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Politik

02.08.2016

Stimmen für und gegen Erdogan

Der Chef des Freundschaftsvereins in Bobingen verteidigt Verhaftungswelle, andere sehen ihre Familie gespalten

Der Vorsitzende des Deutsch-Türkischen Freundschaftsvereins in Bobingen, Arif Diri, hat gegenüber unserer Zeitung die gegenwärtige Verhaftungswelle in seinem Heimatland verteidigt. Ausdrücklich lobt er das entschiedene Vorgehen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gegen mutmaßlich Andersdenkende als nötige Maßnahme, um Ruhe in der Türkei herzustellen. „Das geschieht nur, um danach die gute Politik fortsetzen zu können“, sagt Arif Diri. Er ist sich sicher, dass Erdogan für Demokratie einstehe und nach der Verhaftung mutmaßlicher Gegner sein Land weiter voranbringen werde.

Gleichzeitig rief der Vorsitzende des Freundschaftsvereins in einer Presseerklärung Deutsche und Türken in Bobingen zu Einheit und Dialog auf. Die Entwicklung in der Türkei solle die Menschen hier und dort nicht spalten. Sachliche Kritik sei zulässig, sollte aber nicht zur pauschalen Verurteilung eines ganzen Landes und seiner Bürger führen.

Diris Verein gehören nach eigenen Angaben rund 250 Mitglieder an. Dessen Arbeit wurde bereits mehrfach aufgrund vielfältiger Aktionen zur Verständigung zwischen den Kulturen öffentlich gewürdigt. Viele prominente Landkreis-Bürger traten dem Verein bei Freundschaftsveranstaltungen bei.

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Noch in der Nacht des Putschversuchs in der Türkei vor gut zwei Wochen war Arif Diri nach eigenen Worten mit etwa 15 Landsleuten aus Bobingen nach Augsburg gefahren, um gegen einen Sturz Erdogans einzutreten. Am vergangenen Sonntag war er allerdings nicht bei den Demonstrationen in Köln dabei. Diri nahm diese jedoch gestern zum Anlass zu einem Aufruf.

In einer Erläuterung gegenüber unserer Zeitung wirbt er für die Politik Erdogans, der die Türkei in den letzten Jahren „in rasanter Geschwindigkeit modernisiert“ habe und von der großen Mehrheit seiner Landsleute sehr geschätzt werde. So wie die Türkei sei auch Deutschland „ein großartiges Land“.

Diri sagt auch: „Andererseits blicken viele Deutsche und Türken – auch ich persönlich – mit großer Sorge in die Türkei: Sie haben Angst, dass sich dieses wichtige Land von Europa abwendet. Sie fürchten um die Freiheit in der Türkei – um die Freiheit von Journalisten und Richtern, aber auch um die Freiheit jedes einzelnen Menschen, seine Meinung offen sagen zu können. Sie sehen mit Bestürzung, dass über die Wiedereinführung der Todesstrafe diskutiert wird – wo doch ihre Abschaffung eine der Voraussetzung für die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen war. Dennoch sollten wir nie vergessen: Uns verbindet unendlich viel mehr, als uns trennt.“ Das Miteinander der Kulturen habe Deutschland bereichert.

Zugleich warnt Diri vor Verallgemeinerungen. „Deutsche, Türken, Deutsch-Türken und Türkei-Deutsche sollten weniger übereinander und viel mehr miteinander reden... Lassen Sie uns Andersdenkenden mit Respekt begegnen. Auch fundamentale Meinungsverschiedenheiten dürfen nicht dazu führen, dass wir uns spalten lassen.“

Doch nicht alle Türken oder Türkischstämmige im Augsburger Land glauben an einen offenen Dialog und so manche sehen die Politik Erdogans auch weniger optimistisch. Allerdings wollen sie namentlich nicht genannt werden. Auch wenn sie schon seit Jahrzehnten im Süden des Augsburger Landes leben, fürchten sie Folgen einer offenen Meinungsäußerung, sei es in Form von Vorwürfen durch Landsleute, sei es Auswirkungen auf ihre berufliche Existenz. Oder sie nehmen Rücksicht zum Schutz von Angehörigen in der Türkei. Doch zuweilen wird auch deutlich, dass das Thema sogar Familien spaltet. Während sich ein Deutsch-Türke um die friedlichen Beziehungen zwischen seiner Heimat und der EU sorgt, hört er von Verwandten, Erdogan könne gar nicht hart genug vorgehen.

Doch will keiner namentlich zitiert werden: „Ich möchte nichts mehr dazu sagen, es ist genug geschrieben“, sagt ein türkischer Geschäftsmann. Ein anderer meint: „Ich lebe seit rund 50 Jahren glücklich und sicher hier in Deutschland, daran soll sich nichts ändern. Daher möchte ich nichts sagen“. Unter den Kritikern ist ein Gefühlscocktail aus Angst, Misstrauen und Resignation zu spüren. "Kommentar

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