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Medizin

31.08.2011

„Das ist Behinderten-Diskriminierung in schlimmster Form“

Das Bild stammt aus einer Ausstellung der Selbsthilfegruppe Down-Syndrom Augsburg. Kritiker des neuen Tests warnen vor Selektion.
Bild: Martin Beck

Empörung über Annette Schavan: Ihr Ministerium fördert Gentests an Ungeborenen auf das Down-Syndrom.

Augsburg Ein paar Tropfen Blut der werdenden Mutter sollen Aufschluss über Erbgut und Gesundheitszustand des ungeborenen Kindes geben. Das verspricht ein neuer Test, der schon in der frühen Schwangerschaft im Blut der Mutter beim Embryo das Down-Syndrom feststellen soll. Das Bundesforschungsministerium förderte dieses Projekt im vergangenen Jahr mit 230000 Euro – und löste damit große Empörung aus.

Die Erinnerung an die Debatte um die Präimplantationsdiagnostik (PID) ist noch frisch, das Ergebnis der Abstimmung im Bundestag bekannt: Künstlich erzeugte Embryonen dürfen künftig in Einzelfällen auf Erbkrankheiten untersucht werden. Die Diskussion über die moralische und ethische Vertretbarkeit einer solchen Untersuchung ist wieder entfacht und könnte die Gesellschaft ähnlich spalten.

Sogar in den eigenen Reihen wird CDU-Ministerin Annette Schavan für die Projektförderung kritisiert. Hubert Hüppe, Parteikollege und Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, griff Schavan scharf an: „Das ist Behinderten-Diskriminierung in der schlimmsten Form.“ Es sei nicht hinnehmbar, dies mit öffentlichen Geldern zu fördern.

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Ein Konstanzer Unternehmen prüft derzeit das neue Testverfahren, das eine ungefährliche Alternative zur Fruchtwasseruntersuchung sein soll. Im Blut der Mutter können die Wissenschaftler anhand von DNS-Fragmenten des Kindes Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt, erkennen. Doch das soll erst der Anfang sein: Die Wissenschaftler hoffen, bald auch andere Erbkrankheiten nachweisen zu können.

Eine Fruchtwasseruntersuchung ist riskant, weil es in einem von hundert Fällen zu einer Fehlgeburt kommt. Allerdings wird sie in der Regel zwischen der 14. und der 16. Schwangerschaftswoche durchgeführt, das neue Verfahren hingegen könnte Gendefekte schon in der zehnten Woche nachweisen. Bis zur zwölften Woche, erklärt Rita Klügel, Expertin für Pränataldiagnostik bei Donum Vitae Augsburg, ist ein straffreier Schwangerschaftsabbruch möglich. Sie fürchtet, dass die Zulassung dieses Tests zu einer Schwangerschaft auf Probe führt.

In 90 Prozent werden Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben

Auch der Behindertenbeauftragte Hüppe befürchtet Selektion und nennt den Test eine „Rasterfahndung mit dem einzigen Ziel, Menschen mit Behinderung auszusortieren und zu töten“. Nach Medizinerangaben führen positive Befunde von Trisomie 21 in über 90 Prozent der Fälle zur Abtreibung. Aus ihrer Erfahrung sieht Donum-Vitae-Fachfrau Klügel eine große Gefahr, wenn diese Untersuchung zur Routine würde: „Der innere und der gesellschaftliche Druck auf Schwangere würde noch weiter steigen.“

Die katholische Kirche teilt diese Sorge: Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger sieht werdende Eltern dem erhöhten Druck ausgesetzt, „unter Umständen einer Abtreibung zuzustimmen“. Ein solcher Test stehe im Widerspruch zum Lebensrecht und zur Menschenwürde. Dieses Projekt sei ein „Skandal“. Es stelle die ganze Gesellschaft vor die Herausforderung, „ein klares Pro für Menschen mit Behinderung auszusprechen“.

Das Bundesforschungsministerium wies die Vorwürfe Hüppes als „absurd“ zurück: „Es ist ethisch unvertretbar, die Weiterentwicklung einer in Deutschland angewandten Untersuchungsmethode nicht fördern zu wollen, die das ungeborene Leben und die werdende Mutter besser schützen könnte“, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Ministerium, Thomas Rachel. Eine alternative, sichere Methode ohne das Risiko einer Fehlgeburt wäre ein Fortschritt für die Gesundheit von Mutter und Kind.

Das Konstanzer Unternehmen hofft, die Tests nach erfolgreichem Probelauf im Frühjahr 2012 auf den Markt zu bringen. Die Kosten müssten Paare zunächst privat aufbringen: Schätzungen zufolge dürften es um die 1000 Euro pro Untersuchung sein. (mit dapd, kna)

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