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Bobingen / Augsburg

14.02.2018

Der Trevira-Schlot in Bobingen soll verschwinden

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4 Bilder
Der 84 Meter hohe Backstein-Schlot von Trevira diente bis 2014 dem Kesselhaus als Kamin. Hier wurde Dampf für die Herstellung hauchdünner Chemiefasern erzeugt und durch Rohrleitungen zu den Werkshallen geleitet.
Bild: Marcus Merk

Der Kamin in Bobingen hat 2014 noch gequalmt, als in Augsburg viele Schornsteine verschwunden oder nur noch Denkmal waren. Plötzlich werden alte Gefühle und Erinnerungen wach.

Die Augsburger kennen das schon. Nun wiederholen sich in Bobingen alte Fragen. Und Herzensgefühle rühren sich, für die es eigentlich keinen vernünftigen Grund gibt, dafür aber starke Erinnerungen als Auslöser. Anlass: Der in Bobingen beheimatete Faserhersteller Trevira will den 84 Meter hohen Schornstein des ehemaligen Hoechst-Werkes abtragen lassen. 250.000 Euro wäre das den Eigentümern wert. Handlungsbedarf besteht, weil sich vor allem innen erste Backsteine lösen und auch außen Ziegelsplitter zu Boden fallen.

Schade, sagen dazu in Bobingen viele, die einst bei der Hoechst AG und deren Nachfolgefirmen gearbeitet haben und für die der Kamin ein Denkmal ist für jene Zeit, als sich der Ort stolz Trevira-Stadt nannte. Trevira steht bis heute in großen Lettern auf dem Kamin, nachts ist er sogar beleuchtet.

Trevira will den Schornstein in Bobingen abtragen lassen

Solche Schornsteine machten Fabrikanlagen einst zu Kathedralen der Industriegeschichte und des Wirtschaftswunders in den 1960er-Jahren. Wenn Schlote qualmten, ging es der Wirtschaft gut. Selbst wenn bei mancher Wetterlage die Wäsche beim Trocknen im Hof nicht unbedingt weißer wurde, brachte der Familienvater am Ende der Woche doch gutes Geld nach Hause. Diese Erinnerungen prägen.

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Mit dem Ende der Textilproduktion verloren viele Fabrikkamine im Raum Augsburg ihre Funktion. Als im März 1996 Sprengstoff den mächtigen Schornstein von Martini in Haunstetten mit lautem Knall zu Fall brachte, war das ein symbolträchtiges Schauspiel. Es verdeutlichte nochmals schlagartig den zuvor schleichend erlebten Übergang von Größe zu Niedergang. Der gebannte Blick der Augen war bei nicht wenigen begleitet von einem Stich ins Herz.

Als Industriedenkmal weithin sichtbar: Der Trevira-Schornstein erinnert an die Blütezeit von Hoechst. Jetzt droht ihm der Abriss.
Bild: Anja Fischer

Der Schornstein am Glaspalast wurde 2014 von der Stadt saniert

Noch mehr Schornsteine sind seither gefallen. 1999 etwa jener der Neuen Augsburger-Kattunfabrik. Und auch die Hasenbrauerei löschte ihre Landmarke aus dem Stadtbild. Doch erst als der Abbruch des alten Schornsteins am Augsburger Glaspalast politisch bereits entschieden war, regte sich lauter Widerstand. 2014 brachte die Stadt schließlich mit Zuschüssen viel Geld auf, um ihn zu sanieren und zu erhalten.

Bis dahin war ihm die Rauchfahne des Trevira-Schlots noch ein Gruß aus dem Süden. Der Schornstein im heutigen "Industriepark Werk Bobingen" (IWB) diente Trevira und weiteren Faserherstellern am Ort bis dahin zur Dampfherstellung für die Produktion hauchdünner Fäden mit unterschiedlichsten Eigenschaften. Später hätte es auch ein kleinerer Kamin getan. Denn die Zeit, als Schweres Heizöl oder Kohle verfeuert wurden, war schon lange vorbei. Längst war auf Gas umgestellt. 2014 nahmen sparsame, dezentrale Anlagen dem alten Kamin endgültig jede Verwendung.

Rund 250.000 Euro wird die Abtragung Trevira wohl kosten

Im Alter von 54 Jahren soll also jetzt der letzte Bobinger Schlot abgetragen werden. Eine Sprengung kommt wegen der Nähe anderer Werksanlagen nicht in Frage. Das dürfte eine Viertel Million Euro kosten. Die Alternative wäre eine Sanierung. Diese würde laut Angaben der Werksleitung wohl nur rund 170.000 Euro kosten. Unvorhersehbare Probleme könnten aber auch einen Aufwand von bis zu 300.000 Euro nötig machen. Hinzu kämen aber weiterhin jährliche Unterhaltskosten von gut 10.000 Euro, argumentiert das Management.

So wurde die Stadt schon im Herbst vorgewarnt, dass im Frühjahr der Abbruchantrag im Rathaus eingereicht werde. Dem wird die Stadt nicht widersprechen können, wenn sich bis dahin keine andere Lösung anbietet. Die Ratsfraktionen von SPD und CSU sind sich einig, einen Erhalt des "Trevira-Turms" anzustreben. Jedoch kann die Stadt selbst kein Geld für das Unterhaltsproblem eines Wirtschaftsunternehmens aufbringen. Im speziellen Eigentumsverhältnis liegt der wesentliche Unterschied zur Rechtslage am Glaspalast.

Der Eigentümer würde sich vom Schriftzug trennen, wenn ein Sponsor den Kamin erhalten würde. 
Bild: Marcus Merk

Heimatverein, Denkmalschutz, Bürgerschaft, Wirtschaftspartner von Trevira – in viele Richtungen wird seither sondiert, ob sich Mitstreiter finden, um das Wahrzeichen zu erhalten. Gefunden wurde bislang viel guter Wille, jedoch kein Weg. Die Absperrung des Industrieparks verhindert einen öffentlichen Zugang und damit jede bislang vorstellbare Nutzung der alten Backsteinanlage samt Heizhaus.

Und noch ein Problem haben Bürgermeister Bernd Müller und die Ratsfraktionen: Es ist nur etwa die Hälfte der Bevölkerung, die noch die Bedeutung und Nachwirkung der wirtschaftlichen Blütezeit mit der Bobinger "Fabrik" gut kennt. Nachfolgende Generationen verdienen ihr Geld in einer Vielzahl kleinerer, mittelständischer Betriebe oder pendeln nach Augsburg, sind meist nicht mit dem Werksgeschehen aufgewachsen, als dieses auch dem Handwerk im Umland viel Arbeit bot. Das verringert den öffentlichen Rückhalt.

So bleiben vorerst nur letzte Blicke von außen auf den Schornstein, der höher als alle anderen Bauten aus dem Stadtbild ragt und an jene Zeit erinnert, die Bobingen vom Dorf zur Stadt machte. Außer es gibt noch ein Wunder, und es finden sich Geldgeber zur Rettung des Wahrzeichens. Trevira würde dann am Schornstein auf seinen Firmennamen verzichten und einem Sponsor Platz machen.

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