Newsticker
Sieben-Tage-Inzidenz erstmals seit mehr als drei Wochen wieder leicht gesunken
  1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball: Investoren bei Newcastle United: Ein Persilschein für 360 Millionen Euro?

Fußball
18.10.2021

Investoren bei Newcastle United: Ein Persilschein für 360 Millionen Euro?

Der englische Traditionsklub Newcastle United wurde von einem Konsortium mit saudi-arabischen Investoren übernommen. Das ruft Kritik von Menschenrechtlern hervor.
Foto: Scott Heppell, dpa

Saudi-Arabien versucht, sein Image mit dem Einstieg bei Newcastle United aufzupolieren. Menschenrechtler kritisieren diesen Schritt mit deutlichen Worten.

Für Amanda Staveley ist es ein Triumph. Die britische Unternehmerin half schon vor 13 Jahren bei der millionenschweren Übernahme des derzeitigen britischen Fußballmeisters Manchester City durch den stellvertretenden Ministerpräsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Mansur bin Zayed Al Nahyan. Jetzt vermittelte die 48-jährige Staveley den Verkauf eines weiteren britischen Spitzenklubs an einen arabischen Investor: Newcastle United ging für 360 Millionen Euro an den staatlichen Investmentfonds Saudi-Arabiens - und Staveley selbst sicherte sich zehn Prozent der Anteile und einen Platz im Vorstand. Sie sieht die Übernahme als großen Erfolg, doch Menschenrechtler kritisieren den Deal als teuren Persilschein für ein Regime, das sich von Vorwürfen der Folter, Mord und Krieg reinwaschen wolle.

Die aus Yorkshire stammende Staveley bezeichnet ihr Engagement als Zeichen ihrer Heimatverbundenheit mit Nordengland: Ihr langfristiges Ziel sei der Meistertitel für Newcastle, das derzeit in der Premier League auf dem drittletzten Platz steht, sagte die frisch gebackene Vorständlerin in Medieninterviews. Die Fans des abstiegsbedrohten Klubs feierten die Investition aus Saudi-Arabien, denn mit der Übernahme Anfang Oktober wurde ihr Verein über Nacht zu einem der reichsten in Großbritannien.

Saudi-Arabien wird für Mord an Jamal Khashoggi verantwortlich gemacht

Geld für neue Spieler gibt es jetzt reichlich. Der saudische Fonds (PIF) mit seinem Vermögen von 370 Milliarden Euro und seinem Vorsitzenden, Thronfolger Mohammed bin Salman, besitzt nun 80 Prozent der Newcastle-Anteile, Staveley und der britisch-indische Milliardär Jamie Reuben teilen sich den Rest. Doch der schlechte Ruf von Mohammed bin Salman, genannt MBS, macht aus der Übernahme ein höchst umstrittenes Geschäft. Der Deal wurde kurz nach dem dritten Jahrestag des Mordes an dem saudischen Dissidenten Jamal Khashoggi bekannt gegeben. Nach Erkenntnissen von amerikanischen Geheimdiensten und UN-Ermittlern wurde Khashoggi am 2. Oktober 2018 von einem Killerkommando aus dem engsten Kreis um MBS ermordet. Saudi-Arabien weist den Vorwurf zurück, der Prinz den Mord in Auftrag gegeben.

Das so genannte "Sportswashing" – das Engagement im sportlichen Bereich zur Reinwaschung des eigenen Images – sei schon lange eine Taktik des saudischen Regimes, sagt Minky Worden von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Seit dem Khashoggi-Mord fährt das Königreich laut HRW mit Autorennen, Golfturnieren und mit Gastspielen internationaler Stars wie Mariah Carey und Jennifer Lopez eine millionenschwere Image-Kampagne.

Die Fans von Newcastle United feiern im Stadion St. James Park, nachdem bekannt wurde, dass die von den Saudis geführte Übernahme von Newcastle genehmigt worden ist.
Foto: Owen Humphreys, dpa

"Fußballfans dürfen aber nicht nur auf die glänzende Seite und auf das viele Geld schauen", erklärte Worden über den Newcastle-Deal. Alle, die sich für den Fußball als „das schöne Spiel“ begeisterten, sollten die Übernahme als Weckruf begreifen. Fans, Spieler und Sportjournalisten sollten die Einführung von Menschenrechtslinien beim britischen Fußballverband FA einfordern, meint Worden.

Lesen Sie dazu auch

Auch Amnesty International kritisiert, die Übernahme von Newcastle sei Teil einer saudischen Image-Kampagne, für die sich der Fußball nicht hergeben sollte. Die saudische Regierung könne ab sofort über Newcastle "positive Botschaften" in die Welt schicken. Der deutsche Trainer von Liverpool, Jürgen Klopp, erinnerte Newcastle ebenfalls an die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien. Seitdem Mohammed bin Salman vor vier Jahren Thronfolger und damit de-facto-Herrscher des Landes wurde, sind dort mehr als 500 Menschen hingerichtet worden. Als saudischer Verteidigungsminister begann MBS zudem den Krieg im Jemen, bei dem zehntausende Zivilisten getötet worden sind.

Autokraten präsentieren sich als Retter europäischer Traditionsmannschaften

Schon häufiger konnten sich arabische Autokraten als Retter britischer und anderer europäischer Traditionsmannschaften präsentieren, ohne dass sie unangenehme Fragen nach der Unterdrückung von Kritikern befürchten mussten. Das gilt für die VAE als Besitzer von Manchester City ebenso wie die Übernahme von Paris St. Germain durch die staatliche Investitionsgesellschaft QSI aus Katar.

Weniger bekannte Mannschaften im britischen Fußball verdanken ihr Überleben ebenfalls arabischen Geldgebern, und auch die saudische Königsfamilie ist bereits vertreten: Vor acht Jahren kaufte der saudische Prinz Abdullah Musaid al-Saud den Klub Sheffield United. Ägyptische Investoren geben bei Aston Villa und Hull den Ton an.

"Menschenrechte" - eine unbekannte Vokabel in den Regeln für Vereinsübernahmen

Staveley sieht in all dem kein Problem. Die saudische Investition helfe einem Klub, der Hilfe brauche, argumentiert sie. In einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters wies sie auf den schlechten Tabellenplatz von Newcastle United hin. "Wenn es hier um Sportswashing ginge, hätten wir uns für andere Möglichkeiten entschieden." Die Unternehmerin betont auch, der Fonds PIF sei unabhängig von der saudischen Regierung – eine kühne Behauptung über eine Institution, die Kronprinz MBS als Vorsitzenden hat.

Newcastle und der britische Fußballverband FA machten es dem saudischen Kronprinzen leicht, seine Image-Kampagne auf den internationalen Spitzenfußball auszuweiten, kritisiert der britische Amnesty-Chef Sacha Deshmukh: In den FA-Regeln für die Übernahme von Vereinen tauche das Wort "Menschenrechte" kein einziges Mal auf.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.