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Sebastian Kurz

27.09.2019

Österreichs Kanzler war nur mal kurz weg

Sebastian Kurz will wieder Österreichs Bundeskanzler werden.
Bild: Georg Hochmuth, dpa (Archiv)

Ibiza, Krise, Kanzlersturz. Nach einem aufregenden Sommer haben die Österreicher die Wahl. Und alles spricht dafür, dass Sebastian Kurz danach wieder regiert.

In Baden wird der Wahlsieg eingetütet. Junge Leute verteilen in der Fußgängerzone des beschaulichen Städtchens im Süden von Wien türkisblaue Papiertüten mit allerlei Wahlkampf-Tand. Die Frau mittleren Alters am Nebentisch im Café hat schon eine. Sie kramt eine Plastiksonnenbrille heraus – natürlich türkis – und steckt sie sich ins Haar. Eine gute Gelegenheit, sie anzusprechen. Journalist aus Bayern, Reportage zur österreichischen Nationalratswahl und so weiter. Nun ist es ja so, dass die meisten Menschen in solchen Situationen eher wortkarg reagieren. Am Ende sagt man etwas Falsches und dann steht es auch noch in der Zeitung. Doch aus ihr platzt es regelrecht heraus.

Ein Putsch sei das gewesen, wie der Sebastian Kurz da im Mai aus dem Kanzleramt vertrieben worden ist. Eine Verschwörung. Aus Solidarität seien sie und ihr Mann damals in die ÖVP eingetreten und jetzt muss er einfach diese Wahl am Sonntag gewinnen. Die ÖVP ist die konservative Partei in Österreich, die jener Sebastian Kurz in den vergangenen Jahren komplett umgekrempelt und sogar ihre Farbe geändert hat – von Schwarz zu Türkis. „Wir wollen unseren Kanzler zurück. Er war doch der Erste nach all den Jahren des Stillstandes, der was bewegt hat“, sprudelt die Café-Nachbarin. Der Gatte im türkisblauen Hemd, inzwischen ebenfalls am Tisch eingetroffen, stimmt vollumfänglich zu. Aus der Ferne ist Blasmusik zu hören.

Der Theaterplatz füllt sich. Es werden Apfelmost und Heidelbeermuffins gereicht. Auf der Bühne fordert ein berufsjugendlicher Moderator Applaus für Familie Stockreiter, die sich nach türkisfarbenen Vorhängen, Wohnzimmermöbeln und Teppichen nun auch noch eine Mikrowelle in Türkis angeschafft hat. Ist das nicht leiwand? Dann endlich kommt der Kanzlerkandidat und wird erst mal von der enthusiasmierten Menge verschluckt.

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Eine Geschichte wie eine Sachertorte - eigentlich zu süß

Ganz in der Nähe liegt vor einer Buchhandlung die neue, von seinem Team autorisierte Sebastian-Kurz-Biografie. Eine Geschichte wie eine Sachertorte. Viel zu süß, aber man kann einfach nicht aufhören, selbst wenn einem schon ein bisschen übel ist. Die Journalistin Judith Grohmann beschreibt darin, wie sie den Politiker in dessen Büro besuchte – im Stil eines Groschenromans. „Zunächst erblickte ich nur eine Silhouette. ,Ist er es wirklich?‘, dachte ich mir.“ Ja, er ist es wirklich. Aber er scheint kein gesteigertes Interesse an der Frau zu zeigen, die so gerne ein Buch über ihn schreiben will. „Er sah aus dem Fenster und blickte gedankenversunken in die Ferne. Ob er uns wahrgenommen hatte, war fraglich. Das helle Sonnenlicht leuchtete in den Raum hinein. Doch das störte ihn nicht. Die Herbstsonne blendete sein Gesicht“, rosamundepilchert die Biografin. Aber die Sache geht für sie zunächst nicht gut aus. Sie bekommt einen Korb – und vermag selbst diese Abfuhr in Sachertorten-Worte zu kleiden: „Noch einmal atmete er tief durch, dann sah er uns in die Augen und nickte uns zu, bevor er sich umdrehte und wortlos aus dem Raum verschwand. Diese Szene hatte nur wenige Minuten gedauert. Ich ging zurück zur schwarzen Couch und versuchte, das soeben Erlebte in meinem Kopf zu sortieren.“

Nachdem Grohmann sich also sortiert und später doch noch eine Zusage bekommen hatte, setzte sie sich hin und schrieb die ultimative Lobhudelei über diesen wahnsinnig nachdenklichen Mann, der schon „als Baby auf der Überholspur fuhr“, wie sie astrein recherchiert hat. Nach Erscheinen des Buches musste die Autorin umgehend versichern, dass es sich ganz bestimmt nicht um eine Auftragsarbeit handelt. Aber die Menschen, die an diesem Abend auf den Theaterplatz gekommen sind, würden wahrscheinlich jedes Wort unterschreiben.

Sebastian Kurz braucht keine Inhalte - er ist das Programm

Sebastian Kurz – dunkelblauer, eng geschnittener Anzug, schwarze Schuhe, weißes Hemd, natürlich keine Krawatte – hält nun also eine Wahlkampfrede. Es ist der letzte große Publikumstermin vor der Wahl. Wahrscheinlich wird Kurz danach wieder Kanzler sein. In allen Umfragen liegt er klar vorn. Nur mit wem soll er regieren? Die Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ ist geplatzt, nachdem deren Anführer Heinz-Christian Strache über die Ibiza-Affäre gestürzt war. Ausgerechnet der Ober-Patriot hatte Staatsaufträge und damit irgendwie auch sein Land an eine vermeintliche russische Oligarchen-Nichte verschachern wollen. Die Dame war allerdings in Wahrheit ein Lockvogel und die ganze unwürdige Geschichte wurde heimlich mitgefilmt. Skandal, Rücktritt, Regierungskrise. Mit diesen Leuten soll Kurz nun also wieder zusammenarbeiten?

Die Silhouette von Sebastian Kurz während seines Wahlkampfauftritts in Baden bei Wien. Am Sonntag will der 33-Jährige wieder ins Rampenlicht treten.
Bild: Michael Stifter

Die meisten seiner Anhänger ziehen ein neuerliches Bündnis mit den Rechtspopulisten jedenfalls einer Koalition mit den Sozialdemokraten von der SPÖ vor. Deren Chefin Pamela Rendi-Wagner, 48, hatte Kurz am Abend zuvor in einem der zahllosen Fernsehduelle hart attackiert und sich sogar zur tantenhaften Polemik hinreißen lassen, ihr Kontrahent sei ja recht jung und könne noch etwas lernen. Kurz lässt derartige Angriffe stets ins Leere laufen. Und auch sonst weicht er sämtlichen Vorwürfen und Skandälchen im Wahlkampf geschickt aus. Persönliche Verunglimpfungen gibt es von ihm nicht – auch dafür mögen ihn die Menschen. Selbst dann noch, wenn er die Populisten salonfähig macht. Denn zwar ist es Kurz gelungen, den Siegeszug der Rechten zu bremsen – aber eben vor allem dadurch, dass er deren Positionen übernommen hat.

Weitere Koalitionsoptionen als mit SPÖ oder FPÖ werden sich wohl rechnerisch nicht ausgehen, wie der Österreicher sagt. Es sei denn, Kurz geht das Wagnis eines alpenländischen Jamaika-Bündnisses ein. Beim Ex-Partner FPÖ warnen sie jedenfalls schon, der populäre Jungstar drohe vom rechten Weg abzukommen. Für die Freiheitlichen steht eh schon fest, wie es laufen muss. Sie haben sogar einen Wahlwerbespot gedreht, in dem sie sich Kurz förmlich an den Hals schmeißen. Zu sehen sind Straches Nachfolger Norbert Hofer und ein Kurz-Double im Gespräch mit einer Paartherapeutin. Deren Diagnose lässt keine zweite Meinung zu: „Sie beide haben eine großartige Beziehung, wollen Sie das wirklich riskieren – nur wegen Ibiza?“

Den Slogan hat er von der FPÖ und Jörg Haider kopiert

Auf dem Theaterplatz in Baden erwähnt Kurz die FPÖ mit keiner Silbe. Am liebsten würde er natürlich ohnehin alleine regieren. „Erster zu werden, ist zu wenig“, appelliert er an seine Anhänger und warnt fast beiläufig vor den „Methoden und der Skrupellosigkeit unserer Gegner und all jener, die uns aufhalten wollen“. Dieses Raunen gehört zur Strategie. Die Botschaft ist klar: Obacht, da läuft etwas gegen uns. Die wollen uns weghaben. Wir sind das Opfer. So geht die Erzählung, seit ausgerechnet FPÖ und SPÖ paktierten und Kurz per Misstrauensvotum zum jüngsten Altkanzler der Welt machten.

Der 33-jährige Regierungschef a.D. braucht keine Inhalte. Er selbst genügt als Programm. „Einer, der unsere Sprache spricht“, steht auf seinen Plakaten. Dass der später tödlich verunglückte Rechtspopulist Jörg Haider einst mit diesem Slogan geworben hatte, scheint niemanden zu stören. Den größten Applaus des Abends bekommt Kurz, als er erzählt, dass er immer wieder ganz leise und verschämt von Leuten angesprochen werde, die sich in ihrer eigenen Gegend gar nicht mehr heimisch fühlten. „Wir trauen uns auch hier, die Wahrheit auszusprechen: Wir müssen weiter konsequent gegen illegale Migration ankämpfen“, ruft Kurz, der sein Programm ansonsten eher routiniert abspult. Spontaner Beifall, Gejohle, Volksfeststimmung.

Dann, nach nur zwölf Minuten ist alles vorbei. Jetzt kommt der wichtigere Teil, es werden Selfies gemacht, Hände geschüttelt, Kinder getätschelt und sogar ein Hund mit türkisblauen Schleiferln im Fell bekommt eine Kurz-Audienz.

Die grauhaarigen Männer, die am nächsten Morgen auf dem Meidlinger Markt ihr zweites Bier bestellen, haben von all dem nichts mitbekommen. Sie genießen die September-Restwärme und reißen schlüpfrige Witze. Und sie reagieren so, wie eben die meisten Leute reagieren, wenn sie von einem Journalisten angesprochen werden: wortkarg. Über Politik wollen sie jedenfalls nicht reden. Wien-Meidling ist ein Arbeiterbezirk. Hier gibt es viele Gemeindebauten, in der Fußgängerzone reihen sich Schnäppchen-Shops, Asia-Imbisse und Läden zum An- und Verkauf von Smartphones noch enger aneinander als andernorts. Ein Sonnenstudio verspricht „Bräunen ab 1 Euro“, das Café Vagabund sucht eine Kellnerin und beim Billa gibt es das Topfenkornweckerl gerade für 99 Cent statt wie sonst für 1,15 Euro. Allerdings nur, wenn man noch ein zweites dazunimmt. So ist das eben, irgendeinen Haken gibt es immer. Und den Kanzler Kurz bekommt man möglicherweise nur, wenn man die FPÖ mit dazunimmt.

Aufgewachsen in Wien-Meidling, Arbeiterbezirk

Ein paar hundert Meter entfernt von der Fußgängerzone ist Sebastian Kurz aufgewachsen. In einem riesigen sandfarbenen Wohnblock mit mehreren Innenhöfen, die man ohne Gewissensbisse als trostlos bezeichnen kann. Hier erinnert nichts an die mondäne K&K-Szenerie in den Wiener Prunkstraßen. Ein paar Kneipen, ein Massagestudio, eine Trafik, also ein Tabakwarenladen. Touristen verschlägt es selten in diese Gegend. Man ist unter sich. Ein buntes Mischmasch von Nationalitäten, hoher Migrantenanteil.

Im Arbeiterbezirk Wien-Meidling ist Kurz aufgewachsen.
Bild: Michael Stifter

Im Wirtshaus gegenüber des Blockes, in dem der spätere Kanzler auf Stiege 9 wohnte, heißt das alkoholfreie Bier „Null Komma Josef“. Der Kellner zuckt mit den Schultern. „Nein, der Sebastian Kurz ist noch nie da gewesen.“ Seine Eltern? „Ja eh.“ Aber er selber? „Nein.“ Nun sollte man in solche Aussagen nicht zu viel hineinpsychologisieren. Vielleicht hatte der Politiker schlicht eine andere Stammkneipe. Aber interessant ist das schon: Kurz sucht zwar oft den Kontakt zu den so gerne zitierten einfachen Leuten. Nur achtet er dann halt schon darauf, dass auch Kameras dabei sind. Er ist ohne Zweifel der größte Marketing-Profi, der je in Wien regiert hat. Aber genau darin sehen viele auch das größte Problem dieses Mannes.

„Der Kurz ist nur ein Pupperl“, sagt der Taxifahrer in einem kuriosen griechisch-wienerischen Slang. „Ein Pupperl – du weißt nicht, wer dahintersteckt, wer die Fäden zieht.“ Wählen wird er ihn jedenfalls nicht am kommenden Sonntag. Und einen anderen auch nicht. Weil: Sind doch eh alle gleich. „Der letzte gute Kanzler war der Bruno Kreisky“, steht für den Taxler fest, der erzählt, dass er in ein paar Wochen in Pension geht. Zur Erinnerung: Die Ära des Sozialdemokraten Kreisky endete im Jahr 1983. Seitdem nur Opportunisten und Leute, denen es um den eigenen Geldbeutel ging. Sagt der Taxler – und widerspricht sich dann selbst: „Nur der Haider Jörg war anders, aber den haben sie ja umgebracht, oder glaubst du wirklich, dass das ein Unfall war?“ Die Österreicher scheinen eine Vorliebe für Verschwörungstheorien zu haben.

In Baden wird es genauso schnell wieder leise, wie es laut geworden war. Der Buchhändler hat den Stapel mit der Sachertorten-Biografie längst hineingeräumt und den Laden zugesperrt. Am Theaterplatz baumeln noch ein paar Luftballons im jetzt doch recht frischen September-Wind. Und auf einer Bank hat jemand eine türkisfarbene Sonnenbrille liegen lassen.

Dieser Artikel ist zwei Tage vor der Wahl in Österreich erschienen. Unsere Berichterstattung zum Wahlergebnis lesen Sie hier: Sebastian Kurz ist klarer Sieger der Wahl in Österreich.

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