Newsticker
Deutschland erleichtert ab Sonntag Einreisen für weitere Bürger aus Nicht-EU-Ländern
  1. Startseite
  2. Politik
  3. Irak: Mord an Iran-Kenner: Wächst der Widerstand gegen Teheran?

Irak
07.07.2020

Mord an Iran-Kenner: Wächst der Widerstand gegen Teheran?

Der Mord an einem Iran-Kenner in Bagdad dürfte dem Widerstand gegen den großen Nachbarn im Irak Auftrieb verleihen. Stecken pro-iranische Gruppen hinter dem Mord?
Foto: Zhang Miao/XinHua, dpa (Archiv)

Nach dem Mord an einem einflussreichen Iran-Kritiker im Irak fällt der Verdacht auf proiranische Kräfte. Wächst der Widerstand gegen Einflussnahme aus Teheran?

Unabhängige Beobachter im Irak leben gefährlich. Huscham al-Haschimi war ein profilierter Kenner des Islamischen Staates und ein Kritiker der mächtigen pro-iranischen Milizen im Land. Er beriet die Regierung in Bagdad, und auch ausländische Institutionen und Medien suchten seinen Rat. Mit seinen Meinungen und Einschätzungen machte sich der 47-jährige viele Feinde - jetzt wurde er von Unbekannten in Bagdad erschossen. Bisher hat sich niemand zu dem Mord an dem Experten bekannt, doch die Gewalttat könnte den Widerstand im Irak gegen den Einfluss des großen Nachbarn Iran stärken.

Irak: Iran-Kenner Haschimi stirbt durch mehrere Schüsse

Vier Männer auf Motorrädern töteten Haschimi vor seinem Haus in Bagdad mit mehreren Schüssen, wie irakische Medien meldeten. In den Wochen vor der Tat hatte er nach Angaben von Kollegen über Anfeindungen der pro-iranischen Miliz Kataib Hisbollah im Irak berichtet; Freunde sollen Haschimi deshalb geraten haben, sich in Erbil im kurdischen Norden des Irak in Sicherheit zu bringen. Der EU-Botschafter in Bagdad, der deutsche Diplomat Martin Huth, und andere ausländische Vertreter im Irak zeigten sich entsetzt über den Anschlag und forderten eine Bestrafung der Täter.

Haschimis Bücher und Arbeit für westliche Denkfabriken beschrieben, wie der Irak unter extremistischen Gruppen leidet, die von der Schwäche der Regierung in Bagdad profitieren. Als Experte für den Islamischen Staat (IS) beobachtete Haschimi im Frühjahr die Rückkehr der Dschihadisten in den Irak. Seit ihrer militärischen Niederlage im vergangenen Jahr haben sich die Extremisten neu gesammelt und in den vergangenen Monaten wieder mit Anschlägen im Irak von sich reden gemacht. Die Gefechte zwischen dem IS und den irakischen Sicherheitskräften hätten ein Ausmaß erreicht, "das wir schon lange nicht mehr erlebt haben", sagte Haschimi im Mai der Nachrichtenagentur AFP.

Der Irak will den Einfluss des Iran verringern

In Bagdad arbeitete Haschimi unter anderem als informeller Berater des neuen Ministerpräsidenten Mustafa al-Kadhimi, der seit seinem Amtsantritt vor zwei Monaten einen Balanceakt zwischen den USA auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite versucht. Washington und Teheran tragen im Irak ihre regionale Rivalität aus und setzen alles daran, den Einfluss der jeweils anderen Seite zu schmälern. Im Januar tötete eine US-Kampfdrohne in Bagdad den iranischen Elite-General Qassem Suleimani.

Der Irak braucht die USA für den Kampf gegen den IS, als Wirtschaftspartner und als Gegengewicht zum Iran. Teheran mischt im Irak seit Jahren mit Hilfe von Parteien und schlagkräftigen Milizen mit – doch nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt setzte Kadhimi ein Zeichen gegen die Iraner: Eine irakische Eliteeinheit nahm Kämpfer der pro-iranischen Kataib Hisbollah fest und beschlagnahmte ihre Rakete.

Stecken pro-iranische Gruppen hinter dem Mord?

Die meisten Mitglieder von Kataib Hisbollah wurden zwar sofort wieder freigelassen, doch die Bereitschaft der Regierung, sich die Miliz vorzuknöpfen, war ein deutliches Signal gegen den Iran. Die Gruppe bekenne sich offen zu ihrer Loyalität zum iranischen Revolutionsführer Ali Khamenei und sei gegen Kadhimis Ernennung zum Ministerpräsidenten gewesen, schrieb die Irak-Expertin Shahla al-Kli in einer Analyse für das Nahost-Institut in Washington. Kadhimi weiß bei seinem Vorgehen gegen Gruppen wie Kataib Hisbollah viele Iraker hinter sich. Bei Protesten gegen Korruption und Misswirtschaft in den vergangenen Monaten forderten Demonstranten auch ein Ende der iranischen Einmischung.

Haschimi kritisierte immer wieder, dass die pro-iranischen Gruppen im Irak schalten und walten können, wie sie wollen, weil sie unter dem Schutz Teherans stehen. Nur eine Stunde vor seiner Ermordung habe Haschimi im Fernsehen darüber gesprochen, dass sich die pro-iranischen Milizen nicht um die Gesetze kümmerten, schrieb Hassan Hassan, ein Kollege von Haschimi an der Denkfabrik CGP in Washington, auf Twitter.

Hassan ist sicher, dass pro-iranische Gruppen im Irak für den Mord verantwortlich sind. So weit will Ministerpräsident Kadhimi nicht gehen. Doch der Premier betonte in einer Erklärung zum Tod seines Beraters, er werde weiter alles daran setzen, die Milizen im Land zu entwaffnen.

Lesen Sie dazu auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.