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Schwabmünchen

14.01.2020

Ein Söllner-Konzert ohne Marihuanabaum

Hans Söllner sorgte bei seinem Auftritt in der Stadthalle für komische wie auch sehr nachdenkliche Momente
Bild: Uwe Bolten

Der Liedermacher übt in der Schwabmünchner Stadthalle wie gewohnt deutliche Kritik an Staat und Gesellschaft. Der bayerische Rebell will übrigens Bürgermeister in Bad Reichenhall werden – oder auch nicht.

Man sah es den Gästen an, dass Hans Söllner immer noch Kult in Bayerns Konzertsälen ist. Krawatten waren nicht zu entdecken, dafür gut gelaunte Menschen aller Altersgruppen, die Fraktion der um die 50-Jährigen war besonders stark vertreten. Eben jene, die Söllners Konflikte mit der Staatsmacht noch nahezu täglich in der Presse verfolgen konnten. Aber auch viele jüngere um die 20 wollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den letzten bayerischen Rebellen live zu erleben. Der große „Söllner-Steinbock“ in den Rastafari-Farben grün-gelb-rot prangte auf dem dunkelblauen Bühnenhintergrund der Stadthalle, als sich die Türen öffneten und weit mehr als 600 Besucher in die ausverkaufte Halle strömten.

Führerscheinkontrolle endet in Handschellen

Ein zweigesichtiger Söllner erzählte von seinen Begegnungen mit der Polizei, zu der er aufgrund seines offen zugegebenen Drogenkonsums immer wieder sein gespaltenes Verhältnis darstellte und erklärte, dass „bei mir eine normale Führerscheinkontrolle mit Handschellen endet“. Seine Konfrontationen mit der Staatsmacht brachten die Zuhörer oft zum Lachen, seine Ideen, Polizeikräfte gewaltfrei insbesondere mit Worten zu irritieren, erzeugte süffisantes Lächeln. Die Lieder „Ganja“, „Edeltraut“, bei dem nahezu der ganze Saal mitsang oder der „Rasenmäher“, jeweils mit den dazugehörigen Begebenheiten, zeigten den Liedermacher aus Bad Reichenhall eher im komisch-ironischen Licht seines Schaffens.

Mit der Zeit wechselte sein, immer wieder durch Geschichten angereichertes, ironisch spitz formuliertes Programm in eine durch nachdenklich stimmende Töne bestimmte Szenerie. Der Applaus zu Themen wie Massentierhaltung („Verzichtet doch 365 Tage auf Hähnchen“), der Genitalverstümmelung an jungen Mädchen im Sudan, zum Wahnsinn des Terrorismus (Lied „Genug“), oder dem Titel „Rassist“ setzte erst nach einem kurzen Moment der Besinnung ein.

Ein Söllner-Konzert ohne Marihuanabaum

Söllner präsentiert sich ehrlich und geradlinig

Söllner präsentierte sich ehrlich, geradlinig und erdig, immer mit Achtung vor dem Leben. Er schaffte Betroffenheit, indem er Missstände offen nannte und einen persönlichen Bezug in seinen Liedern herstellte. Dabei hob er nicht ständig den Zeigefingern gegenüber seinen Zuhörern, die Texte wirkten durch sich bis in die Seele. Er brauchte nicht einen offenen Widerstand fordern; die Notwendigkeit von Verhaltensänderungen gegen die Mängel im täglichen Leben ergaben sich von selbst. Die benutzte Sprache reichte von rauen Worten der Straße und des Stammtischs bis hin zu lyrisch fein formulierten Liedtexten.

Seine Kandidatur um das Amt des Bürgermeisters in seiner Heimatstadt Bad Reichenhall streifte er nur kurz. „Irgendwie wünsche ich für mich, dass ich es nicht werde; für den Stadtrat wünsche ich, dass ich es werde“, sagte er unter dem Applaus der Zuhörer. Hätte Söllner zum Ende des zweistündigen Konzerts ohne Pause den „Marihuanabaum“ gespielt, wäre die Intensität der letzten Lieder verpufft, die Worte aus dem Munde des Rebellen aus dem Berchtesgadener Land wären ihrer tiefen Kraft beraubt worden.

Übrigens: Keiner der Besucher nutzte das Gehörte über den Umgang mit der Staatsmacht. Die Polizeistreife, die nach dem Konzert vor der Stadthalle patrouillierte, wurde nicht behelligt.

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