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WM 2014
13.06.2014

Jogis letzte Chance?

Bundestrainer Joachim Löw hat mit der DFB-Elf bislang noch keinen Titel geholt.
Foto: Marcus Brandt (dpa)

Joachim Löw ist der erfolgreichste Fußball-Bundestrainer. Einen Titel aber hat er bislang nicht gewonnen. Die WM in Brasilien könnte seine letzte Chance sein.

Joachim Löw, den auch jene Menschen einfach Jogi nennen, die nicht mit ihm im Schwarzwald zur Schule gegangen sind, ist seit acht Jahren Bundestrainer. Ein Begriff, der zum V-Ausschnitt-Pullover-Träger Löw passt, wie ein Trachtenjanker. Löw lässt den Bundestrainer an sich abperlen wie den Jogi.

Es ist eine alte deutsche Tradition, dass das Fußball-Volk, wenn es über seine regierenden Trainer redet, mit deren Vornamen von ihnen spricht. Der Bundestrainer gehört schließlich dem Volk. Häufig kommt er sogar mitten aus ihm. Wie Völler, dem die Menschen mit einem lang gezogenen „Ruuuudi“ huldigten, oder Vogts, der auf seinen Taufnamen Hans-Hubert nicht mehr gehört hätte, weil er für alle Welt nur Berti war. Und nun, seit acht Jahren, Jogi.

Nicht, dass Löw den Jogi nicht mag. Oft schützt er ihn regelrecht. Am Jogi prallt ab, was den Löw treffen sollte. Wer glaubt, der „nette Herr Löw“ sei zu lasch, ein Yogi-Bär eben, täuscht sich. So verbindlich der 54-Jährige im Gespräch auch ist, so entschlossen tritt er für seine Überzeugungen ein. Ein Autoritätsproblem hat dieser Trainer nicht.

Tänzer, Akrobaten und die Sänger Jenifer Lopez und Pitbull gestallteten die Eröffnungsfeier der Fußball WM 2014.
16 Bilder
So bunt war die Eröffnungsfeier der WM
Foto: Fabrice Coffrini, afp photo

Nur dass die Leute glauben, sie könnten dem Bundestrainer über den Jogi näherkommen, missfällt ihm. Nähe und Distanz bestimmt der Schwarzwälder seit jeher selbst – und zwar auf seine Art. Wer glaubt, sein Lächeln sei ein Zeichen, zu ihm vorgedrungen zu sein, täuscht sich. Ein lächelnder Löw zieht gerade Grenzen.

Auch 2006 war Löw der Stratege

So läuft das seit zehn Jahren. Die 24 Monate seiner Assistenz in den Jahren 2004 bis 206 an der Seite von Jürgen Klinsmann eingerechnet. Wahrscheinlich gäbe es keinen Einspruch, wenn behauptet würde, Löw sei bereits eine komplette Dekade der Chef. In der öffentlichen Meinung war Klinsmann schließlich nie Bundestrainer. Stattdessen war er das wild pulsierende Herz jenes WM-Projektes 2006, das als deutsches Fußball-Märchen Geschichte wurde.

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Klinsmann hat die Nationalelf von Verkrustungen befreit und für frischen Wind gesorgt. Er hat die Funktionäre vom Spielertisch verwiesen, US-Amerikanische Fitnesstrainer engangiert und Oliver Kahn auf die Bank gesetzt. Darüber hinaus war er so schlau, sich einen Mann an die Seite zu nehmen, der Taktiker und Stratege ist, einen Fußball-Lehrer wie Joachim Löw. Später, beim FC Bayern, hat Klinsmann ein Löw gefehlt, was ihn grandios scheitern ließ.

Über den blonden Schwaben hat Fußball-Deutschland, trotz dermitreißenden WM 2006, in der Gesamtschau den Daumen gesenkt. Smart und rebellisch – das haben die Leute nicht zusammenbekommen. Genauso wenig wie emotional und distanziert. Dass er den USA gegenüber Deutschland den Vorzug gegeben hat, haben ihm die patriotisch gesinnten Fußballfans erst recht nicht verziehen. Und dass er sich nun mit seiner Wahlheimat für die WM qualifiziert hat und dabei ausgerechnet auf Deutschland trifft, kann die Sache für ihn nicht mehr besser machen.

Immerhin, er darf sich trösten. Sein ehemaliger Assistent Löw steht vor seiner zweiten Weltmeisterschaft als verantwortlicher Bundestrainer kaum besser da. Das liegt nicht nur am notorisch hohen Anspruch der Fußball-Nation an alles, was mit der Nationalmannschaft zusammenhängt.

Löw ist erste der zehnte Bundestrainer

Löw ist in der Reihe der deutschen Fußball-Bundestrainer erst die Nummer zehn, was für Stabilität auf diesem Posten spricht. Andere Nationen haben in ihrer Geschichte häufiger den Trainer gewechselt, zumal die Deutschen bereits 1926 zu zählen begannen. Deren Nummer 1, Otto Nerz, nannte sich noch Reichstrainer. Bis auf einen hat Löw mit seinen 103 Einsätzen als Teamchef in der Länderspiel-Statistik alle überholt. Nur Helmut Schön, Weltmeister-Coach von 1974, saß häufiger auf der Bank.

Aber nicht einmal er war so erfolgreich wie Löw. Würde man jedes Spiel auf die Drei-Punkte-Regel umlegen – Löws Quote läge bei 2,21, Schöns bei 2,10 und die des sechs Jahre regierenden Franz Beckenbauer bei 1,85. Lediglich zwei Bundestrainer waren erfolgreicher als Löw, treten hier aber außer Konkurrenz an: die beiden Frauentrainerinnen Silvia Neid (2,37) und Tina Theune (2,20).

An Beckenbauer lässt sich am besten beschreiben, was einer mitbringen sollte, der vom Fußball-Volk verehrt werden möchte. Eine überragende Spielerkarriere – die hat Löw, der seine gößten Erfolge in der zweiten Liga gefeiert hat, nicht vorzuweisen –, sportliches Charisma, Volksnähe und Titel.

Dass Beckenbauer bei der Weltmeisterschaft 1986 hartkanigen Grobmotorikern den Vorzug gab und damit ins Finale einzog, hat ihm nicht geschadet. Mit dem WM-Sieg 1990 und seinem nächtlichen Schlendern über den römischen Rasen, war er für den Rest seines Lebens unantastbar geworden. Und Jogi? Hat die Feinspieler aufgeboten, aber nichts gewonnen.

Selbst Berti, der als größter deutscher Trainerpatriot die Menschen häufig irritiert und selten begeistert hat, kann Edelmetall vorweisen: 1996 gewann er mit Sammer & Co. den EM-Titel in England. Als dieser kleine Mann nach dem gewonnenen Finale ganz allein vor der deutschen Fankurve „La Ola“ dirigierte, hätten ihn viele seiner Landsleute einen Moment lang gerne umarmt. Auf Vogts folgte Erich Ribbeck, der für die düsterste Phase der deutschen Nationalelf steht, mit dem EM-Desaster 2000.

Kritik nach dem verpassten EM-Finale 2012

Als Löw 2006 als naürlicher Erbfolger des nach der WM erschöpft zurückgetretenen Jürgen Klinsmann den Job übernahme, war klar, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das Hemdsärmelige der Rudi-Völler-Ära endgültig hinter sich gelassen hatte. Den volksnahen Völler aber haben die Menschen verehrt, mochte die Nationalelf unter seiner Leitung auch noch so unverdaulichen Rumpelfußball gespielt haben.

Löw dagegen ergeht es wie Klinsmann. Zu elegant, zu freundlich – und nichts vorzuweisen, was sich in eine Vitrine stellen ließe. Nur dabei zu sein, wenn es um die Wurst geht, reicht nicht. Vize-Europameister 2008 – schön und gut, aber im Finale chancenlos gegen Spanien. WM-Dritter 2010 in Südafrika – immerhin Anerkennung für die Siege über England, Argentinien und Uruguay –, aber im Endspiel standen andere, Spanier und Holländer. 2012 wieder ein Finale verpasst. An Balotelli und Italien gescheitert.

Zum ersten Mal hatte auch Löw mächtig verloren. Der Vorwurf, taktische Fehler hätten Deutschland ins Aus geführt, traf ihn schwer und hat lange gewirkt. Aber anders als Völler oder Klinsmann, die öffentlich unter dem Druck litten, was bei Völler in die Wellen schlagende „Scheiß-Mist-Käse“-Wutrede mündete, begegnet Löw auch deutlicher Kritik innerlich versammelt. Dann schickt er den Jogi vor, der bedächtig und in breitem Dialekt das Tempo verschleppt. Auch zwei Jahre nach dem schmerzhaften Ausscheiden lässt er ihn nur einräumen, dass „im Nachhinein viele schlauer sind“. Immerhin gesteht er zu: „Wenn man das Spiel heute sieht, hätte ich etwas anderes tun können, ja. Aber auch diese Aufstellung damals habe ich aus Überzeugung gewählt. Dazu stehe ich.“

Viel mehr gibt es dazu nicht. Auch nicht, wenn es für ihn persönlich eng wird. So wie während des Trainingslagers in Südtirol, als bekannt wurde, dass er als Raser über 18 Punkte in der Verkehrssünderdatei gesammelt hat und seit Monaten keinen Führerschein mehr besitzt. Andererseits verzeiht ihm die Fußball-Öffentlichkeit derlei Schwächen eher als ein sportliches Scheitern.

Genau das aber könnte ihm nun in Brasilien drohen. Wie immer jemand zum Bundestrainer steht – dass die Nationalelf unter seiner Leitung überwiegend attraktiv und erfolgreich spielt, lässt sich nicht abstreiten.

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