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  3. Oldenburg: Die unglaubliche Geschichte des Serienmörders Niels Högel

Oldenburg
28.08.2017

Die unglaubliche Geschichte des Serienmörders Niels Högel

Niels Högel Ende 2014 vor dem Landgericht Oldenburg. Kurze Zeit später wird der Krankenpfleger zu lebenslanger Haft verurteilt.
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Niels Högel Ende 2014 vor dem Landgericht Oldenburg. Kurze Zeit später wird der Krankenpfleger zu lebenslanger Haft verurteilt.
Foto: Ingo Wagner, dpa (Archiv)

Der Krankenpfleger soll mindestens 90 Patienten getötet haben. Das allein ist unfassbar. Das Ausmaß wurde nur möglich, weil sich in zwei Kliniken ein Skandal an den anderen reihte.

Am 24. Juni 2005 treffen sich um 15 Uhr im Klinikum Delmenhorst mehrere Führungskräfte zu einer Krisensitzung. Zwei Tage zuvor ist der Krankenpfleger Niels Högel von einer Kollegin dabei erwischt worden, wie er sich am Bett des Patienten Dieter M. zu schaffen macht; M. stirbt bald darauf. Inzwischen liegt das Ergebnis seiner Blutuntersuchung vor. Högel hat M. unerlaubt eine Überdosis des Herzmittels Gilurytmal gespritzt. Die Führungskräfte diskutieren: Was sollen sie jetzt tun? Sie entscheiden sich dafür, erst einmal gar nichts zu tun. Am nächsten Tag würde sich Högel sowieso in den Urlaub verabschieden. So steht es im Dienstplan.

Zur Spätschicht tritt Niels Högel ganz normal seinen Dienst an, Stunden vor dem Urlaub also. Gegen 19 Uhr tut er das, was er in den Monaten zuvor offenbar zigfach getan hat, womöglich hundertfach: Er tötet eine wehrlose Patientin auf der Intensivstation.

Zwölf Jahre später sind sich die Ermittler einig: Der Fall Högel ist „einmalig in Deutschland“, „unfassbar“, „erschreckend“ – so formulieren es Polizei und Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz im Alten Landtag von Oldenburg in Niedersachsen. Mindestens 90 Patienten mussten zwischen 2000 und 2005 im Klinikum Oldenburg und im gut 40 Kilometer entfernten Klinikum Delmenhorst sterben, weil sie das Pech hatten, an den Pfleger Högel zu geraten. Einmalig, unfassbar und erschreckend ist der Fall auch deshalb, weil viele Morde hätten verhindert werden können.

Eine andere Besprechung. August 2001, Klinikum Oldenburg, Station 211. Ärzte und Pfleger diskutieren über die auffällige Häufung von Reanimationen und Sterbefällen in den Monaten zuvor. An der Besprechung nimmt auch Niels Högel teil. Die meisten Wiederbelebungsversuche und Todesfälle gibt es, wenn er Dienst hat.

Jahre später wird Högel, inzwischen wegen Mordes überführt und heute 40 Jahre alt, der Polizei verraten, was er damals bei der Besprechung dachte: Jetzt sind sie mir auf die Schliche gekommen! Nach dem Treffen meldet er sich krank, er fehlt die nächsten drei Wochen auf der Station. In diesen drei Wochen sterben weniger Patienten als sonst auf Station 211, nämlich zwei.

Niels Högel: Er meldet sich krank, kehrt zurück - und mordet weiter

Mitte September 2001 meldet sich Högel zum Wochenenddienst zurück, er übernimmt die Nachtschicht. Fünf Patienten werden reanimiert, insgesamt zehnmal. Drei sterben sofort, zwei wenig später.

Im Klinikum Oldenburg wird eine Statistik geführt. Sie zeigt, dass 58 Prozent der Sterbefälle in den Dienstzeiten von Högel geschahen. Eine solche Statistik, sagt Arne Schmidt, Leiter der Sonderkommission „Kardio“, habe es in dem Krankenhaus noch nie gegeben – weder vor Högel noch nach Högel.

Was machen die Verantwortlichen mit ihrem Wissen? Sie entscheiden sich dafür, so wie vier Jahre später die Verantwortlichen in Delmenhorst, nichts zu tun.

Mindestens 36 Patienten hat Niels Högel in Oldenburg ermordet. Das ergeben die späteren Ermittlungen. 54 weitere Patienten starben anschließend in Delmenhorst. Es ist wohl die größte Mordserie im Nachkriegs-Deutschland.

Soko-Chef Schmidt lässt keinen Zweifel daran: Hätten die Verantwortlichen in Oldenburg 2001 die Polizei informiert, wäre Högel als Täter entlarvt worden. Morde in Oldenburg, vor allem aber sämtliche Morde in Delmenhorst wären verhindert worden. In Oldenburg ruft aber niemand die Polizei.

Im Dezember 2001 versetzt man Högel zunächst in die Anästhesie. Im September 2002 stellt man ihn zu vollen Bezügen frei. Mit einem guten Arbeitszeugnis wechselt er im Dezember nach Delmenhorst. Das Morden kann weitergehen.

Die Polizei ermittelt inzwischen gegen damalige Högel-Kollegen. Der Vorwurf lautet: Tötung durch Unterlassung. „In Oldenburg stehen wir da aber noch ganz am Anfang“, sagt Polizeipräsident Johann Kühme auf der Pressekonferenz. In Delmenhorst sind die Ermittler weiter. Gegen sechs damalige Klinikums-Mitarbeiter wird Anklage erhoben. Das Landgericht lässt diese aber nur in drei Fällen zu, bei zwei früheren Oberärzten und dem Stationsleiter. Die Staatsanwaltschaft legt dagegen Beschwerde ein, eine Entscheidung steht noch aus.

Beide Krankenhäuser veröffentlichen am Abend Stellungnahmen. Aus Oldenburg heißt es: „Warum die seinerzeit Verantwortlichen die Ermittlungsbehörden nicht eingeschaltet haben, können wir nicht nachvollziehen.“ Ob ein schuldhaftes Verhalten der damals Verantwortlichen vorliege, müssten die weiteren Ermittlungen zeigen. „Wir können die Zeit leider nicht zurückdrehen“, heißt es vom Vorstand weiter. Und das Josef-Hospital Delmenhorst, wie das Klinikum heute heißt, teilt mit: „Wir sind bestürzt und zutiefst betroffen über die erschreckenden aktuellen Ermittlungsergebnisse und die bekannt gewordene, deutlich höhere Opferzahl.“ Für die entsetzlichen Taten und das den Angehörigen zugefügte Leid „lassen sich keine passenden Worte finden“, sagt Geschäftsführer Ralf Delker.

Oldenburg: Was ist das Motiv für die Taten?

Aber warum mordet ein Pfleger?

Die erste Tat begeht Högel im Februar 2000 auf der Intensivstation in Oldenburg. Schmidt glaubt, dass sich Högel damals „als besonders kompetenten Krankenpfleger“ darstellen will. Der Pfleger als heldenhafter Retter, der todgeweihte Patienten zurück ins Leben holt – ist das sein Motiv, Patienten zu vergiften und so in Lebensgefahr zu bringen? Högel ist 1999 von Wilhelmshaven nach Oldenburg gewechselt. Die neue Arbeitsstelle in der namhaften Klinik, das anspruchsvolle Umfeld – könnte Högel hier erstmals den Drang verspürt haben, seine besondere Eignung für den Job unter Beweis stellen zu wollen? In Wilhelmshaven, wo Högel 1994 seine Ausbildung begonnen hat und anschließend als Pfleger arbeitet, findet die Soko keine Hinweise auf Tötungen. Aber Schmidt sagt auch: „Sicher bin ich mir nicht.“

Högel nimmt seine Arbeit in Oldenburg am 15. Juni 1999 auf. Wie alle neuen Kollegen wird er eingearbeitet, ein erfahrener Kollege begleitet ihn die nächsten Wochen. Aber irgendwann ist Högel allein mit den Patienten. Fangen hier vielleicht die Morde an? Im Spätsommer oder Herbst 1999?

Seit Mai 2016 vernehmen Schmidt und Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann Högel sechsmal. 30 Stunden lang sind die Aufnahmen der Gespräche insgesamt, die Schriftfassung der Protokolle ist 900 Seiten lang. In diesen Gesprächen räumt Högel ein, bereits 1999 Patienten in Krisensituationen gebracht zu haben. Nachweise findet die Polizei hierfür keine. Möglicherweise haben die Patienten die Taten auch überlebt, dann ist ein Nachweis ohnehin nicht mehr möglich – abgesehen davon, dass die Körperverletzung mittlerweile verjährt wäre. Oder ihre Leichen sind verbrannt worden.

Auf der Pressekonferenz betonen die Ermittler immer wieder, dass es ein großes Dunkelfeld gebe. Wie groß es ist, das mag keiner beziffern. Zwar könne man hochrechnen, sagt Arne Schmidt, „aber Mathematik hat in der Strafverfolgung nichts zu suchen“. Vielleicht vermittelt diese Zahl einen Eindruck von dem, was denkbar ist: Im Zuge der Högel-Ermittlungen leiten die Behörden 332 Strafverfahren wegen Mordverdachts ein. Die Soko untersucht auch Einsatzprotokolle von Rettungsdiensten und Akten aus Altenheimen, wo Högel zwischenzeitlich arbeitet. Tatnachweise finden die Ermittler nicht. „Högel selbst bestreitet, im Rettungsdienst Manipulationen vorgenommen zu haben“, sagt Schmidt.

Darf man Högel glauben?

Als in den Jahren 2014 und 2015 in Oldenburg wegen sechs Taten der Prozess gegen ihn geführt wird, räumt Högel zwar ein, insgesamt rund 30 Morde in Delmenhorst begangen zu haben. Er bestreitet aber vehement, zuvor auch in Oldenburg getötet zu haben. Erst als die Ermittler ihm später unwiderlegbare Beweise präsentieren, gesteht er. Högel ist nicht nur ein Mörder. Er ist nachweisbar auch ein Lügner.

Zuvor war die Familie des Landwirts Rudolf Rupp unter zweifelhaften Umständen wegen Mordes zu Haftstrafen verurteilt worden. 2009 entdeckte man den Mercedes des Bauern mit seiner Leiche in der Donau nahe Neuburg. Die Familie wurde freigesprochen.
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Foto: Barbara Wild

Schmidt sagt: „Das ist ein Ermittlungskomplex, der uns selbst an den Rand der Sprachlosigkeit gebracht hat – trotz aller Erfahrung.“ Die Soko wird jetzt aufgelöst, die Ermittler kehren in ihre alten Dienststellen zurück. Von dort werden sie die restlichen Arbeiten erledigen. Unter anderem sind 41 Ergebnisse von rechtsmedizinischen Gutachten offen. Und danach?

Oberstaatsanwältin Schiereck-Bohlmann kündigt an, dem Landgericht Anfang 2018 eine Anklage wegen Mordes in 84 Fällen zuzustellen. In zwei von 90 Fällen ist Högel ja bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden; vier weitere Morde sehen die Ermittler weiterhin als erwiesen an, obwohl in diesen Fällen das Landgericht Oldenburg Anfang 2015 anders urteilt.

Im kommenden Jahr könnte dann ein weiterer Prozess in Oldenburg eröffnet werden. Schiereck-Bohlmann geht davon aus, dass Högel abermals verurteilt wird. An seinem Strafmaß wird das nichts ändern. Mehr als lebenslänglich sieht das deutsche Strafrecht nicht vor.

Niels Högel: So sieht es in seiner Zelle aus

Niels Högel sitzt in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg. Er lebt hinter einer grünen Stahltür, so wie alle anderen hier auch. Auf 9,9 Quadratmetern, gefüllt mit Haftraumstandard: ein Multiplex-Holzbett mit zwei integrierten Regalböden; ein abnehmbares Wandregal, 40 mal 40 Zentimeter; ein Kleiderschrank, zwei Meter hoch und 50 Zentimeter breit; ein Sideboard für Lebensmittel; ein Stuhl; ein Fernsehtisch. Abgetrennt der Waschraum. Vor jedem Fenster hängt ein nichtbrennbarer Vorhang, hinterm Fenster ragen zuerst viereinhalb Meter Stacheldrahtzaun auf, dann sechseinhalb Meter Mauer. Irgendwo dahinter muss Oldenburg sein. Und die Welt. Eine Welt, die Niels Högel wohl nie mehr sehen wird.

Sechseinhalb Meter Stein verhindern nicht, dass ein Gefangener Kontakt nach draußen aufnimmt. Högel, so hieß es zumindest vor ein paar Monaten, ist da offenbar besonders rege. Er versucht, Einfluss auf die mediale Darstellung seiner Geschichte zu nehmen, auch auf ihre Vermarktung. Menschen, die Högel in den letzten Jahren erlebt haben, bezeichnen ihn als eitel, als Narzisst gar. Im letzten Prozess berichten Mithäftlinge, er habe regelrecht Hof gehalten im Gefängnis. Das soll mittlerweile vorbei sein, ist von Insidern zu hören.

Mithäftlinge werden irgendwann wieder entlassen – so wie Lars T., wie Högel gelernter Krankenpfleger. „Högel und ich haben uns kennen- und schätzen gelernt“, erzählt er. „Uns verbindet eine Freundschaft.“ Er besuche Högel auch. Lars T. arrangiert dessen Außenleben, also außerhalb der Gefängnismauern. Den Kontakt zu den Eltern in Wilhelmshaven. Zu Journalisten. Sagt er damals zumindest.

„Högel will sich öffnen. Er ist mehr und mehr bereit, mit der Presse zusammenzuarbeiten“, fügt Lars T. noch hinzu. Als ob das so einfach wäre für einen Serienmörder, dem der größte Prozess noch bevorsteht. Lars T. sucht offenbar auch Kontakt zu Angehörigen von Högel-Opfern. Warum? Geld habe er nie gewollt, sagt einer, der Lars T. kennt.

Sogar Fotos von Högel finden ihren Weg durch die Mauer. Im Nachrichtenmagazin Spiegel  taucht Ende 2016 ein Bild von Högel auf, offenbar aktuell, offenbar aufgenommen in der JVA. Fotografiert mit einem Handy? JVA-Chef Gerd Koop sagt, es komme vor, dass Mobiltelefone in den Knast geschmuggelt werden – trotz des Einsatzes von Ortungsgeräten.

Es wird noch unendlich viel aufzuarbeiten sein in diesem Fall. In den Kliniken, bei den Behörden, vor allem vor Gericht. Auch wenn das Menschen wie Dieter M. nicht mehr lebendig machen wird.

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