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Kommentar

11.01.2019

Mit dem Truppen-Abzug aus Syrien spielt Trump dem Iran in die Karten

Donald Trump will im Orient nicht mehr den Polizisten spielen.
Bild: Alex Brandon, AP/dpa

Die Syrien-Politik des amerikanischen Präsidenten schafft im Nahen Osten mehr Probleme, als sie zu Hause in den USA löst. Triumphiert am Ende auch Assad?

Donald Trump hat nur ein Ziel im Auge. Er will raus aus dem syrischen Morast, sich den blutigen Konflikt endlich vom Hals schaffen und seine Soldaten heimholen. Sollen sich doch Assad und seine Verbündeten mit dem Erbe des Bürgerkrieges und dem Wiederaufbau des zertrümmerten Landes herumschlagen, so sein Kalkül. Er jedenfalls will im Orient nicht mehr den Polizisten spielen.

Doch so populär diese Botschaft bei seinen Anhängern ist, so vielfältig sind die Fallstricke und so unabsehbar die Folgen in der Ferne. Seit der US-Präsident mit seinem Abzugs-Tweet Freund und Feind verblüffte, hagelte es Rücktritte in den eigenen Reihen und entgeisterte Proteste der Kurden, scharfe Wortgefechte mit der Türkei und offene Kritik der europäischen Verbündeten. Heute, drei Wochen später, weiß niemand mehr, wo das Weiße Haus im nahöstlichen Verwirrspiel steht.

US-Präsident Donald Trump will den Einfluss des Iran zurückdrängen

Zunächst war bei den Abzugsfristen von vier Wochen die Rede, dann von vier Monaten, mittlerweile ist alles wieder offen. Im Rekordtempo hetzt US-Außenminister Mike Pompeo derzeit durch zehn nahöstliche Hauptstädte, um die Partner zu beschwichtigen. Doch ein irgendwie überzeugendes Gesamtkonzept hat der eilige Gast nicht im Gepäck. Dies konnte auch Pompeos bombastische Nahost-Grundsatzrede am Donnerstag in Kairo nicht übertünchen.

Denn Trumps strategische Ziele in Syrien sind schlichtweg unvereinbar. Der Präsident will seine Truppen abziehen, gleichzeitig aber den Einfluss des Iran zurückdrängen. Er will Assad und seinen Verbündeten das Feld überlassen, aber nicht dem „Islamischen Staat“. Er will der Türkei die restlichen Kämpfe gegen den IS überantworten, aber verhindern, dass Präsident Erdogan bei dieser Gelegenheit die von ihm dämonisierten Kurdenmilizen gleich mit niedermetzelt. Als Hauptverbündete der USA trugen deren Kämpfer bisher die Hauptlast der Bodenoffensive gegen den IS. Ohne den Kampfeswillen der Kurden wäre die Terrormiliz heute noch in beträchtlichen Teilen Ostsyriens an der Macht.

Zudem könnten die von der Türkei bedrängten Kurden auf die Idee kommen, ihre 790 gefangenen IS-Dschihadisten laufen zu lassen, ein Schachzug, der neue Gefahren vor allem für Europa heraufbeschwört. Unter den Gefangenen sind unter anderem die beiden berüchtigten „Beatles“, die an Folter und Enthauptung westlicher Geiseln beteiligt waren. Händeringend suchen die USA derzeit Arrestländer für die hochgefährlichen Gotteskrieger, doch die meisten Staaten winken ab. Und so denkt Washington jetzt sogar über einen Transfer nach Guantanamo nach. Kein Wunder also, dass Damaskus und Teheran über das konfuse Hin und Her frohlocken. Denn das Machtvakuum, das Trump erzeugt, werden diese Regimes füllen.

Wie reagiert Assad, wenn die US-Truppen tatsächlich abziehen?

Zum einen sieht sich die Kurdenführung im Norden Syriens wegen der türkischen Invasionsdrohung nun erstmals gezwungen, ihre autonomen Hoffnungen zu begraben und ihre Region unter den Schutz Assads zu stellen. Zum anderen bekäme der Iran freie Bahn für seine regionalen Ambitionen. Unbehelligt könnte die Islamische Republik ihre schiitischen Milizenverbände als feste militärische Größe in Syrien verankern. Wie Damaskus setzen auch Teheran und die Hisbollah auf eine militärische Niederlage der Aufständischen, um ihnen keinerlei politische Zugeständnisse machen zu müssen.

Im letzten Sommer hatte Bashar al-Assad noch unter massivem internationalen Druck die Großoffensive abgeblasen, die eine apokalyptische Flüchtlingswelle auslösen würde. Sollten die US-Truppen jedoch tatsächlich abziehen, wird der Diktator den Marschbefehl geben.

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