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Die alte Hauptstadt
04.08.2019

Wie unser früherer Bonn-Korrespondent die alte Hauptstadt sieht

Das, was auch der Besucher von Bonn kennt: Blick auf die Stadt, den Rhein und das Siebengebirge.
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Das, was auch der Besucher von Bonn kennt: Blick auf die Stadt, den Rhein und das Siebengebirge.
Foto: Rainer Unkel, Imago Images

Mehr als 40 Jahre lang wurde in Bonn Bundespolitik gemacht. Auch für unseren ehemaligen Korrespondenten waren es spannende Zeiten. Und heute?

Wir reden von Mitte der 1960er Jahre. Rund um den runden Tisch, der in einer Ecke des Restaurants im damaligen Bundestag stand, versammelte sich jeden Mittag eine Gruppe Journalisten im fortgeschrittenen Alter. Während der Sitzungswochen des Parlaments schlenderten, wie zufällig, immer Politiker daran vorbei – erkennbar in der Hoffnung, zum Platznehmen aufgefordert zu werden. Dieses Privileg wurde freilich nicht jedem Abgeordneten zuteil. Minister sollte er – eine politische „sie“ von Rang gab es noch nicht – schon sein, oder zumindest Staatssekretär, Parteivorsitzender oder Fraktionschef.

Das war damals, keine Frage, eine polit-journalistische Klassengesellschaft. Aber nicht nur als Politiker, auch als junger Schreiberling, der neu in Bonn war, schlich man um den Tisch medialer Größen und fragte sich: „Warum kommt keiner von diesen alten Säcken auf die Idee, mich dazu zu bitten?“ Und tatsächlich, auf diese Idee kam keiner.

Tempi passati, vergangene Zeiten. Vorbei die Zeit, als die „Tagesschau“ mit den Worten „Bonn“ begann. Vorbei die Zeit, als am Rhein Bundespolitik gemacht wurde. Vielmehr fragt man sich in diesen Tag wieder, was ist aus der alten Hauptstadt geworden – 20 Jahre nach dem großen Umzug von Bundesregierung und Bundestag nach Berlin.

Wer heute nach Bonn kommt, wer den Rhein entlangspaziert, genießt nicht nur den Blick auf das romantische Siebengebirge mit Petersberg-Hotel und Drachenfels, er kann auch bundesdeutsche Geschichte erleben. 64 Stationen umfasst der „Weg der Demokratie“. Orte, die die deutsche Nachkriegsgeschichte geprägt haben.

Mit ein bisschen Glück erklärt Norbert Blüm die Stationen auf dem Weg der Demokratie

Wer will, kann Führungen buchen. Und bekommt mit ein bisschen Glück sogar Erklärungen von Personen, die selbst ihren Anteil am Aufbau dieser Demokratie haben. Von Norbert Blüm zum Beispiel, dem scheinbar ewigen Arbeitsminister unter Helmut Kohl. Oder von Rudolf Seiters, lange Kanzleramtschef und Bundesinnenminister, der nach einer tödlich verlaufenen Festnahme zweier RAF-Terroristen im mecklenburgischen Bad Kleinen als Bundesinnenminister zurücktrat. Es sind Begegnungen, die Geschichte durch Geschichten lebendig werden lassen. Das gilt natürlich auch für die eigene Erinnerung.

Der Weg führt weiter den Rhein entlang – und plötzlich findet man sich vor dem Haupteingang des alten Bundeshauses, der früheren Heimat des Bundestags. Meine Güte, wie oft ist man hier hineingegangen – meist, um auf die Pressetribüne des Plenarsaals zu gelangen, oft aber auch, um einen Plausch in der Buchhandlung zu halten. Wie oft kam hier ein Minister heraus, um sich im „Bundesbüdchen“ auf der anderen Straßenseite einen Knacker zu kaufen.

Das einstige Parlamentsgebäude und sein Umfeld haben in den letzten 20 Jahren ordentlich Veränderungen über sich ergehen lassen müssen. Vor allem seit die Vereinten Nationen Bonn einen völlig neuen, internationalen Nimbus verliehen haben. Dank erfolgreicher diplomatischer Lobby-Arbeit der Bundesregierung und energischer kommunaler Anstrengungen haben sich 18 UN-Organisationen hier angesiedelt. Darunter das oft bespöttelte „Sekretariat des Abkommens zur Erhaltung der europäischen Fledermaus-Population“, aber auch das „Sekretariat zur Klimapolitik“ sowie wichtige Sparten der „Universität der Vereinten Nationen“.

Früher begegnete man noch Hans-Dietrich Genscher beim Einkaufen

Nein, Bonn ist keineswegs in der politischen Bedeutungslosigkeit versunken. Der normale „Bönnsche“ freilich registriert keinen besonderen Unterschied zu den 40 Regierungsjahren. Gut, damals konnte es schon mal passieren, dass man Hans-Dietrich Genscher am Wochenende beim Einkaufen begegnete. Heute bekommt man stattdessen auf dem Markt höchstens unbekannte Sprachen zu hören – die Stadt ist eben bunter geworden. Als Zugeständnis an die neue Internationalität hat die Stadt einen neuen Bahnhof bekommen. Na ja, eher einen Haltepunkt. Der „UN-Campus“ zwischen Bonn und Bad Godesberg soll vor allem UN-Bediensteten den Weg zum Arbeitsplatz erleichtern.

Meist nimmt der Bonner die „UN-Stadt“ ziemlich gelassen hin. Aber Kritik gibt es, natürlich. Schon, weil das einstige Regierungsviertel durch die immense Bautätigkeit sein Gesicht nach und nach verloren hat. Weil der Bau eines Kongresszentrums samt Luxushotel, den die Vereinten Nationen gefordert hatten, die Stadt an den Rand der Pleite brachte. Oder die UN-Klimakonferenz 2017, die die finanziell klammen Fidschi-Inseln ausrichten sollten, für die dann aber die Bundesregierung einspringen musste. Die Folge: 117 Millionen Euro Kosten und für viele Monate 55000 Quadratmeter zerstörter Rasen im Rheinaue-Freizeitpark.

Ein paar Minuten später steht man vor dem „Langen Eugen“. Der Kubus war früher das Arbeitszentrum der Abgeordneten und mit 115 Metern lange das höchste Gebäude Bonns. Von einem bestimmten Punkt im obersten Stockwerk aus hatte man den Eindruck, hoch über der Mitte des Rheins zu stehen. Seinen Spitznamen hat es übrigens dem eher klein gewachsenen früheren Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier zu verdanken, der den Bau seinerzeit gegen massive öffentliche und mediale Widerstände durchgeboxt hatte.

O ja, Gerstenmaier. Mit diesem Namen verbindet der junge Korrespondent ganz eigene Erinnerungen. Die Arbeitsräume der allermeisten Berichterstatter, muss man wissen, befanden sich bis Mitte 1976 in ziemlich primitiven Baracken gegenüber dem Eingang des Bundeshauses. Die Wände waren so dünn, dass man hören konnte, was der Kollege nebenan den nächsten Tag in seiner Zeitung veröffentlichte. Es sei denn, die Fernschreiber ratterten zu laut. Die Baracken gehörten dem Deutschen Bundestag; die Presse war dort also nur zur Miete und im Zweifel von der Gunst des Parlamentspräsidenten abhängig. Gerstenmaier war ein hoch gebildeter und intelligenter Mann, aber auch eitel und für Kritik gar nicht empfänglich. Immer, wenn er etwas Unerfreuliches über sich las, hagelte es in den Pressebaracken Mietkündigungen.

Auf dem Gelände der Baracken erhebt sich jetzt der graue, hässliche Monumentalbau des World Conference Center Bonn (WCCB) samt Fünf-Sterne-Hotel und unterirdischer Verbindung zum ehemaligen Zentrum des westdeutschen Nachkriegsparlamentarismus. Dort, im berüchtigten Bundestagsrestaurant, paarte sich am 20. Oktober 1971 historisches Geschehen mit simplem Journalistenglück. Ein Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion rannte gestikulierend durch das Restaurant. Zu verstehen war nur „Willy“ und „Nobelpreis“.

Das zuständige Komitee in Stockholm hatte kurz zuvor seine Entscheidung verkündet, Willy Brandt wegen dessen Ostpolitik den Friedensnobelpreis zu verleihen. Im Restaurant hielt sich zu dem Zeitpunkt Hermann Höcherl auf, CSU-Mann und früher einmal Bundesinnenminister. Der Christsoziale rief aufgeregt: „Nobelpreis für Brandt. Das ist doch eine Ehre für Deutschland. Ich muss ihm gratulieren.“ Und weil Höcherl einen „Chauffeur“ brauchte, wurde der Reporter Zeuge der Freudenparty im Brandt-Haus auf dem Venusberg. Exklusiv, versteht sich …

Die war vor allem das Unbehagen gegenüber Berlin

Der 20. Juni 1991 ist noch so ein Moment, den man nicht vergisst. Um 21.47 Uhr verkündete Rita Süssmuth, damals Bundestagspräsidentin, das Parlament habe mit 337 gegen 320 Stimmen beschlossen, Berlin solle wieder Hauptstadt des inzwischen vereinten Deutschlands werden. Für die tausenden auf dem Marktplatz versammelten Bürger schien in diesem Moment die Welt unterzugehen. Es war nicht nur die Existenzangst von Ladeninhabern oder Immobilienhändlern, die Unlust gegenüber der demnächst erforderlichen Mobilität, sondern zuvorderst das Unbehagen vor dem Unbekannten, Neuen dort im Osten. Berlin – war von dort schon jemals etwas Gutes gekommen?

Nur die älteren Jahrgänge dürften sich noch an die erbitterten Kämpfe um Mehrheiten für oder gegen Bonn erinnern. An die Drohung der Berliner um den damaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen, sie würden eine Niederlage nie akzeptieren. Und nach wie vor hält sich die Mär, es sei – quasi im Alleingang – Wolfgang Schäuble mit seiner mitreißenden Pro-Berlin-Rede gewesen, der damals die Entscheidung herbeiführte. Tatsächlich war es Helmut Kohls langjähriger Weggefährte und späterer erbitterter Feind Heiner Geißler, der den entscheidenden Kompromiss namens Berlin/Bonn-Gesetz zimmerte. Das besagt: Sechs Ministerien behalten ihren ersten Dienstsitz in Bonn, hinzukommen „per Gesetz“ Post, Postbank und Telekom plus Einrichtungen der Vereinten Nationen, die sich in den früheren Parlamentsgebäuden und rund um den einstigen Bundestag ansiedeln.

Eine Milliarde Euro ist in die Stadt geflossen

Ja, Bonn hat sich verändert. Das spürt so mancher, der nach Jahrzehnten wieder hierherkommt und Mühe hat, sich zurechtzufinden. Wo sich einst das alte Bonner Stadion befand, ragt jetzt das höchste Bauwerk Bonns in den Himmel – der trotz seiner gewaltigen Ausmaße elegant wirkende Tower der Deutschen Post. Das Adenauer-Hochhaus der CDU ist verschwunden, ebenso das SPD-Zentrum gegenüber. Was man hier, zwischen „Alt“-Bonn und dem Stadtteil Bad Godesberg, sieht, ist erfolgreicher Strukturwandel allerorten. Allerdings ist in diesen auch rund eine Milliarde Euro geflossen. Während das Regierungsviertel um das Jahr 1990 knapp 21000 Arbeitsplätze bot, sind es heute mehr als 45000.

Die Stadt wächst – auf mittlerweile 330000 Einwohner. Und: Sie ist erkennbar jünger geworden. Keine Frage, davon haben die alteingesessenen Bekleidungs- und Ausstattungshäuser wenig, sie sind praktisch verschwunden. Dafür boomt die alternative Musikszene. Wirtschaftlich ist der Wandel ohne Zweifel weitgehend geglückt. Abgesehen mal vom leidigen Wohnungsproblem sowie den fehlenden Kitaplätzen und den Dauerbaustellen.

Wie sich das neue, jüngere Bonn verändert hat? Schon zu Hauptstadtzeiten konnte der aufmerksame Beobachter ein seltsames Phänomen ausmachen: Es gab nicht das eine Bonn, sondern eigentlich drei – das traditionell bürgerliche, das universitäre und das politische. Diese drei haben sich nie wirklich vermischt, sondern ihr jeweiliges Eigenleben geführt. Ob sich daran etwas ändert?

Das politische Bonn jedenfalls kann sich noch immer auf das Berlin/Bonn-Gesetz verlassen, das der alten Hauptstadt einen Sonderstatus einräumt. Sechs von 14 Bundesministerien haben demnach ihren Hauptsitz am Rhein. Darüber, wie zeitgemäß diese Regelung ist, wird regelmäßig aufs Neue diskutiert. Und so ganz ausgeschlossen ist es nicht, dass irgendwann der Totalumzug der Regierung an die Spree beschlossen werden könnte. Die Bonner, so viel ist klar, werden dann wieder jammern. Noch ließe sich auf Basis des Gesetzes feilschen über die Ansiedlung weiterer Bundesbehörden. Man darf nur den rechten Zeitpunkt nicht verpassen.

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