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Schwabmünchen/Ettringen

04.01.2016

Jetzt kommt „Väterchen Frost“ in die Region

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2 Bilder
Die Kirche der Heiligen Sofia ist den Heiligen Märtyrerinnen Fides, Spes, Caritas und ihre Mutter Sophia geweiht. Erzpriester Nikolai Artemoff kommt aus München regelmäßig hierher.
Bild: Manuela Antosch

Die russisch-orthodoxe Gemeinde feiert Weihnachten erst am 7. Januar. Das Fest bringt nicht nur eine geruhsame Seite zum Vorschein.

Das neue Jahr hat begonnen und Weihnachten ist bereits Schnee von gestern. Doch während bei uns die Sternsinger unterwegs sind, steht für einige Familien das große Fest erst noch vor der Tür. Es sind die Gläubigen der russisch-orthodoxen Kirche, die Weihnachten erst am 7. Januar feiern. Seit Mai 2012 gibt es auch für den südlichen Landkreis Augsburg ein Gotteshaus, in dem die Menschen sehnsüchtig auf Väterchen Frost, der russischen Version eines Weihnachtsmann, warten. Die Kirche steht in Ettringen direkt hinter der Landkreisgrenze und ist für 55 Familien religiöse Heimat geworden. Und so sieht der klassische Ablauf einer russischen Weihnachtsfeier aus.

Die Tür geht auf. Bevor der Blick zu allen Seiten wandert, wird von hinten bereits gedrängt. Menschenmassen strömen in den Raum. Augenblicklich meldet sich der Niesreiz, umgeben von einem Weihrauchnebel fallen zuerst stehende Menschen und Frauen in Kopftüchern auf. Geradezu hektisch werden lange dünne Kerzen angezündet, Ikonen geküsst, ein Gemurmel geht durch den Raum und alle Gläubigen scheinen sich im Minutentakt zu bekreuzigen.

Manches ist anders im orthodoxen Glauben

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Sobald sich die Augen daran gewöhnt haben, schweift der Blick zur Einrichtung. Sitzgelegenheiten sind Mangelware, an Prunk aber fehlt es deshalb nicht. Wohin das Auge wandert, sind mit Fresken bemalte Wände zu sehen. Die Farbe Gold dominiert, selbst Liturgen tragen glänzende Gewänder, Schönheit und Kostbarkeit reihen sich hier aneinander. Das wohl Auffälligste ist der fehlende Altar, man sieht stattdessen drei goldene Türen und eine Ikonostase.

Diese Ikonostase trennt im orthodoxen Glauben nicht nur die göttliche von der erschaffenen Welt, sondern ist auch ein Abbild der himmlischen Kirche mit Jesus Christus als Haupt. Die Ikonostase ist mit ihren Ikonen dem mittleren Teil der Kirche zugewandt, wo die Betenden stehen. Dadurch steht die Versammlung der Gläubigen während des Gottesdienstes gleichsam von Angesicht zu Angesicht der Versammlung der Himmelsbewohner gegenüber, die in den Bildern der Ikonostase geheimnisvoll anwesend sind.

Weite Fahrt zum Weihnachtsgottesdienst

Plötzlich ertönt die tiefe Bassstimme des Geistlichen. Predigt und Gesang wechseln sich ab, greifen ineinander oder verstummen, das ungeschulte Ohr kommt hier nur schwer mit. Schon gar nicht, wenn sich russisch und deutsch abwechseln. Nach drei Stunden steht das Fastenbrechen bevor. Ein Brei namens „Kutja“ wird rumgereicht, das russische Weihnachtsfest wird eingeläutet. Weihnachtsgottesdienst mal anders.

Sie sind nicht besonders auffällig, ihre Kirchenräume oft angemietet und nur sporadisch anzutreffen, ihre Rituale eher unbekannt. Doch das russisch-orthodoxe Leben floriert auch hierzulande. Weihnachten wird nach dem Julianischen Kalender am 7. Januar gefeiert, in den Genuss eines Weihnachtsgottesdienstes am Abend zuvorkommen die Wenigsten. Die langen Fahrstrecken zu der nächstgelegenen Kirche sind meist zu weit, deshalb bemüht sich jede Familie ihren Glauben individuell zu gestalten.

Glaube war in der ehemaligen Sowjetunion unterdrückt

Zu Sowjetzeiten war es sogar verboten, seinen Glauben auszuleben. Und so wurde Weihnachten schon immer klein gefeiert, besinnlich und familiär. So wundert es auch nicht, dass die Gläubigen im Laufe der Zeit lernten, sich anzupassen und „deutsche Weihnachten“ feiert. Ob es nun den Kindern zu Liebe passiert oder der Bequemlichkeit geschuldet ist, in Russland-Deutschen Kreisen hört man oft von zwei Weihnachten, wobei der Fokus auf einem der beiden liegt. Je nachdem wie fest eine Familie im orthodoxen Glauben verwurzelt ist.

Das Weihnachtsfest bringt die eine geruhsame Seite zum Vorschein. Eine Seite, die beharrlich zu seinem Glauben und seinen Traditionen steht. Doch wer einen Russen zu seinen Nachbarn zählen darf, der weiß, dass das Ungestüme bereits um die Ecke wartet und in Form einer lauten, heiteren Feier ausbricht. Die russische Seele singt und tanzt gerne. Und gegen ein Festmahl im Kreise der Familie und Freunde hat auch niemand etwas auszusetzen.

Geschenke gibt es an Neujahr

Entgegen aller Erwartungen geschieht dies aber nicht am Weihnachtstag selbst. Was die Führung der Sowjetunion einst auf den 31. Dezember gelegt hat, wird auch heute noch praktiziert. Ein Neujahrsbaum wird geschmückt und mit ihm taucht auch ein langersehnter Gast auf. Das Schauspiel beginnt: Auf der Bühne erscheint „Väterchen Frost“, die russische Version eines Weihnachtsmannes in einem blauen Gewand. Im Schlepptau hat er seine Enkelin „Schneeflöckchen“. Sie sind nicht nur zum Beschenken da, sondern auch der Höhepunkt im Unterhaltungsprogramm, eine Garantie für ein gelungenes Fest.

Am 14. Januar wird zu guter Letzt an das „alte neue Jahr“ erinnert, die alte Zeitrechnung ist noch sehr präsent. An die große Glocke möchte man aber auch das nicht hängen, viel mehr trägt man diesen Tag im Herzen.

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