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Gefährliche Innensicht: Die Bischöfe müssen raus aus ihrer Filterblase

Kommentar Von Daniel Wirsching
21.09.2020

Plus Die katholischen Oberhirten hinterlassen mit ihren Streitereien einen verheerenden Eindruck. Sie manövrieren sich so selbst in die Bedeutungslosigkeit.

Wenn sich an diesem Dienstag die deutschen Bischöfe zu ihrer Vollversammlung in Fulda treffen, geht es mal wieder um alles. Um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das kirchliche Leben, den Reformprozess „Synodaler Weg“, die Rekordzahlen bei den Kirchenaustritten, das unselige Vatikan-Papier zur Leitung von Pfarrgemeinden – und um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Doch schon die Tagesordnung zeigt: Wieder einmal kreisen die Bischöfe um sich.

Die katholische Kirche steckt tief in der Krise und muss sich mit sich selbst beschäftigen – dabei aber verlieren die Bischöfe als Gesichter der Kirche Wesentliches aus dem Blick und hinterlassen einen verheerenden Eindruck. Da tragen etwa der konservative Kölner Kardinal Woelki und der eher progressive Limburger Bischof Bätzing mittels Interviews ein Fernduell über die Frage aus, ob sich die Kirche wegen des Synodalen Wegs spalte. Brennt das den (noch) 22,6 Millionen Kirchenmitgliedern auf der Seele, ganz zu schweigen vom Rest der Republik?

Die Bischöfe haben durchaus etwas zu sagen - doch sie dringen nicht durch

Und so schreitet die Amtskirche rasch voran – auf dem Weg zur gesellschafts-politischen Bedeutungslosigkeit. Innerkirchlich, weil sich die Filterblasen-Debatten der Bischöfe vom Alltag und der Glaubenspraxis vieler Katholiken entkoppelt haben. Außerkirchlich, weil wichtige Worte untergehen im Getöse ihrer Streitereien.

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Im August hielt der katholische Publizist Heribert Prantl den Bischöfen vor, sie hätten sich angesichts der Corona-Einschränkungen weder gegen die Isolation Todkranker und Alter aufgelehnt noch gegen Behördenwillkür bei Beerdigungen gewehrt: „Ruhe war erste Bischofspflicht“. Das war ein von Bischöfen beachteter, teils treffender Kommentar. Er war aber auch ungerecht. Denn früh hatten sie angemahnt, Alte und Kranke nicht allein zu lassen. Gehört wurden sie nicht. Auch zur Flüchtlingspolitik gab es Bischofsworte, besonders zur Lage im Flüchtlingslager Moria, in dem 13.000 Menschen ausharrten. Hamburgs Erzbischof Stefan Heße kritisierte sogar die Bundesregierung – und stellte zugleich fest, dass allen „Appellen, Initiativen und Warnungen zum Trotz bislang erschreckend wenig“ passiert sei.

Warum das so ist? Gewiss auch, weil Glaubwürdigkeit und Einfluss der Kirche als „moralische Instanz“ durch eigene Schuld massiv geschwunden sind.

Dabei bedarf es gerade in diesen Zeiten, in denen die Gesellschaft auseinanderdriftet, einer Stimme, die hartnäckig Menschlichkeit einfordert. Die Bischöfe würden gehört, würden sie eine konstruktive Streitkultur vorleben. Und würden sie sich auf Debatten wirklich einlassen, und zwar dort, wo Meinungsbildung geschieht. In TV-Talks jedenfalls sieht man sie selten.

Georg Bätzing trat an, die innerkirchlichen Lager zu befrieden

Als Bundesinnenminister Seehofer die Aufnahme von bis zu 150 Jugendlichen aus Moria ein „ganz konkretes Beispiel praktizierter Nächstenliebe“ nannte, entgegnete ihm Woelki: „Toll ist das, aber viel zu wenig.“ Woelki hätte eine Debatte anstoßen sollen, ob dies tatsächlich ein leuchtendes Beispiel von Humanität darstellt und was das „C“ für „christlich“ im Namen der Unionsparteien konkret bedeutet. Ein öffentliches Streitgespräch mit Seehofer, warum nicht? Die Kirche wäre sichtbar gewesen.

Der Limburger Bischof Georg Bätzing ist seit März Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
Bild: Thomas Frey, dpa

Bleibt Georg Bätzing. Er trat im März als neugewählter Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz an mit dem Ziel, die innerkirchlichen Lager zu befrieden und etwas gegen das ramponierte Ansehen der Amtskirche zu tun. Aus beidem wurde bislang nichts. Immerhin versucht er es. Zuletzt schlug er einen interreligiösen Feiertag vor zur Förderung des Zusammenhalts. Zumindest damit drang er auf breiterer Ebene durch.

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