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Geiselnahme in Frankreich

12.01.2015

Lassana Bathily - Der stille Held vom Kühlraum

Lassana Bathily ist bescheiden. Dabei hat er sechs Menschen wohl das Leben gerettet.
Bild: Screenshot

Lassana Bathily hat sechs Menschen vor dem Islamisten Amedy Coulibaly in Sicherheit gebracht. Er hat ihnen wohl das Leben gerettet. Was er von diesen Stunden erzählt, ist bewegend.

Ganz geheuer scheint Lassana Bathily das Etikett „Held von Vincennes“ nicht zu sein, das man ihm jetzt anheftet. Der 24-jährige Mann aus Mali ist kein Typ, der sich in den Vordergrund drängt. In seinen Augen hat er nur getan, was er in dieser so stressigen Situation für richtig hielt. Er hat sechs Menschen vor der unmittelbaren Bedrohung durch einen Islamisten namens Amedy Coulibaly in Sicherheit gebracht. Kurzum: Er hat ihnen wahrscheinlich das Leben gerettet.

Es war am Freitag, als 80 Kilometer nordöstlich von Paris die Jagd auf die Attentäter von Charlie Hebdo endete. Und am östlichen Rand der Hauptstadt, an den der Vorort Vincennes grenzt, Coulibaly schwer bewaffnet einen koscheren Supermarkt überfiel und stundenlang seine Geiseln terrorisierte. Vier Männer erschoss der Terrorist, der sich auf die Organisation Islamischer Staat (IS) berief. Bathily hat vielleicht dazu beigetragen, dass es nicht noch mehr Opfer gab.

Seit vier Jahren ist er Lagerarbeiter in dem Lebensmittelgeschäft.

Lassana Bathily - Der stille Held vom Kühlraum

So hat Lassana Bathily die Geiselnahme erlebt

Gerade seine bescheidene Zurückhaltung bringt dem jungen Mann wohl so viele Sympathien ein. So erzählt er, wie er die Geiselnahme erlebt hat, die sich zwei Tage nach dem Terror-Anschlag der Brüder Chérif und Saïd Kouachi auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo ereignete. Bathily spricht schnell und mit so starkem Akzent, dass die französischen Fernsehsender Untertitel einblenden. „Ich war gerade dabei, Tiefkühlware einzusortieren, als ich Schüsse gehört habe. Dann kamen Leute vom Laden oben die Treppe herunter, sie riefen in Panik: Da oben schießt ein bewaffneter Irrer um sich. Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich beruhigen sollen.“

Geistesgegenwärtig öffnet er die Tür zum Kühlraum, um die Menschen darin zu verstecken, er schaltet die Kühlung und das Licht aus. Kurz darauf überbringt eine andere Kollegin Coulibalys Aufforderung: Alle sollen hochkommen - sonst erschieße er die Leute oben. Drei der Kunden folgen ihr, sechs bleiben im Kühlraum. Unter ihnen ist auch ein Baby.

Vergeblich versucht Lassana Bathily, sie davon zu überzeugen, mit ihm über den Lastenaufzug zu entkommen. „Sie hatten Angst, dass das zu viel Lärm macht. Ich wollte sie nicht zwingen. Also habe ich das Risiko alleine auf mich genommen. Wenn er mich gesehen hätte, wäre ich jetzt tot.“ Er wagt es trotzdem, um der Polizei Informationen von drinnen zu überbringen.

"Wir sind Brüder. Wir sitzen alle im selben Boot."

Doch als er mit erhobenen Händen aus dem Geschäft kommt, zwingen ihn die Beamten auf den Boden und legen ihm Handschellen um. Er erscheint ihnen suspekt, auch weil seine Hautfarbe schwarz ist wie die des Geiselnehmers Coulibaly. Erst nach eineinhalb Stunden glauben sie ihm, dass er ein Mitarbeiter des Supermarktes ist, was Kollegen aus der Zentrale bestätigen. „Ich habe ihnen einen Lageplan aufgezeichnet, damit sie einen Überblick bekommen“, erklärt Bathily mit derselben schlichten Sachlichkeit, mit der er auch auf die Feststellung des Journalisten antwortet, dass er, ein Muslim, Juden geholfen habe. „Wir sind Brüder. Es ist nicht eine Frage von Juden, Christen oder Muslimen. Wir sitzen alle im selben Boot.“

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Seine Aussage ist eines der vielen bewegenden Zeugnisse nach den Terror-Anschlägen, die das Land erschüttert haben. Und wühlt auch deshalb besonders auf, weil es von einem Mann kommt, der es in Frankreich nicht einfach hatte - einem Einwanderer, wie ihn viele gar nicht hier haben wollen. Im Alter von 16 Jahren folgte Lassana Bathily seinem Vater nach Paris, während die Mutter in Mali blieb. Vier Jahre lang kämpfte er um Papiere und eine Arbeitserlaubnis. „Es war sehr schwer, eine Arbeit zu finden und auch, sich in die französische Gesellschaft einzugliedern“, sagt er. Eine Anlaufstelle für Migranten half ihm ebenso wie die malische Gemeinschaft in Paris. 2011 stellte ihn der koschere Supermarkt bei Vincennes an. Er habe dort sogar einen Platz, um zu beten. „Man hat mir gegenüber nie auch nur die geringste Bemerkung über meine Religion gemacht. Das ist für mich wie eine zweite Familie.“

Präsident François Hollande und der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu haben sich bei ihm bedankt. Tausende schlossen sich der Forderung im Internet an, Bathily die höchste Auszeichnung der Ehrenlegion und die französische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Noch läuft sein Antrag auf Einbürgerung. „Ich zähle dabei nicht auf das, was passiert ist. Aber sie zu bekommen, wäre mir eine Freude“, sagt er. In aller Bescheidenheit.

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