Lebensgeschichte

10.11.2016

Friedrich Hessing war auch Orgelbauer

Copy%20of%20Hessing_1aa.tif
6 Bilder
Hessing-Porträts aus verschiedenen Lebensaltern: als Jungunternehmer und als „Königlich-bayerischer Hofrat“.

Vor 150 Jahren bekam Friedrich Hessing in Augsburg die Lizenz als Orgelbauer. Ein vergessenes Kapitel in der Biografie des „Pioniers der Orthopädietechnik“.

In der Fernsehsendung „Kunst & Krempel“ wurde ein Harmonium aus dem Orgelbaumuseum Steinmeyer in Oettingen gezeigt. Friedrich Hessing habe es gebaut, erfuhren die Fernsehzuschauer. Er habe als junger Mann bei Steinmeyer gearbeitet und später in Göggingen eine orthopädische Heilanstalt gegründet. Auch in der „Hessing-Kirche“ in Göggingen befindet sich ein von Friedrich Hessing gefertigtes Harmonium. Das Herstellerschild „F. Hessing Augsburg“ bestätigt dies.

Ein Hessing-Harmonium ist im Maximilianmuseum zu sehen

Ein weiteres Hessing-Harmonium steht in einem Magazin des Maximilianmuseums. Es ist äußerst ungewöhnlich, denn es sieht wie ein Frisiertisch aus. Mechanik und Blasebalg sind unter der Tischplatte verborgen. Wird ein Teil hochgeklappt, kommt die Tastatur zum Vorschein. Das Instrument schmückte jahrzehntelang als dekoratives „Möbel“ das Wohnzimmer der Stifterin. Das Herstellerschild „F. Hessing Augsburg“ bewog sie, das Harmonium der Stadt Augsburg zu schenken.

Das Harmonium soll von einem Orgelbauer wieder bespielbar gemacht werden. Um es im Maximilianmuseum zu präsentieren, wäre das heutige Jubiläum ein passender Anlass gewesen: Auf den Tag genau vor 150 Jahren bekam Friedrich Hessing die Gewerbelizenz als Orgelbauer in Augsburg. Das im Stadtarchiv verwahrte Schreiben trägt das Datum 10. November 1866. Berühmt wurde der spätere „Hofrat Friedrich Ritter von Hessing“ jedoch nicht als Orgelbauer, sondern als Orthopädietechniker.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Er kam am 19. Juni 1838 in dem zur fränkischen Gemeinde Gastenfelden gehörigen Weiler Schönbronn, etwa fünf Kilometer von Schillingsfürst entfernt, zur Welt. Er war das 13. und letzte Kind einer Bauern- und Hafnerfamilie. Hessings Schulbildung umfasste sechs Jahre Dorfschulbesuch. 1852 erhielt er sein Abschlusszeugnis. Als Gärtnerlehrling kam er in der Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst’schen Hofgärtnerei unter. Die Ausbildung brach er nach etwa zwei Jahren ab und begann eine Schreinerlehre. Er schloss sie im Juli 1857 mit der Gesellenprüfung ab.

Orthopäde Friedrich Hessing war gelernter Schreiner

Der Jungschreiner trat 20-jährig am 3. November 1858 beim Orgelbauer Georg Friedrich Steinmeyer in Oettingen ein. Hier entstanden auch Harmonien. Friedrich Hessing konnte seine Fähigkeiten als Schreiner einbringen und sich zum Orgel- und Harmoniumbauer weiterbilden lassen. Obwohl laut Eintrag im Arbeitsbuch nur 147,5 Zentimeter groß, musste er 1860 als Infanterist zum Militär. Nach seiner Dienstzeit arbeitete er bis 2. Dezember 1861 wiederum bei Steinmeyer. Anschließend erweiterte er in Stuttgart seine Kenntnisse im Harmoniumbau.

1862 oder erst 1863 kam Friedrich Hessing nach Augsburg zum Pianoforte-Hersteller Max Schramm an der Klinkertorstraße. Amtliche Daten fehlen in der Hessing-Biografie weitgehend bis zum 8. November 1866. An diesem Tag erschien der 27-Jährige in Augsburg bei der Meldebehörde und beantragte eine Gewerbeerlaubnis als Orgelbauer. Bereits am 10. November 1866 – heute vor 150 Jahren – erteilte der Augsburger Magistrat die Lizenz. Als Adresse gab Hessing „Litera A 347“ an. Das war die Schwallmühle unterhalb des Predigerbergs.

Wie viele Tasteninstrumente in der Hessing’schen Werkstätte entstanden, ist unbekannt. Dass sich der Orgelbauer auch als „Orthopädie-Techniker“ betätigte, ist erstmals im Juli 1866 durch einen Brief überliefert: Er arbeite an einem künstlichen Fuß für einen Unterschenkel-Amputierten, heißt es darin. In Augsburg wurde dies im November 1867 aktenkundig, als er vergeblich um finanzielle Unterstützung bei der Herstellung von „orthopädischen Maschinen und künstlichen Gliedmaßen“ ersuchte, „um letzteren Geschäftszweig besser kultivieren zu können“.

Der neue „Geschäftszweig“ bildete für den in der Holz-, Metall- und Lederbearbeitung geübten Orgelbauer eine größere Herausforderung, als Tasteninstrumente zu bauen. Das belegt der am 15. Juni 1868 gestellte Antrag, in Augsburg eine orthopädische Heilanstalt gründen zu dürfen. Am 12. September hatte er die Genehmigung der Regierung von Schwaben und Neuburg in Händen. Am 13. Oktober 1868 gab Hessing die Eröffnung in Tageszeitungen bekannt. Darin schrieb er, er strebe die Heilung von Gebrechen wie „Verkrümmungen und Verkürzungen von Extremitäten oder des Rumpfes“ nur auf mechanischem Weg „mit Umgehung operativer Eingriffe“ an. Seine „Anstalt“ befinde sich im „Hause des Badebesitzers Hrn. Eggensberger J Nr. 240 vor dem Jakoberthor“.

Hessing wollte Zusatzverdienst durch Instrumente

Der Andrang von Hilfesuchenden war groß, doch die Entwicklung und die Fertigung „heiltechnischer Apparate“ brachte wenig ein. Geld sollte weiterhin der Verkauf von „Orgeln, Harmoniums, Clavieren und Pianinos“ einbringen. Dafür habe er ein Lager im Riedingerhaus am Hohen Weg (heute steht an dieser Stelle das Stadtwerkehaus) eingerichtet. In einer Anzeige vom 23. November 1868 werden auch Harmonien in der Form von „spielbaren Schreibtischen“ angepriesen. Eines dieser seltenen Exemplare ist im Besitz des Maximilianmuseums.

Hessings erste „Heilanstalt“ in Augsburg war unzulänglich. Am 24. Februar 1869 begründete Hessing in einem vierseitigen Brief an den Augsburger Magistrat sein Ansuchen um ein Baugrundstück beim Gartengut Erzberger, Litera J 35/36/37 (ab 1879: Gögginger Straße 38a). Dann bot sich eine geeignete Immobilie an: Hessing konnte das leer stehende ehemalige Landgerichtsgebäude in Göggingen erwerben. Darin richtete er eine „orthopädische Heilanstalt“ ein. Am 1. September 1869 gab Hessing die Eröffnung bekannt. In Göggingen vollzog sich der Wandel vom Orgel- und Harmoniumbauer zum „Fertiger orthopädischer Apparate“.

Das Gebäude der ersten orthopädischen Heilanstalt in Göggingen steht noch heute an der Hessingstraße. Dieses Aquarell stammt aus dem Jahr 1902.

Nach finanziellen Engpässen ging es geschäftlich steil aufwärts, als vermehrt Vermögende bei ihm Hilfe suchten. Hessing ließ alle Hilfsapparate in eigenen Werkstätten fertigen und zur Versorgung seiner Patienten eine vorbildliche Landwirtschaft betreiben. 1880 erbaute Hessing die „Burg“ als Gästehaus, 1885 eine neue Heilanstalt, 1885/86 ein Kurhaustheater und 1890/93 eine Kirche.

Im europäischen Hochadel endgültig hoffähig wurde Friedrich Hessing durch die erfolgreiche Behandlung eines Knöchelbruchs der deutschen Kaiserin Viktoria im Jahre 1899. Eine Ordensflut folgte. 1904 bekam er den Titel „Königlich-bayerischer Hofrat“ verliehen. Das Ritterkreuz des Verdienstordens der bayerischen Krone verlieh ihm Bayerns Regent Ludwig III. zum 75. Geburtstag am 19. Juni 1913. Damit war der persönliche Adel verbunden. Die ins Palmenhaus geladenen Kurgäste trugen sich in eine Gratulantenliste ein. Fürst Gagarin aus St. Petersburg führte sie an. New York, Kalifornien, London, Belgrad, Warschau, Budapest, Danzig, Berlin, Frankfurt und viele norddeutsche Städte finden sich unter den Heimatadressen.

Als Hofrat Friedrich Ritter von Hessing am 16. März 1918 starb (sein Grab befindet sich auf dem Gögginger Friedhof), hinterließ er ein Millionenvermögen. Er brachte es in eine nach ihm benannte Stiftung unter der Obhut der Stadt Augsburg ein. Die 1869 in Göggingen eröffnete „orthopädische Heilanstalt“ entwickelte sich zur „Hessing-Klinik“. Sie zählt heute zu den größten orthopädischen Fachkliniken Europas. In der Ärztewelt hielten sich zu Hessings Lebzeiten Unterstützer und teilweise aggressive Gegner die Waage. Die Titulierungen „Pionier der Orthopädietechnik“ und „Erster Orthopädiemechaniker der Welt“ kamen für den außerhalb der wissenschaftlichen Orthopädie stehenden Autodidakten erst nach seinem Tod.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Angströhre 1
Verkehrsgeschichte

Augsburg und seine unbeliebten Fußgängertunnel

ad__starterpaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket