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Fußball

11.11.2019

Geschlagen und gewürgt: Wie Schiedsrichter zu Opfern von Gewalt werden

Auf vielen Fußballplätzen sollen solche Schilder das Verständnis für den Job des Schiedsrichters fördern. Der Erfolg ist zuweilen überschaubar.
Bild: Fotokombinat, Imago Images

Plus In Bayern wird eine Frau gewürgt, in Hessen geht ein Mann K.o. In beiden Fällen sind die Opfer Fußball-Schiedsrichter. Was ist da los auf dem Rasen?

„Es ist ein unerträglicher Zustand, dass zahlreiche Unparteiische in Deutschland mit einem Gefühl der Angst zu Fußballspielen fahren und froh sind, bestimmte Spiele hinter sich zu haben.“ (30. Oktober 2019, aus einem offenen Brief des Deutschen Fußball- Bundes an alle Schiedsrichter in Deutschland)

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Ein Schlag. Ein Schiedsrichter, der wie ein Stein umfällt. Ein Schrei: „Ruft einen Krankenwagen! Und die Polizei!“

Auf der Leinwand der Kleeblattstube in Schretzheim, einem Stadtteil von Dillingen, flimmert das brutale Ende des Kreisliga-Kicks zwischen dem FSV Münster und dem TV Semd schon zum zweiten Mal über die Leinwand. Jeder hier kennt diese Szene aus Hessen. Als die Fingerknochen des Fußballers die Schläfe seines Opfers treffen, stöhnen die gut 80 Menschen im Raum laut auf. Es ist Freitagabend, Monatsversammlung der Schiedsrichtergruppe Dillingen, Redebedarf.

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Auf den Tischen liegt die Schiedsrichter-Zeitung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aus. Die Schlagzeile auf Seite 33 lautet: „Schiedsrichter im Streik“. Nach einem Angriff auf den Unparteiischen eines C-Junioren-Spiels legten die Schiedsrichter im Saarland für ein Wochenende im September ihre Pfeifen nieder. Wegen Gewalt auf den Plätzen boykottierten wenig später auch Berliner Schiedsrichter den heiligen Fußballsonntag. An jenem Streiktag ereignete sich dann der Faustschlag von Münster. Seitdem sorgt sich eine ganze Republik um seine Schiedsrichter.

Knapp 80.000 Partien werden landauf, landab an Spieltagswochenenden angepfiffen. Doch in einem Land, das neben vier Weltmeisterschaften auch Schlagerhits wie „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“ gefeiert hat, steht der eigentliche Verlierer immer schon vor dem Anstoß fest: Es ist der böse Mann/die böse Frau mit der Pfeife und den Karten. Weil Niklas doch den Ball gespielt hat. Weil Karim nie im Leben im Abseits stand. Und weil der bullige Sechser des Gegners schon Gelb hat und nicht vom Platz fliegt, obwohl er Max aus den Schlappen getreten hat.

„Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, ein Spiel in die richtigen Bahnen zu leiten, Kompetenz und Fingerspitzengefühl sind gefragt, Empathie und Willensstärke. Und Sie machen das großartig!“ (Offener Brief des DFB)

An einem Fußballplatz im ruhigen Südwesten Ingolstadts stehen die, die schon immer da sind, da, wo sie schon immer stehen: auf der Terrasse des Sportheims. Samt Weizenbier, Zigarette und perfektem Ausblick auf den Rasen. Kreisklasse 2 Pfaffenhofen, Kreis Donau/Isar, der SV Hundszell empfängt den FC Fatih Ingolstadt. Vierter gegen Sechster. „Von der Ansetzung mit Sicherheit kein einfaches Spiel. Für beide Teams geht es um die vorderen Plätze“, sagt der zuständige Schiedsrichter-Obmann Hans Kroll. Deshalb hat er einen seiner Routiniertesten eingeteilt: Thomas Benzinger. 37 seiner bislang 56 Lebensjahre hat er als Schiedsrichter verbracht und sich bis hoch in die Landesliga gepfiffen, ein selbstbewusster Mann.

"Jeder meint, er muss Recht haben": Schiedsrichter Thomas Benzinger.
Bild: Fabian Huber

Und schon ergießt sich der erste Protest-Kanon über ihn

Es dauert keine zehn Minuten, da ergießt sich bereits der erste Protest-Kanon über ihn. Ein steiler Pass von Fatih in die Spitze. „Abseits!“, reklamiert der Hundszeller Verteidiger. Benzinger pfeift. „Nein, nicht!“, ruft der vermeintlich zu weit nach vorne gesprintete Fatih-Stürmer und gestikuliert mit dem Zeigefinger. „Doch, doch, doch!“, kommentiert die Heimbank.

Benzinger hat keinen Videoassistenten in Köln und keine eigenen Linienrichter. Nur die leidlich motivierten Fähnchenhalter, die die Vereine jeweils selbst stellen, und seinen Sachverstand. Und der sagt ihm, dass das in der 34. Minute ein Elfmeter für Fatih ist. Hundszells Keeper hat seinen Gegner im Strafraum gefällt. Wie schon sieben Minuten zuvor. Jetzt also zeigt er den zweiten Strafstoß für die Gäste an. Ein Spielerpulk bäumt sich vor ihm auf. „Hey!!!“, „WAAAS?!“, „Dein Ernst, Mann?“ Ja, Benzingers Ernst. Er will nicht diskutieren und dreht ab. Fatih trifft. Am Mittelkreis gehen die Proteste weiter. „Sagt dem Martin mal, der soll den Schiri in Ruhe lassen“, murmelt ein Auswechselspieler aus Hundszell.

Zur Halbzeit liegt dessen Mannschaft 0:3 zurück, die Luft ist raus. 2:4 wird es am Ende stehen. Benzinger wird viel laufen, wenig reden, verletzten Spielern aufhelfen, am Ende eine Gelbe Karte in der 90. Minute zeigen und in seiner engen Schiedsrichter-Kabine sagen: „War ein entspannter Arbeitstag. Die haben sich heut anständig aufgeführt.“

Er weiß, dass das nicht immer so ist: „Das Zwischenmenschliche ist schlimmer geworden. Jeder meint, er muss recht haben.“ Die Gesellschaft verroht, Werte erodieren. Nicht nur an der Supermarktkasse oder im Straßenverkehr, auch auf dem Fußballplatz. Man hört das oft in diesen Tagen. Benzinger sieht auch die Bundesliga-Stars in der Pflicht: „Im Profibereich müssen die einfachen Regeln wieder beherzigt werden“, sagt er.

Und dann diese Marotten: „Den Ball nicht hergeben, die ewigen Diskussionen, das Unsportliche. Der DFB trägt da eine Mitverantwortung.“ Bewusstlos geschlagen wurde der Schiedsrichter noch nicht. Eine „Watschn“ gab es mal, vor 25 Jahren. Der Verband stellte den Rechtsanwalt, der Täter zahlte 500 Mark, erzählt Benzinger.

Bei all dem Respektverlust, den negativen Schlagzeilen, den Streiks muss man anfügen, dass verprügelte Referees kein Alltagszustand sind. Ein Vertreter des Bayerischen Fussball-Verbandes spricht auf Anfrage von einer „gefühlten Zunahme“ der Gewalt. Tatsächlich hätten konkrete Fälle gegen Schiedsrichter – also registrierte körperliche Angriffe und Beleidigungen – abgenommen, von 255 Taten in der Spielzeit 2016/17 auf 225 in der vergangenen Saison.

In Deutschland steigt die Zahl der Gewalttaten gegen Schiedsrichter

Die Zahlen des Dachverbands sprechen eine andere Sprache. Deutschlandweit nämlich nahmen solche Vorfälle laut DFB im vergangenen Jahr zu. 2906 Angriffe gab es, vierzig mehr als in der Vorsaison, bei etwa 50.000 Partien weniger.

Aber auch in Schwaben und Oberbayern bleiben Unparteiische nicht verschont. Erst Anfang September würgte ein Spieler des SC Ried in Neuburg an der Donau eine Schiedsrichterin, nachdem die ihn vom Platz stellen wollte. Wie verhindert man solche Situationen? Tragen manche Schiedsrichter durch ihr Verhalten vielleicht sogar zur Eskalation auf dem Rasen bei?

„Auf dem Feld sind wir leider keine Demokratie“: Schiedsrichter Ulrich Reiner.
Bild: Fabian Huber

Im Schretzheimer Sportheim humpelt Ulrich Reiner, 31, Obmann der Schiedsrichter-Gruppe Dillingen, über braune Fliesen, die man so wohl nur in den 80er Jahren verlegen konnte. Das Kreuzband ist hinüber, Arbeitsunfall – Reiner engagiert sich bei der Freiwilligen Feuerwehr. Der Abend begann humorig mit einem Regelquiz. Der Bauchumfang des Kollegen wurde ebenso diskutiert wie sein überschrittener Leistungszenit und der FC Bayern. Dann das Thema des Abends: Gewalt gegen Schiedsrichter.

Reiner ist ein launiger Redner. Seine Präsentation pfeffert er mit Sätzen wie: „Auf dem Feld sind wir leider keine Demokratie.“ Bestimmt müsse ein Schiedsrichter auftreten, referiert er, aber nicht laut. Eine stille Autorität sein, irgendwie. Sich vorbereiten auf seinen Einsatz. Welcher Spieler ist vorbelastet und könnte Probleme machen? Wo steht der Ordnungsdienst, Ansprechpartner in Notlagen? Er stellt Kommunikationsmodelle vor. Das Eisbergmodell, das Vier-Ohren-Modell. Reiner hat mal Lehramt fürs Gymnasium studiert. Und: „Es ist auch nicht verboten, nach einem Spiel zu schwitzen.“ Schließlich ist das Revier des Schiedsrichters größer als der Mittelkreis. Überhaupt sind die Unparteiischen hier ziemlich selbstkritisch: „Auch Schiris können Deppen sein“, sagt einer in der Raucherrunde vor der Stube.

Spricht man mit Verantwortlichen im Amateurfußball über Gewalt gegen Schiedsrichter, lassen sich Aussagen einzelner Personen beliebig kombinieren, ohne den Inhalt zu verfälschen. Man ist sich einig. „Wenn ich als Trainer hereinhetze“, beginnt Reiner einen Satz nach dem Treffen in Schretzheim, „hinterlässt das bei der Mannschaft einen gewissen Schatten“, sagt Christian Schmucker, Trainer des SV Hundszell, in Ingolstadt. „Wir bieten den Vereinen an, ihnen freitags nach der Spielersitzung die neuen Regeln zu erklären“, sagt Reiner. „Wichtig ist, dass man in Kontakt steht und so negative Vorurteile abbaut“, sagt Schmucker. Erst neulich besuchte ein Lehrwart seinen Klub und sensibilisierte die Spieler für Regeländerungen.

Im Fall der jüngsten Entgleisungen haben die betroffenen Vereine reagiert: Münster meldete seine erste Mannschaft ab und erteilte dem prügelnden Spieler Hausverbot. Auch der SC Ried nahm seinen Übeltäter vom Spielbetrieb heraus.

„Es wäre fatal, wenn die schlimmen Vorfälle der vergangenen Wochen dazu führen würden, dass Sie die Begeisterung für die Schiedsrichterei verlieren.“ (Offener Brief des DFB)

Die Debatte über Gewalt auf dem Platz kommt zu einer Zeit, in der das Schiedsrichterwesen eh schon mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen hat. In den vergangenen 14 Jahren verlor der DFB knapp 21.000 Schiedsrichter, das ist etwa ein Viertel aller Referees. In Bayern gab es zuletzt wieder steigende Zahlen. Und dennoch sagt Reiner: „Wenn ich nach fünf Jahren von zehn Leuten im Neulingskurs noch drei habe, dann war es ein guter Jahrgang. Wir haben keine Druckmittel und können niemanden ausmustern, weil wir auf jeden angewiesen sind.“

Der bayerische Verband spricht von einem „Praxisschock“

87 Schiedsrichter hat die Gruppe, 55 muss er am Wochenende einsetzen. Da ist das Polster nicht allzu groß. Der Obmann-Kollege der Gruppe in Günzburg berichtet, er komme jeden Sonntag an seine Grenzen und habe Probleme, alle Spiele zu besetzen. Woran das liegt? In einer immer schnelllebigeren Welt nimmt auch das gesellschaftliche Engagement ab. Damit haben Fußballvereine genauso zu kämpfen wie Freiwillige Feuerwehren.

Und dann ist da noch die Sache mit der Gewalt, dem fehlenden Respekt, dem ständigen „Ey Schiri, Abseits!“ Der bayerische Verband spricht von einem „Praxisschock“ im Schiedsrichterwesen. Die Anmeldungen für die Ausbildung seien stabil, die Absprungquote aber „relativ hoch“. Von den 905 im Vorjahr ausgebildeten Nachwuchs-Referees wurde es knapp 200 noch im selben Jahr zu bunt.

Trotz alledem kann es Ulrich Reiner kaum erwarten, wieder der Buhmann auf dem Platz zu sein. „Ich freue mich jetzt schon wieder“, sagt er. Er wird sich bis März gedulden müssen. Sein Knie wird noch von einer Manschette fixiert.

Eigentlich wollte er nie Schiedsrichter werden. „Aber blöderweise hat es Spaß gemacht. Jedes Spiel noch.“ Am Anfang seiner Karriere stellte sich Reiner oft vor den Spiegel. Er zückte die Gelbe Karte, blickte ernst und sagte: „Und jetzt ist Feierabend.“ Entschlossen, rigoros, bloß keinen Konflikt aufkommen lassen. Der Fußballplatz ist ja keine Demokratie.

Lesen Sie dazu auch: Schiedsrichter verprügelt: FSV Münster zieht Mannschaft zurück

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12.11.2019

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