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Die Ausstellungsmacherin

Bild: Architekturmuseum Schwaben

Die Augsburger Kunsthistorikerin Hilde Strobl hat sich im Auftrag des Staatsministeriums mit 100 Jahren Wohnungsbau in Bayern beschäftigt. Das Ergebnis ist ab 15. März in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen.

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Hohe Mieten, steigende Einwohnerzahlen in den Städten, zu wenig Platz – das Thema Wohnungsbau ist heute aktuell – und war es auch schon 1918. Unter dem Motto „Wir feiern Bayern“ wird in diesem Jahr die 100-jährige Geschichte des Freistaats gefeiert. Aus diesem Anlass eröffnet das Architekturmuseum der TU München Mitte März in der Pinakothek der Moderne eine Ausstellung mit dem Titel „Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen! Wohnungsbau in Bayern 1918|2018“. Kuratorin ist die Augsburgerin Hilde Strobl. Im Interview spricht die Kunsthistorikerin darüber, warum sich Bayern für das Kapitel Wohnungsbau feiern darf, was sich seit dem Ersten Weltkrieg nicht verändert hat und warum sie Kuratorin und doch nicht Lehrerin geworden ist.

Sie haben Kunstpädagogik und Deutsch studiert. Das klingt erst mal nicht nach Berufsziel Kuratorin. Wie kam’s?

Hilde Strobl: Zuerst habe ich mein Kunstgeschichtestudium abgeschlossen, dann wollte ich Lehrerin werden. Ich hatte bereits die Zulassung zum Ersten Staatsexamen, bin aber zu keiner einzigen Prüfung gegangen. Damals habe ich neben dem Studium im Architekturmuseum München als Praktikantin gearbeitet. Dann wurde mir dort eine Stelle als Assistentin angeboten und ich bekam die Möglichkeit, meine Doktorarbeit zu schreiben. Heute unterrichte ich Architekturstudenten.

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Das Motto im Jubiläumsjahr heißt: „Wir feiern Bayern“. Hat der Freistaat etwas zu feiern, wenn es um geförderten Wohnungsbau geht?

Strobl: Bayern steht nicht schlecht da. Der Freistaat ist beim Wohnungsbau oft seinen eigenen Weg gegangen. Zum Beispiel wurden in Bayern Grundstücksbesitzer nach dem Zweiten Weltkrieg nicht enteignet. In den anderen Bundesländern war das die Regel, um den Wiederaufbau voranzutreiben. Eine Folge davon: Woanders wurde rabiat abgerissen und neu gebaut, in vielen bayerischen Altstädten konnte der Charakter besser erhalten werden. Außerdem sind die Kommunen sehr stark. Einige Grundstücke sind noch in städtischem Besitz. Das ist heute die Chance, Wettbewerbe für geförderten Wohnraum auszuschreiben.

Wann beginnt eigentlich staatlich geförderter Wohnungsbau in Bayern?

Strobl: Mit Beginn der Industrialisierung bekommen die größeren Städte ein Wohnungsproblem. Nach dem Ersten Weltkrieg 1918 sieht sich der neu ausgerufene Freistaat Bayern mit einer katastrophalen Wohnsituation konfrontiert. Der Staat muss handeln und zum ersten Mal fließt Geld zur Förderung von Wohnungsbau. Aber das Problem geht weiter und zieht sich durch die Geschichte bis heute.

Welches Problem genau?

Strobl: Es gab immer zu wenig Wohnraum. Und es gab immer jemanden, der vermeintlich dafür verantwortlich war. Die Gesellschaftsstruktur in Bayern, vor allem in den Städten, ist geprägt von Zuwanderung. Wenn der Wohnungsbestand ohnehin knapp ist und dann kommen noch Menschen dazu, wie beispielsweise nach dem Zweiten Weltkrieg, dann sind die entstehenden Ängste und Probleme voraussehbar. Damals kamen alleine nach Bayern 1,9 Millionen Flüchtlinge. Später in den 1960er-Jahren waren es die Gastarbeiter. Und seit 2015 haben wir ein neues Flüchtlingsthema. Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber Faktoren wie Veränderungen der Gesellschaft oder der Bedarf an Wohnungen. Die Ausstellung zeigt auch historische Lösungsmodelle. Vielleicht muss man nicht immer alles neu erfinden, sondern Dinge, die abgeschafft wurden, neu betrachten. Dabei ist Zuwanderung nur ein Aspekt, der den Wohnungsbau beeinflusst.

Was noch?

Strobl: Verkehr, Arbeit und natürlich die jeweilige politische Situation. Ein Beispiel dafür ist die Stadt Hof in Oberfranken. Bedingt durch die nahe Grenze stieg die Einwohnerzahl nach 1945 um fast ein Drittel. Die Folge war, dass Wohnungsbau speziell gefördert wurde. Aktuell werden dort Wohnungen abgerissen. Sie stehen leer. Einfach, weil die Kombination aus Wohnungs- und Arbeitsmarkt nicht stimmt. Man kann dieses Thema nicht isoliert betrachten.

Sie leben zumindest teilweise in Augsburg. Was lässt sich in Bezug auf sozialen Wohnungsbau über die Fuggerstadt sagen?

Strobl: Theoretisch hätte man die ganze Ausstellung über Augsburg machen können. Nein, da bin ich natürlich etwas befangen. Aber in Augsburg lassen sich noch heute viele Beispiele erkennen. Einige Siedlungsbereiche in Göggingen und Firnhaberau sind nach dem Ersten Weltkrieg als Selbstbausiedlungen entstanden. Erwerbslose errichteten dort Häuser in einfacher Bauweise mit Garten zur Selbstversorgung und kleinem Stall zur Kleintierhaltung. Dafür bekamen sie Lohn und konnten später eines der Häuser günstig kaufen. Eine Lösung für zwei Probleme: Arbeitslosigkeit und Wohnraumknappheit. Die Siedlungsstrukturen sind heute noch gut zu erkennen.

Was erwartet den Besucher der Ausstellung?

Strobl: Es geht darum, die Wohnungsrealität abzubilden. Wir haben den Stoff aus 100 Jahren in sieben Zeitzonen eingeteilt und zeigen darin jeweils einzelne Projekte, von Genossenschaftssiedlungen, Wiederaufbauten der Nachkriegszeit - wie die Fuggerei – bis zu mehrgeschossigen Siedlungsanlagen und Großsiedlungen der 1950er-bis 1960er-Jahre. Wir beschäftigen uns mit Sanierungsmaßnahmen zur Modernisierung und Neubelebung der Altstädte in den 1970ern und natürlich mit aktuellen Wohnkonzepten mit dem Fokus auf ökologische Aspekte und neue Modelle des Zusammenlebens. Die entscheidende Frage ist: Wo finden Familien mit geringem Einkommen Wohnungen, wohin werden sie „platziert“? Sprich diejenigen, die auf staatliche Förderungen angewiesen sind. Die Ausstellung gibt darauf natürlich keine Antwort. Ich hoffe aber, dass sie den Blick schärft. Bei mir hat das jedenfalls funktioniert. Ich gehe jetzt mit neuem Bewusstsein durch eine Stadt.

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