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Langerringen

17.06.2020

Tierschutz mit Drohne: Sie retten Rehkitzen im Landkreis das Leben

Mit einer Drohne suchen Tobias Baumgartner (links) aus Langerringen und Alexander Bader (rechts) die Felder nach Rehkitzen ab.
Bild: Tobias Baumgartner

Plus Mit Drohnen suchen Tobias Baumgartner und Alexander Bader die Felder nach Rehkitzen ab. Sie wollen verhindern, dass die Jungtiere getötet werden.

Eingerollt liegt das Rehkitz im hohen Gras. Mit bloßem Auge ist es zwischen den Halmen kaum zu erkennen. Doch Tobias Baumgartner hat es entdeckt – und vor dem sicheren Tod bewahrt.

Seit zwei Jahren sucht der Hobbyjäger mit Freunden die Felder nach Jungtieren ab. Zwei Drohnen mit Wärmebildkameras helfen ihnen dabei. Meist sind sie auf den Wiesen rund um Schwabmünchen und Langerringen unterwegs. Aber auch Jagdpächter aus umliegenden Revieren bitten um Hilfe.

Denn immer wieder geraten Rehkitze in die Mähmaschinen der Landwirte. Meist sind sie sofort tot oder werden durch die Messer schwer verletzt. Die Schreie der Kitze gehen durch Mark und Bein, wie Baumgartner weiß. Schon mehrmals musste er ein verletztes Tier erlösen. „Das ist eine harte Sache“, sagt der Langerringer.

Rehkitzrettung: Die Drohnen samt Ausrüstung sind teuer

Mit 15 Jahren hat er seinen Jagdschein gemacht. Seitdem setzt er sich für die Rettung der Kitze ein. „Das hatte für mich immer Priorität“, sagt Baumgartner. Früher ist er zu Fuß durch die Felder gestreift und hat nach Jungtieren Ausschau gehalten. „Aber so findet man nie alle“, weiß er.

Um mehr Rehkitze zu retten, hat er sich mit seinem Kumpel Alexander Bader vor zwei Jahren eine Drohne gekauft. Schnell war klar, dass die Suche mit der Wärmebildkamera deutlich effizienter ist. „Damit finden wir fast jedes Kitz“, sagt Baumgartner. Doch die Ausrüstung ist nicht billig – insgesamt 9.000 Euro waren fällig. Einen Teil davon übernahm der Stefan Bischof vom gleichnamigen Rohleitungsbetrieb. So konnten die beiden eine zweite Drohne anschaffen.

Mit bloßem Auge sind die Kitze im hohen Gras kaum zu erkennen.
Bild: Tobias Baumgartner

Meist sind sie zu zweit unterwegs, manchmal auch zu viert. So kann einer die Drohne steuern, während der andere losläuft, um das Kitz aus dem Feld zu holen. Dabei gilt: Je schneller der Einsatz, desto besser. Denn nach 20 Minuten ist der Akku der Drohne leer. Um länger fliegen zu können, haben sie Wechselakkus dabei. Aber auch das Wetter spielt eine entscheidende Rolle. Ist es zu warm, funktioniert die Wärmebildkamera nicht mehr. „Es ist ein Rennen gegen die Zeit und gegen die Sonne“, sagt Baumgartner.

Dafür steht er um fünf Uhr morgens auf und fährt aufs Feld. Eigentlich arbeitet er als Schreiner, nächstes Jahr will er sich selbstständig machen. „Die Rehkitzrettung nimmt viel Zeit in Anspruch“, sagt Baumgartner. Es habe Wochen gegeben, in denen er 30 Stunden im Einsatz war – neben der eigentlichen Arbeit. Aber das ist es ihm wert.

Vier Wochen liegen die Kitze im hohen Gras versteckt

„Für mich ist jedes Tier ein Heiligtum“, sagt Baumgartner. Die Hege und Pflege stehe an erster Stelle. Regelmäßig fährt er hinaus, um Rehe zu füttern. Er weiß, wann eine Geiß trächtig ist, das Kitz geboren und gesäugt wird. „Es gibt nichts Schöneres, als dabei zu sein und zu helfen“, sagt Baumgartner.

Etwa drei bis vier Wochen nach der Geburt liegen die Jungtiere eingerollt im Feld. Das Muttertier kehrt nur zum Säugen zurück. Durch den „Drückerinstinkt“, ein angeborenes Schutzverhalten, drücken sich die Kitze bei drohender Gefahr auf den Boden und laufen nicht weg. Überlebenswichtig, wenn ein Fressfeind naht – tödlich, wenn es eine Mähmaschine ist.

Für die Rehkitzretter ist deshalb vor allem eines wichtig: die Kommunikation mit den Landwirten. „Das klappt bei uns sehr gut“, sagt Baumgartner. Etwa zwei Tage vor dem Mähen geben die Landwirte ihnen Bescheid – rund 120 beteiligen sich. Zur Sicherheit steuern Bader und Baumgartner die Drohnen vorab über das Feld. Die eigentliche Rettung erfolgt ein bis zwei Stunden vor dem Mähen. „Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Kitze nach der Rettung ins Feld zurücklaufen und doch von der Mähmaschine erfasst werden“, erklärt Baumgartner.

Tobias Baumgartner rettet Rehkitzen das Leben.

Die Retter reiben sich vorher die Hände mit Gras ein

Bevor sie ein Kitz aus dem Feld nehmen, reiben sie sich die Hände mit Gras ein und heben das Jungtier nur mit Büscheln heraus. So hinterlassen sie keine Witterungsspuren. Anschließend setzen sie die Tiere in einem nahe gelegenen Bewuchs ab. Allein in diesem Jahr haben die beiden Freunde 78 Rehkitze gerettet. In den vergangenen drei Jahren waren es 160 Tiere.

Viele schätzen den freiwilligen Einsatz der beiden. „Erst letzte Woche haben Spaziergänger gesehen, wie wir ein Kitz aus dem Feld geholt haben und sich gefreut“, sagt Baumgartner.

Goldig, wie sich das Rehkitz versteckt. Doch dieser natürliche Instinkt wird den Jungtieren häufig zum Verhängnis, wenn sie von Mähmaschinen erfasst und schwer verletzt oder getötet werden.
Bild: Karin Donath

Doch nicht immer fallen die Reaktionen positiv aus. Ein Mann habe mit einer Anzeige gedroht, weil er sich von der Drohne verfolgt fühlte. Ein anderes Mal seien sie beschuldigt worden, ein Kitz nicht gerettet zu haben. Über solche Reaktionen kann Baumgartner nur den Kopf schütteln. „Wir tun unser Bestes“, sagt er. „Wir stehen nicht in der Früh auf und investieren Geld, um uns beschimpfen zu lassen.“

Der 22-Jährige lässt sich davon nicht unterkriegen. Ihm geht es um das Wohl der Tiere. Kann er ein Kitz nicht retten, muss er es erlösen. „Das ist nicht schön, aber dann weiß ich wieder, warum ich das mache“, sagt Baumgartner. Noch zwei bis drei Wochen verstecken sich die Rehkitze im hohen Gras. Dann sind sie auf den Beinen und vor den Mähmaschinen sicher. Doch bis dahin werden Baumgartner und Bader mit ihren Drohnen noch einigen Kitzen das Leben retten.

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