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Münster

09.04.2018

Zwei Verletzte schweben nach Amokfahrt in Lebensgefahr

Die Polizei sperrte den Tatort in Münster nach der Todesfahrt ab. Mittlerweile ist viel über Jens R. bekannt.
Bild: Friso Gentsch, dpa

Drei Tote, mehr als 20 Verletzte: Die Amokfahrt in Münster war laut Polizei die Tat eines Einzeltäters. Zwei Verletzte schweben weiterhin in Lebensgefahr.

Die Amokfahrt mit insgesamt drei Toten in Münster war womöglich die Tat eines psychisch labilen Mannes. Es gebe keine Hinweise auf ein politisches Motiv oder weitere Täter, teilte die Polizei mit. Der Mann habe sich in einem langen Schreiben auch zu Suizid-Gedanken geäußert. Der 48-jährige Jens R., der am Samstagnachmittag in eine Menschenmenge vor einem Lokal in Münster gerast war, soll Kontakt zum Gesundheitsamt der westfälischen Stadt gehabt haben.

Ende März habe sich der Mann mit einer E-Mail unter anderem an einen Nachbarn gewandt, teilte die Polizei am Sonntag mit. "Aus dem Inhalt ergaben sich vage Hinweise auf suizidale Gedanken, aber keinerlei Anhaltspunkte für die Gefährdung anderer Personen."

Polizei geht von einem Einzeltäter aus

Der Polizeipräsident von Münster, Hajo Kuhlisch, sagte, die Ermittler gingen daher davon aus, "dass die Motive und Ursachen in dem Täter selber liegen". Nach dpa-Informationen stammt der Mann aus dem sauerländischen Olsberg, er wuchs in Brilon auf und lebte als erfolgreicher Industriedesigner in Münster.

Weitere Täter würden nicht gesucht, teilte die Polizei mit. Man gehe von der Tat eines Einzeltäters aus, sagte eine Polizeisprecherin. Zunächst waren die Ermittler Zeugenaussagen nachgegangen, wonach zwei Menschen aus dem Auto gesprungen und geflüchtet sein sollen.

Es würden zwar nach wie vor auch mögliche andere Hintergründe geprüft. "Aber es spricht schon sehr, sehr viel dafür, dass es ein Einzeltäter war", sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Montagmorgen im Deutschlandfunk. "Es sieht ganz so aus, dass es sich um einen psychisch labilen und gestörten Täter handelt, der offensichtlich schon länger darüber nachgedacht hat, sich das Leben zu nehmen." Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Reul betonten bei einem Besuch am Tatort am Sonntag, es werde nie absolute Sicherheit geben. "Das geht nicht. Wir können nur das Bestmögliche machen", so Reul.

Am Samstag ist ein Kleinbus in Münster in eine Gruppe von Menschen gerast. Zwei Menschen kamen ums Leben, mehr als 20 wurden zum Teil schwer verletzt.
11 Bilder
Kleinbus fährt in Menschenmenge: Tote und Verletzte in Münster
Bild: dpa

Jens R. soll über Zusammenbrüche geschrieben haben

Nach Informationen von WDR , NDR und Süddeutscher Zeitung soll der Mann in der Mail an Bekannte aufgearbeitet haben, was in seinem Leben schiefgelaufen sei und wer daran Schuld trage. In der Wohnung des 48-Jährigen im sächsischen Pirna sei außerdem ein älteres, 18-seitiges Schreiben entdeckt worden.

Darin verarbeite der spätere Amokfahrer Kindheitserlebnisse und frühe, von ihm als demütigend empfundene Erfahrungen. Dazu zählten laut WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung gravierende Problemen mit seinen Eltern, Schuldkomplexe, nervliche Zerrüttung und wiederkehrende psychische Zusammenbrüche.

Die Polizei bestätigte den Fund des Schreibens nicht. Sie teilte aber mit, dass Polizisten wegen der Mail die Wohnungen des Mannes in Sachsen und Münster aufgesucht, den Mann aber nicht angetroffen hätten. Es sei nun wichtig, "ein möglichst umfassendes Bild über das Verhalten des Täters in den Vorwochen zu erhalten". So hofften die Ermittler auf eine Spur bei der Suche nach einem Motiv für die Tat.

Nach der Amokfahrt sprachen Seehofer und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Sonntag gemeinsam Opfern und Angehörigen ihr Mitgefühl aus. "Wir hoffen inständig und beten dafür, dass die Verletzten wieder gesund werden", sagte Seehofer. Er dankte ebenso wie Reul Polizei und Sicherheitskräften - und auch den Medien, die sich verantwortungsbewusst verhalten und "sachgerecht" berichtet hätten.

Laschet lobte die Besonnenheit und Solidarität der Münsteraner nach der Tat. Er wünsche sich, dass "diese besondere Münsteraner Erfahrung einer Friedensstadt" auch diejenigen erreiche, die "ganz schnell bei Twitter und anderswo wieder das Hetzen begonnen haben". Für die Angehörigen sei die Religion der Täter egal, sie hätten einen Menschen verloren. "Und diesen Respekt sollte man immer im Blick haben."

Drei Menschen starben bei Todesfahrt in Münster

Der Mann war am Samstag um 15.27 Uhr mit einen silberfarbenen Campingbus im Zentrum von Münster in eine Menschengruppe vor einer beliebten Gaststätte gerast, danach hatte er sich im Wagen erschossen. Bei den drei Todesopfern handelt es sich unter anderem um eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg (Niedersachsen) und einen 65-jährigen Mann aus dem Kreis Borken (Nordrhein-Westfalen). In der Uniklinik gab es außerdem mehrere Notoperationen. Laut Polizei schweben derzeit noch zwei der rund 20 Verletzten in Lebensgefahr.

Die Polizei durchsuchte in Sachsen und Münster insgesamt drei Wohnungen des Amokfahrers und eine Halle. Auch aus diesen Durchsuchungen ergaben sich keine Hinweise auf ein politisches Tatmotiv, wie es hieß. Bei der Durchsuchung fand die Polizei eine nicht brauchbare Maschinenpistole vom Typ AK47. Experten des Landeskriminalamts aus Düsseldorf entdeckten im Wagen des Mannes zudem die Waffe, mit der sich der Täter erschossen hatte, sowie eine Schreckschusswaffe und rund ein Dutzend Feuerwerkskörper.

Einwohner der Stadt suchen nach Erkärungen

Nach den Bildern aus Münster suchen auch die Einwohner der Stadt weiter nach Erklärungen. "Die Menschen haben jetzt gemerkt, dass es auch für sie ein Restrisiko gibt. Nicht nur Berlin oder München - nein, es kann auch uns in Münster treffen, das haben die Menschen jetzt begriffen", sagt der Münsteraner Psychologe Steffen Fliegel.

"Zusätzlich macht es die Sache schwierig zu begreifen, weil die Menschen denken, das hätte man doch, im Gegensatz zu einem technischen Defekt an einem Fahrzeug, verhindern können", sagt der Psychologe. Aber das sei nicht richtig: "Wir müssen lernen, damit zu leben, dass es in unserer Gesellschaft ein Restrisiko gibt", sagt Fliegel.

Hunderte gedachten der Opfer bei Gottedienst in Münster

Bereits am Samstagabend versammelten sich Bürger, um gemeinsam zu trauern. Mit brennenden Kerzen und gemeinsamem Gebet gedachten Hunderte von Menschen zudem am Sonntagabend im Paulusdom zu Münster der Opfer der Amokfahrt. Die rund 700 Sitzplätze im Dom waren voll besetzt. Zu den Gästen gehörten auch Rettungssanitäter und Feuerwehrleute, die am Samstag im Einsatz waren. Dicht gedrängt füllten weitere Besucher das Kirchenschiff.

"Lassen Sie sich auch in ihrem schweren Leid von dieser großartigen Solidarität stützen und tragen", sagte Bischof Genn an die Betroffenen und die Angehörigen der Opfer gewandt. Auch den Amokfahrer bezog er mit ein: "Und so beten wir für die Toten. Auch für den, der das verursacht hat. Wie mag es den Angehörigen dieses Mannes gehen?", fragte Genn. (AZ, dpa)

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09.04.2018

>> ... sagt der Psychologe. Aber das sei nicht richtig: "Wir müssen lernen, damit zu leben, dass es in unserer Gesellschaft ein Restrisiko gibt", sagt Fliegel. <<

Was hat sich denn an dem Restrisiko geändert, dass seit 2017 der Plärrer mit Fahrzeugsperren und Taschenkontrollen gesichert wird?

Warum ging es 50 Jahre ohne diese Maßnahmen gegen das "Restrisiko"?

Und warum "müssen" wir überhaupt etwas, ohne vorher darüber zu sprechen?

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