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05.09.2013

Eine Rundreise durch Spionistan: So werden wir ausgespäht

Ausspioniert auf Reisen: Von iPhone-Besitzern speicherte der US-Konzern Apple – am Anfang geheim – regelmäßig den Aufenthaltsort ab – ein „Bewegungsprofil“ entsteht. Mit dem Programm iPhone-Tracker kann man es sichtbar machen.
Bild: Imago

Die NSA-Späh-Affäre empört kaum jemanden. Vielleicht, weil wir alle schon längst gläserne Bürger sind? Ein Überblick, wie wir Verbraucher im Alltag beinah ständig überwacht werden.

Markus Müller, so nennen wir ihn mal, ist einer von uns. Ein echter Otto-Daten-Normalverbraucher. Er ist 45, selbstständig, hat einen Sohn, der in den USA studiert – und nichts zu verbergen. So geht Herr Müller ziemlich sorglos in diesen ganz normalen Überwachungs-Tag in Deutschland. Begleiten wir ihn ein Stück.

Als Müller morgens wach wird, schaltet er sein iPhone an (1). Er duscht, zieht sich an, und läuft ein paar hundert Meter durch Augsburg (2) zur nächsten Haltestelle (3).

Angekommen in seinem Büro startet Müller seinen Computer und schreibt einige private Mails – an seine Krankenkasse zum Beispiel und an seinen Anwalt (4). Die Mails werden auf ihrem Weg zu den Empfängern unter anderem durch Glasfaserkabel geleitet (5). Auch seinem Sohn in den USA mailt Müller (6). Dabei nutzt unser Augsburger den kostenlosen Mail-Anbieter Googlemail (7). Weil es so praktisch ist.

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In seiner Mittagspause surft unser Herr Müller durchs Internet (8). Auch über günstige USA-Reisen informiert sich Markus Müller im Netz (9). Wie gut, dass er kurz zuvor Post vom Finanzamt bekommen hat – Müller bekommt einen Teil seiner Steuer zurück (10). Das freut ihn sehr – auf seinem Konto herrscht momentan Ebbe (11).

Nach getaner Arbeit geht Müller ins Reisebüro. Er bucht einen Flug zu seinem Sohn in die USA. Als Allergiker vergisst er nicht, ein spezielles Essen an Bord zu reservieren (12). Den biometrischen Pass, der für die USA-Reise nötig ist, hat sich er schon besorgt (13). Danach spaziert Müller ein wenig durch die Stadt  (14). Auf dem Heimweg kauft er im Supermarkt Essen und Wein und zahlt mit seiner Kreditkarte. Weil er Rabattpunkte sammelt, lässt Markus Müller seinen Einkauf auch auf seiner Kundenkarte registrieren (15).

Zu Hause isst Herr Müller eine Kleinigkeit. Kurz bevor unser Otto-Daten-Normalverbraucher ins Bett geht, hört er noch im Radio, dass sich die NSA-Späh-Affäre ausweite. Müller lehnt sich zurück. „Egal. Für ein kleines Licht wie mich interessiert sich sowieso niemand“, denkt er und macht die Augen zu.

(1) Dank Ortungsdienst speichert der US-Konzern Apple regelmäßig den genauen Aufenthaltsort von Müllers Handy.

(2) Müller wird auf seinem Weg von mehreren der vielen hundert Überwachungskameras in Augsburg gefilmt. Auf etliche dieser Kameras kann sich auch die Polizei per Knopfdruck aufschalten.

(3) Auch in der Straßenbahn wird Müller gefilmt, aus Sicherheitsgründen.

(4) Der BND hat im Jahr 2011 fast 2,9 Millionen Mails, SMS und andere Telekommunikationsverkehre überprüft. Nur 290 der geprüften Fälle wurden als nachrichtendienstlich relevant eingestuft.

(5) Viele wichtige Glasfaserkabel werden, laut Unterlagen des Ex-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden, vom britischen Geheimdienst angezapft.

(6) Der US-Geheimdienst NSA durchforstet Mails nach bestimmten Stichworten und liest und speichert gegebenenfalls deren Inhalt.

(7) Google analysiert jedes Wort in den Mails seiner Nutzer, um ihnen passende Werbung einzublenden.

(8) Die Betreiber der besuchten Webseiten speichern dabei unter anderem Müllers IP-Adresse. Diese individuelle Hausnummer im Netz wird auch von seinem Internet-Anbieter gespeichert. Sie kann im Rahmen der neuen Bestandsdatenauskunft von Behörden abgefragt werden, ebenso wie zum Beispiel Mail-Passworte oder eine Handy-PIN.

(9) Müllers Interesse für USA-Reisen wird automatisch auf Cookies, kleinen Textdateien, auf seinem Computer vermerkt. Diese werden von Werbefirmen ausgelesen und zur Erstellung eines Nutzerprofils verwendet.

(10) Müller hat 2007 wie alle Bundesbürger eine individuelle Steuer-ID zugeteilt bekommen, die nun unter anderem von Finanzbehörden, Banken und Krankenkassen verwendet wird. Die ID wird erst 20 Jahre nach Müllers Tod gelöscht.

(11) Seit April 2005 haben Finanzbehörden und Sozialbehörden in Deutschland die Möglichkeit, über das Bundeszentralamt für Steuern Kontostammdaten von Bürgern abzufragen.Die Zahl dieser Abfragen steigt von Jahr zu Jahr – von 9000 im Jahr 2005 auf 63000 im vergangenen Jahr.

(12) Die Fluggesellschaft gibt diesen Essenswunsch sowie über 30 weitere Fluggastdaten zu Herrn Müller wie Adresse, Zahlungsart, Sitzplatznummer und Vielfliegerstatus an die US-Behörden weiter, wo sie mehrere Jahre lang im Rahmen der Terrorabwehr gespeichert werden.

(13) Biometrische Pässe enthalten unter anderem maschinenlesbare Bilder von zwei Fingerabdrücken und einen Funk-Chip, um die gespeicherten Daten kontaktlos auslesen zu können.

(14) Müllers Handy bucht sich dabei regelmäßig in verschiedene Funkzellen ein. Diese Verkehrsdaten werden von vielen Telefonanbietern gespeichert, sodass ein genaues Bewegungsprofil entsteht – und von Behörden abgerufen werden kann. Als zum Beispiel die sächsische Polizei 2011 wegen einer Demo ermittelte, wertete sie hunderttausende Handydaten unbescholtener Bürger aus.

(15) Die Lebensmittelkonzerne wissen dank Rabattkarte schon seit Jahren ganz genau, was ihr Kunde Müller isst und was er trinkt.

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