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Rammstein, Gabalier, Frei.Wild – alles Rechte?

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Kommentar Von Wolfgang Schütz
02.04.2019

Wegen eines Konzerts am Hitler-Geburtstag gibt es mal wieder Wirbel um Frei.Wild. Mit immer den gleichen Reflexmustern. Das ist gefährlich.

Das Muster erscheint ermüdend gleichförmig. Die Heftigkeit aber flaut nicht ab. Die nächste Runde also – hin und her. Vergangene Woche ernteten Rammstein reichlich Empörung, weil sie sich in einem vorab veröffentlichten Ausschnitt aus ihrem neuen Video als Holocaust-Opfer stilisierten – und der Empörung folgte Gegen-Empörung.

Zuvor erntete reichlich Empörung, dass ausgerechnet Andreas Gabalier den Karl-Valentin-Orden erhielt, weil er mindestens reaktionär, wenn nicht rechts sei – und der Empörung folgte Gegen-Empörung. Und nun sind also mal wieder Frei.Wild dran.

Frei.Wild will notfalls anderswo in Flensburg spielen

Reichlich Empörung diesmal, weil die Südtiroler doch mit ihrem Wagenburg-Patriotismus für den neuen Nationalismus anschlussfähig seien und ausgerechnet an Hitlers Geburtstag in Flensburg ein Konzert geben wollten – wo das doch 1945 die letzte NS-Reichshauptstadt war. Ergebnis jedenfalls: Die Empörten unter der Führung von SPD-Bürgermeisterin Simone Lange verhinderten den Abend in der Flens-Arena, weil es nach der Verlegung aus einer kleineren Halle dort noch keinen unterschriebenen Mietvertrag gab.

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Frei.Wild hat freilich Widerspruch gegen das Urteil des Landgerichts eingelegt, will notfalls halt anderswo in der Stadt spielen – und freilich hagelt es dazu nun, wie in den Fällen von Rammstein und Gabalier, reichlich Empörung aus der Gegenrichtung.

Man muss nicht über jedes Provokationsstöckchen springen

Jetzt kann man ja fragen: Sind die alle noch ganz dicht? Denn zum einen: Was sollte es denn sonst sein als eine Provokation genau jener Reflexe, wenn Rammstein gerade diesen Schnipsel vorab veröffentlicht haben – und also schlicht Werbung mit dem Holocaust-Effekt in eigener Sache machten, um sich dann sicherlich mit einem Grinsen als ach so viel umfassendere Reflektierer der deutschen Geschichte im gesamten Video präsentieren zu können?

Das kann man schon billig und ungehörig finden – selbst wenn man dadurch das Spiel mitspielt, das die Herren um Sänger Lindemann ja auch schon mit Leni-Riefenstahl-Ästethik betrieben haben.

Sänger Till Lindemann von Rammstein
Bild: Axel Heimken, dpa

Man muss zwar wirklich nicht über jedes Provokationsstöckchen springen – was bei der durch die „Sozialen Medien“ befeuerten Empörungsgesellschaft zwar immer schwieriger wird. Aber unempfindlich für gewisse substanzielle Brüche darf man darüber eben auch nicht werden.

Das Schwert gegen "die Rechten" wird immer stumpfer

Und darum zum anderen: Das Schwert gegen „die Rechten“ wird auch immer stumpfer, je öfter man es einsetzt – weil das, anders als beim irgendwie immer noch okay wirkenden Linken, ja immer den Vorwurf des Radikalen impliziert. Ja, Andreas Gabalier hat sich mal mit FPÖ-Mann Strache solidarisiert und zweifelt auf eine durchaus AfD-nahe Art in Songs wie „A Meinung haben“ die herrschende Regierungsform der repräsentativen Mehrheitsdemokratie an.

Und ja, Philipp Burger hat vor seiner Zeit als Frei.Wild-Sänger in der Jugend mal wirklich Neonazi-Musik gemacht, und das selbstbewusst trotzige „Wir“ in seinen Texten mag kein ethnisch buntes Völkchen zum Pogo anlocken. Aber weder der Steirer noch die Südtiroler sind doch deshalb Rechte, Radikale, Demokratiegefährder!

Sänger Philipp Burger mit seiner Band Frei.Wild
Bild: Sab, dpa

Wir sollten uns unsere Empörung für die wirklich wichtigen Dinge aufsparen

Und durch deren Musik und Identitätskonzepte wird auch keiner in diesem Sinne zum Rechten. Und überhaupt: Warum empört sich eigentlich keiner, dass in Augsburg an Hitlers Geburtstag die Wagner-Oper „Walküre“ Premiere feiert?

Es geht hier auf vielen Seiten um eine Art Rammstein-Effekt. Die Verantwortlichen beim Valentin-Orden wussten genau, dass ihre Wahl ihnen Aufmerksamkeit bescheren würde. Und Flensburgs Bürgermeisterin wusste, dass sie sich gegen Frei.Wild bei ihrer Klientel profilieren kann. Skandal verkauft sich. Dabei würden wir alle gut daran tun, uns unsere Empörung für die wirklich wichtigen Dinge aufzusparen – und uns dann auch zu engagieren, nicht nur zu blöken, in die eine oder die andere Richtung. Sonst sind wir bald wirklich alle nicht mehr ganz dicht.

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06.04.2019

Rechts ist nicht negativ.
Es gibt rechtsextrem, rechtsradikal

Permalink
06.04.2019

Sehr geehrter Herr Schütz,

ich persönlich finde Ihren Kommentar sehr grenzwertig. Warum nicht empören? Gabalier, Frei.Wild, Rammstein sind rechts anzusiedeln. Das Schwert gegen die Rechten wird erst dann stumpf, wenn wir solche Sachen, wie z. B. das neue Rammstein-Video kommentarlos hinnehmen und verharmlosen. Empörung ist immer dann angebracht, wenn wir es als solche empfinden. Ich würde Ihnen empfehlen das Buch "Empört Euch" von Stéphane Hessel zu lesen. Und sich nicht erst zu empören, wenn es wieder zu spät ist!

Permalink
06.04.2019

Haben Sie das ganze Video gesehen? Ich denke nein, sonst würden Sie Rammstein nicht rechts ansiedeln. Da werden im Laufe des Clips, die SS-Henker von den KZ-Häftlingen, mit sehr blutigen Kopfschüssen, hingerichtet. Hier ein Textauszug:
Deutschland – deine Liebe
Ist Fluch und Segen
Deutschland – meine Liebe
Kann ich dir nicht geben
Sehr rechts, gell???

Permalink
06.04.2019

P.S.
Eventuell sollte sich Herr Schütz das Video auch in voller Länge betrachten.

Permalink
04.04.2019

Ja, alles Rechte.
Wie man sieht, zeigt die Propaganda bei manche Journalisten bereits Wirkung.

Permalink
04.04.2019

Mann, Mann, Mann
Glauben Sie das wirklich?

Permalink
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