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Fanszene

15.03.2019

Fanforscher kritisiert Chemnitzer FC als "unglaubwürdig und lächerlich"

Toleranz, Weltoffenheit und Fairness – für diese Werte werben Spieler des Chemnitzer FC. Die Geschehnisse der vergangenen Tage haben das Image des Klubs beschädigt.
Bild: Robert Michael, dpa

Nach der Traueraktion für einen Neonazi im Stadion fühlt sich der Chemnitzer FC im Stich gelassen. Fanforscher Gunter A. Pilz kritisiert den Klub jedoch hart.

Beim Chemnitzer FC herrscht seit der Traueraktion für einen rechtsextremen Fan der Ausnahmezustand. Der Verein beteuert, von der rechtsradikalen Szene dazu gedrängt worden zu sein, die Trauerminute für den Mann abzuhalten und hat Strafanzeige wegen Nötigung gestellt. Bei dem Toten handelte es sich um einen der führenden Köpfe der Neonazi-Szene.

Stürmer Daniel Frahn hatte in dem anschließenden Spiel ein T-Shirt einer rechtsradikalen Gruppierung hochgehalten um ein Tor zu feiern. Er entschuldigte sich, wurde vom Verband jedoch bis auf Weiteres gesperrt. Am Donnerstag meldete sich der Tabellenführer der Regionalliga Nordost selbst mit einem Hilferuf.

Sportvorstand und Ex-Profi Thomas Sobotzik (Eintracht Frankfurt) bat um Unterstützung: "Wir fühlen uns im Stich gelassen. Alle erzählen uns, was wir tun sollen. Aber allein können wir das nicht schaffen." Weitergehen könne es nun nur mit- hilfe der Politik, Sponsoren und Fans. Der Verein, der zur Zeit von einem Insolvenzverwalter geführt wird, könne das nicht leisten: "Wir sind alle keine Chemnitzer, wir kommen alle woanders her."

Pilz: "Dass diese Erkenntnis jetzt kommt, ist schlichtweg unglaubwürdig und lächerlich"

Gunter A. Pilz ist Deutschlands renommiertester Fanforscher.
Bild: dpa

Für Fanforscher Gunter A. Pilz ist das eine reine Schutzbehauptung: "Dass diese Erkenntnis jetzt kommt, ist schlichtweg unglaubwürdig und lächerlich." Der 74-Jährige ist Deutschlands renommiertester Fanforscher und verfolgt die Entwicklung in Chemnitz seit längerem. Ein Problem mit rechter Gewalt gebe es nicht erst seit kurzem: "Der Verein ist davon nicht überrollt worden, sondern hat über Jahre hinweg Druck vom DFB und dem Verband bekommen, diese Probleme anzugehen." Immer wieder seien Nazis aufgetreten, um ihre Positionen notfalls mit Drohgebärden durchzusetzen. Der Verein habe wenig bis nichts dagegen getan.

Entsprechende Hilfestellungen habe es immer wieder gegeben, wie Pilz betont – die habe der Chemnitzer FC aber offenbar ignoriert. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) organisiert zum Beispiel einmal im Jahr eine Fachtagung zum Thema Rechtsextremismus. Darin tauschen sich Vereine und Verbände aus, um langfristige Projekte gegen Rechtsextremismus zu entwickeln. Das Bundesinnenministerium hat zum selben Zweck das Programm "Zusammenhalt durch Teilhabe" speziell für Fußballklubs entwickelt. Der Chemnitzer FC verzichtete bislang darauf, teilzunehmen.

Die rechte Szene gilt in Chemnitz als bestens organisiert

Strukturen haben sich stattdessen im rechten Milieu gebildet. Fanforscher Robert Claus, der sich intensiv mit der Chemnitzer Szene beschäftigt, betonte gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk: "Die Chemnitzer Nazi- und Hooliganszene ist eine der gewalttätigsten und bestorganisierten dieses Landes." An den rechtsextremen Unruhen in der ostdeutschen Stadt im vergangenen Sommer waren zum Beispiel viele Mitglieder der Chemnitzer Hooligan-Szene beteiligt. Das Sicherheitsunternehmen, das der im Stadion geehrte Nazi gegründet hatte, wurde immer wieder engagiert – sowohl bei Veranstaltungen in der Stadt Chemnitz als auch bei Spielen des CFC. Viele Mitglieder des Sicherheitsdienstes rekrutierten sich aus der rechten Szene.

Darin kannte sich der Verstorbene bestens aus: Anfang der 90er Jahre gründete er die Vereinigung "Hoonara". Die Abkürzung steht für "Hooligans, Nazis und Rassisten". Erst als sich der mittlerweile zum Unternehmer aufgestiegene Gründer 2007 in einem Interview offen mit seinen Kontakten in die rechte Szene brüstete, beendete der Fußball-Klub halbherzig die Zusammenarbeit mit ihm. Welche Rolle er weiterhin im Verein spielte, belegt der Vorfall vom Samstag.

Wie sich Vereine gegen Rechtsradikale wehren können

Dass rechte Szenen versuchen, den Fanblock eines Fußballklubs zu unterwandern, geschehe immer wieder, wie Pilz sagt. Vor allem in Ostdeutschland, aber auch bei Klubs wie Borussia Dortmund sei dies zuletzt aufgetreten. Wenn ein Verein darauf setzt, dass die traditionell gegen Rassismus eintretenden Ultras die Rechten aus dem Fanblock drängen werde, unterschätzt das Problem, wie Pilz sagt: "Die Rechten treten angsteinflößend auf, sodass man es sich zweimal überlegt, ob man dagegen eintritt." Der BVB habe vor einigen Jahren aber gezeigt, wie ein Fußballverein gegen Nazis agieren könne: "Es ist wichtig, dass man Netzwerke bildet. Dortmund hat sich dazu bekannt, dieses Problem zu haben und sich an die Stadt und die Zivilgesellschaft gewendet. Der Verein muss die Leute unterstützen, die ihre Stimme gegen Nazis erheben."

Eben das scheint in Chemnitz versäumt worden zu sein. Mittlerweile holt den Verein das ein. Laut Sobotzik sei es sinnlos, mit den Spielern über Vertragsverlängerungen zu reden: "Ich habe derzeit keine Argumente. Die Jungs hören, dass sie bei einem Nazi-Verein spielen."

Lesen Sie dazu den Kommentar: Chemnitz zeigt, wie gefährlich das Wegsehen ist

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