seit mehr als 25 Jahren. Seit der ersten Ausstrahlung eines Rosamunde-Pilcher-Stoffs am 30. Oktober 1993. Titel: "Stürmische Begegnung".

Stürmisch – vielleicht ist in diesem einen Wort alles zusammengefasst, was den Pilcher-Film immer ausgemacht hat. Gewaltige Gefühlsschwankungen vor der rauen, windigen Kulisse der englischen Grafschaft Cornwall. Geschichten von Herzschmerz, Liebe und Eifersucht, Glück und Trennung, gespickt mit englischer Herrenhaus-Romantik. "Das war es, was ich am besten konnte“, sagte die Autorin, als sie ihren 90. Geburtstag feierte. Andere Genres hätten sie nie gereizt. Und immer ist am Ende alles gut.

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Bis Weihnachten ging es Rosamunde Pilcher noch großartig

Nun ist Pilcher mit 94 Jahren gestorben. Die britische Tageszeitung Guardian zitiert ihren Sohn Robin mit den Worten, sie habe sich bis Weihnachten in großartiger Verfassung befunden, im neuen Jahr aber eine Bronchitis bekommen. Am Sonntagabend dann habe Rosamunde Pilcher einen Schlaganfall erlitten und seitdem nicht mehr das Bewusstsein erlangt.

Rosamunde wer? Diese Reaktion ernten viele deutsche Besucher, wenn sie Briten auf den Namen Pilcher ansprechen. Dabei zählte die Autorin mit mehr als 60 Millionen verkauften Romanen und Erzählungen zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Aber gelesen wird sie im Vereinigten Königreich eben kaum, geschweige denn, dass man dort die Verfilmungen ihrer literarischen Vorlagen kennt – allesamt deutsche Produktionen. Und dass Literaturkritiker bei der Erwähnung ihres Namens stets die Nase rümpfen – nun ja...

Als irgendwann auch der letzte Pilcher-Roman verfilmt war, schnappten sich die Fernsehproduzenten angesichts von regelmäßig fünf bis sieben Millionen Fernsehzuschauern eben ihre Kurzgeschichten. So wurden aus dem Gesamtmaterial stolze 144 neunzigminütige TV-Folgen. Viele davon haben die Sender immer wieder gezeigt.

Ihre Geschichten, hat sie mal erzählt, schrieb sie anfangs unter dem Pseudonym Jane Fraser und immer am Küchentisch – weil es im Haus keinen Platz für einen Schreibtisch gab. Und: Eine Zeit lang wurden sie in Frauenzeitschriften veröffentlicht. Filmemacher Michael Smeaton, der von Anfang an den Stoff produziert hat, erzählte erst kürzlich, Pilcher habe ihre Geschichten akribisch in Kurzform in einem schwarzen Büchlein zusammengefasst, das in einem Safe liege.

"Lesen soll wie Urlaub sein", sagte Rosamunde Pilcher. Wer in Cornwall mit Tourismus zu tun hat, hat sich mit jeder neuen Folge freudig die Hände gerieben. Dass die Erzählungen über attraktive und begüterte Menschen gerade dort spielen, am südwestlichsten Zipfel Großbritanniens, hat die Grafschaft zu einem Mekka für deutsche Pilcher-Fans werden lassen. Noch immer wälzen sich Reisebusse auf engen Landstraßen durch sumpfige Wiesen und weite Felder, entlang der rauen Steilküste und vorbei an Gärten, wo strahlende Blüten Kontraste setzen.

Nachruf Rosamunde Pilcher: Das war ihre Heimat

Sie wurde 1924 als Tochter eines Marineoffiziers im kornischen Lelant geboren und schloss sich nach ihrem Schulabschluss während des Zweiten Weltkriegs dem Women’s Royal Naval Service, dem Königlichen Marinedienst der Frauen, an. Schon damals schrieb die Britin, die bis 1946 als Sekretärin im Außenministerium arbeitete, Kurzgeschichten. Dann heiratete sie ihren Mann Graham, mit dem sie vier Kinder bekam, und zog nach Longforgan bei Dundee in Schottland, wo sie bis zuletzt lebte.

Sohn Robin, der ebenfalls Schriftsteller ist, beschrieb sie mal als „eine wundervolle, eher alternativ denkende Mutter“. Sie habe das Leben vieler Menschen aller Altersgruppen berührt – „nicht nur durch ihr Schreiben, sondern auch durch persönliche Freundschaften“.

Das ZDF würdigt Pilcher am Donnerstag als "eine der großen populären Erzählerinnen unserer Zeit". Die Pilcher-Filme gehörten zu den erfolgreichsten Literaturverfilmungen im deutschen Fernsehen, sagt Programmdirektor Norbert Himmler. "Ihre gefühlvoll-heiteren und lebensweisen Geschichten haben Millionen von Leserinnen und Lesern und unzählige Zuschauerinnen und Zuschauer im ZDF-,Herzkino’ begeistert, dessen Bild sie seit bald drei Jahrzehnten geprägt hat."

Mit 87 Jahren sagte Rosamunde Pilcher: Jetzt höre ich auf

Seit 2009 war sie verwitwet. Im Juni 2012 gab sie bekannt, im stolzen Alter von 87 Jahren, mit dem Schreiben aufzuhören. Zwar hatte Pilcher schon als Mädchen Geschichten verfasst, doch kommerzielle Erfolge feierte sie mit ihren Erzählungen erst vergleichsweise spät. 1987 schaffte sie mit dem Roman "Die Muschelsucher" den Durchbruch. Darin erzählt sie die Geschichte der ältesten Tochter eines Künstlers, die herausfindet, dass die Gemälde ihres Vaters ein kleines Vermögen wert sind. Das Werk, das natürlich auch zur Grundlage eines Films wurde, war bereits Pilchers 14. Roman – geschrieben im Alter von 63 Jahren.

Häuser voller Geheimnisse, familiäre Lügen, wunderschöne Schauplätze, spannende Handlungen – "damit veränderte sie das Gesicht romantischer Fiktion", sagt die britische Bestseller-Autorin Katie Fforde. Pilcher sei wegweisend gewesen, da "sie die erste war, die Familiensagen in die breitere Öffentlichkeit brachte".

Und den Schauplatz Cornwall. Die Dankbarkeit über Geschichten mit Titeln wie "Gezeiten der Liebe", "Mit den Augen der Liebe" oder "Entscheidung des Herzens" ist groß im Südwesten Englands. "Dass Cornwall die Kulisse für die Filme stellt, ist das beste Marketing, das wir kriegen können", sagte Malcolm Bell, Chef des Fremdenverkehrsamts Visit Cornwall, einmal. Die Hälfte aller ausländischen Gäste in der strukturschwachen Gegend seien deutschsprachig. In Cornwall bezeichnen sie es als "Rosamunde-Pilcher-Effekt", wenn im Jahr allein an die 350.000 Touristen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz anreisen.

Mit dem Erfolg der Pilcher-Filme in Deutschland begann zudem der touristische Aufstieg von Herrenhäusern wie etwa Prideaux Place, einem efeubewachsenen Prachtbau in den Hügeln von Padstow. Wer auf die Eigentümer, Elisabeth und Peter Prideaux-Brune, trifft, hört aus ihren Stimmen vor allem Dankbarkeit gegenüber der Autorin. Ihr Anwesen profitierte von den Dreharbeiten wie kaum ein anderes, etliche Episoden spielten dort.

Der pensionierte Anwalt, der stets als Komparse – mal als Chauffeur im eigenen Bentley oder als Gin-Tester – einsprang, stellt sein Haus gerne für eine Besichtigung zur Verfügung. "Das hilft, die Rechnungen zu bezahlen“, sagt er. Auch Pilcher hat einmal vorbeigeschaut. Die Prideaux-Brunes zeigten sich ganz entzückt von ihr, "so nett und herzlich" sei sie gewesen.

Fast als logische Folge wurde die Schriftstellerin im Jahr 2002 für ihre Verdienste um den Tourismus in der Gegend mit einem British Tourism Award ausgezeichnet. Schließlich hat Rosamunde Pilcher die englische Traumwelt nach Deutschland gebracht.

Traumwelt von Rosamunde Pilcher kollidierte jedoch mit der Realität

Ihre adligen, reichen Figuren allerdings – auch das gehört der Vollständigkeit halber erwähnt – sind alles andere als repräsentativ für die Einwohner Cornwalls. Vielmehr müssen viele Briten in dem Landstrich kämpfen, um über die Runden zu kommen. Für das Vereinigte Königreich ist Cornwall das, was die ehemaligen Ostblockstaaten für Europa sind. Das County erhält Sondermittel aus dem Sozialfonds der EU für dringend benötigte Infrastruktur-Projekte, die Universität oder den Ausbau des Hochgeschwindigkeits-Internets.

Der Durchschnittslohn liegt deutlich unter dem des restlichen Großbritannien. Doch die Lebenshaltungskosten sind mindestens genauso hoch. "Öl ist teuer, da unsere Infrastruktur mit nur einer Zugverbindung und einer Autobahn sehr angreifbar ist", sagt Andrew Long, Stadtrat von Callington. Die Arbeitslosenquote liegt zwar unter vier Prozent, doch "Armut versteckt sich hinter dieser Zahl".

Weil Besucher vor allem im Frühjahr und Sommer ihren Urlaub in Cornwall verbringen, seien die meisten Jobs im Hotel-, Gastronomie- und Tourismusgewerbe saisonal, zudem noch schlecht bezahlt. All jene Briten, die nach wenigen Monaten wieder ohne Arbeit dastehen, tauchen jedoch nicht in der Statistik auf. "Es ist ein zynischer Versuch, die wahren Probleme zu verbergen", sagt Long. Cornwall – romantisch und wunderschön? "Ja, wenn man Geld hat."

Herzschmerz: Das ZDF strahlt die neue Pilcher-Episode „Die Braut meines Bruders“ am kommenden Sonntag aus.
Bild: Jon Ailes/ZDF, dpa

Der neue Pilcher aus Cornwall, Nummer 145, ist längst abgedreht, geschnitten und bereit zur Ausstrahlung. Der Titel klingt diesmal weniger stürmisch: "Die Braut meines Bruders". Ursprünglich für den 3. März vorgesehen, aus aktuellem Anlass jetzt schon an diesem Sonntag, 20.15 Uhr, ZDF. Pilcher-Zeit eben.

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