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Türkei
17.06.2013

Roth nach Tränengas-Attacke: "Ich konnte nur noch schlecht atmen"

Dieses Bild von Claudia Roth nach der Tränengas-Attacke wurde von Demonstranten unter  #occupygezi getwittert
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Dieses Bild von Claudia Roth nach der Tränengas-Attacke wurde von Demonstranten unter #occupygezi getwittert
Foto: Twitter

Nach der Tränengas-Attacke spricht Claudia Roth über die Übergriffe der türkischen Polizei. Den Polizisten warf sie schwäbische Schimpfwörter entgegen.

Die Grünen-Chefin und Augsburger Bundestagsabgeordnete Claudia Roth ist seit Samstag in Istanbul und erlebte die Übergriffe der Polizei hautnah mit. Sie wurde sogar selbst Opfer der Tränengas-Angriffe. Am Tag danach hat AZ-Online mit Roth über ihren Zustand nach dem Angriff, ihre Erlebnisse am Taksim-Platz und Gezi-Park und über die Zukunft der Türkei gesprochen.

Frau Roth, wie geht es Ihnen nach dem Tränengas-Angriff inzwischen? 

Claudia Roth: Mir geht es körperlich inzwischen wieder gut. Aber die Anspannung ist immer noch sehr groß. In dem Stadtviertel rund um den Taksim-Platz ist die Polizei auch am Sonntagabend ohne Unterbrechung mit Tränengas vorgegangen. Wir mussten alle Gasmasken tragen. Die Anspannung wirkt immer noch nach.

Wie kam es überhaupt zu dem Angriff

Roth: Ich war am Samstagabend, kurz vor der Räumung, wie Tausende andere Menschen zwischen dem Taksim-Platz und dem Gezi-Park unterwegs. Es war ein friedliches Zusammensein mit viel Musik, fast wie ein Festival. Ohne Vorwarnung haben wir dann plötzlich einen Knall gehört. Und dann kam auch schon das Tränengas.

Wie hat sich das Tränengas auf Sie ausgewirkt?

Roth: Nach dem Angriff konnte ich meine Augen nicht mehr aufmachen und nur noch schlecht atmen. Ich hatte am Sonntag danach Hustenanfälle. Aber es gab viele anderen Menschen, die wirklich schwer verletzt wurden.

"Ich habe die Polizisten angeschrien"

Wie ging es nach dem Angriff weiter?

Roth: Wir sind in ein Hotel am Taksim-Platz geflüchtet, in dem Ärzte den dortigen Ballsaal in ein Lazarett umfunktioniert hatten. Dort wurde auch ich versorgt, bis die Polizei in das Hotel eingedrungen ist und dort in den geschlossenen Räumen mit Tränengas um sich geschossen hat. Wir mussten dann dort wieder raus und ich bin schließlich zurück in mein Hotel. Als mich die Polizei dort aber nicht reinlassen wollte, bin ich richtig wütend geworden und habe die Polizisten angeschrien - mit den schlimmsten schwäbischen Schimpfwörtern, die ich kenne. Irgendwann haben sie mich dann reingelassen.

Wie glauben Sie wird es in der Türkei weitergehen?

Roth: Es muss jetzt klare Kritik am Verhalten der Regierung und der Sicherheitskräfte auf allen Ebenen geben. Sowohl von der Bundesregierung als auch von der EU und der NATO, in der die Türkei ja Mitglied ist. Wir brauchen Solidarität mit den jungen Menschen in der Türkei, die frei sein und zu Europa gehören wollen. Ich hoffe, dass Erdogan doch noch zu der Erkenntnis kommt, dass er nachgeben und einen echten Dialog führen muss. 

"Es geht um die Demokratie in Europa"

Wie lange werden Sie noch in der Türkei bleiben? 

Roth: Ich mache mich jetzt auf den Weg nach Ankara, dort gibt es inzwischen auch Polizeieinsätze. In der türkischen Hauptstadt werde ich weitere Gespräche mit Demonstranten und Bürgerrechtsaktivisten wie der Architektenkammer und Anwälten führen. Am Dienstag geht es dann zurück nach Deutschland. 

Es gibt in Deutschland auch kritische Stimmen zu ihrem Aufenthalt in Istanbul. Können Sie die Kritiker verstehen, die sagen, dass sich deutsche Politiker nicht in die türkischen Demonstrationen einmischen sollten? 

Roth: Diese Kritik verstehe ich nicht. Denn wenn in Deutschland mit Tränengas und mit Chemie angereichertem Wasser aus Wasserwerfern gegen Demonstranten vorgegangen würde, dann würde ich mir auch wünschen, dass wir aus dem Ausland und aus der Türkei Unterstützung erhalten. Das ist ja keine Einmischung in innere Angelegenheiten. Es geht um grundlegende Freiheitsrechte unserer engen Partner und Freunde in unserer unmittelbaren Nachbarschaft und um die Demokratie in Europa.

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