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Mehr als Nirvana und Regen

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5 Bilder
 Moderne Stadt: Skyline von Seattle mit dem Great Wheel.
Bild: Alan Alabastro

Von Kaugummi-Kulisse über Rock-Legenden bis hin zu einem grandiosen Ausblick. Seattle hat viel zu bieten - ein Streifzug.

Regnet es nicht ständig in Seattle? Die Stadt im Nordwesten der USA ist als Rain City verschrien. Doch Seattle hält Unerwartetes bereit – eine Sache hat mit Kaugummis zu tun, eine andere mit Lakritz. Und eine dritte mit einer Katze und einer App. Ein Streifzug.

In den frühen Neunzigerjahren wurden Liebesfilme noch mit Meg Ryan und Tom Hanks besetzt. „Schlaflos in Seattle“ lief in den Kinos, ein Paar fand über eine Radioshow zueinander und lebte am Ende in einer Stadt, in der es sehr viel regnete: Seattle. Und ja, heute kann man eine Rundfahrt durch die Stadt mit ihren 700000 Einwohnern mit einem Amphibien-Bus machen, der auch ein Schiff ist. Aber das liegt weniger am Regen, sondern daran, dass Seattle von Wasser umgeben ist – im Westen von der Meeresbucht Puget Sound, im Osten vom Lake Washington.

„Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte einfach fünf Minuten“, sagen die Bewohner von Seattle. Ein wolkenverhangener Himmel heißt nicht, dass es wirklich regnet, genauso wie bei Sonne plötzlich ein paar Tropfen fallen und alle paar Minuten ändert sich alles wieder. Wer zwischen Mai und September reist, hat gute Chancen, die Stadt ohne Regenschirm zu besichtigen. Am besten von oben.

In Seattle geht das gleich zweimal gut. Das Sky View Observatory bietet von rund 300 Metern Höhe ein 360-Grad-Panorama auf das Stadtzentrum bis in die Olympic Mountains und die Kaskadenkette. Wer hoch in den 73. Stock fährt, darf ein Foto mit Big Foot machen. Das Plüschtier ist das Maskottchen. Dass es Big Foot gegeben hat, ist nicht bewiesen, aber vielleicht treibt er sich ja irgendwo in Seattles grünem Umland herum. Nur zwei Autostunden entfernt liegt der mehr als 3700 Quadratkilometer große Olympic National Park. Dort gibt es sogar einen Regenwald.

Ein bisschen niedriger als das Sky View Observatory, 184 Meter, ist die Space Needle, Seattles Wahrzeichen und Überbleibsel der World Expo 1962. Dafür steht man beim Ausblick auf einem sich drehenden Glasboden und schaut in die Tiefe. Nichts für Menschen mit Höhenangst. Wer sich traut, sieht unter seinen Füßen die Monorail-Bahn in das Museum für Popkultur fahren.

Unsterblich in Seattle

Der Zug verbindet die Innenstadt mit dem Museumszentrum und sieht aus, wie Menschen sich in den Sechzigerjahren wohl die Zukunft vorgestellt haben – eher rund als eckig, eher schnell als langsam. In der Realität ist es heute leider umgekehrt. Man fragt sich: Ist Kurt Cobain auch mit der niedlichen Bummelbahn gefahren?

An Nirvana führt kein Weg vorbei. „Here we are now, entertain us“, sang Cobain in „Smells Like Teen Spirit“, bevor er sich 1994 in seiner Wohnung in Seattle im Heroinrausch in den Kopf schoss und zur Legende wurde. Die Textzeile passt ins Museum für Popkultur, wo man Nirvana nicht vermuten würde. Aber weil die Band Grunge massentauglich machte und die Unterhaltungsindustrie bis heute prägt, wird ihre Geschichte dort erzählt.

Das Museum ist in einem Gebäude untergebracht, das aussehen soll wie eine zertrümmerte Gitarre, aber das erkennt man selbst dann nicht, wenn man es weiß. Drinnen zeigt das Museum wiederum Gitarren, jedenfalls die Reste. Es sind die, die Cobain einst kaputt schlug, so wie Stars das eben tun. Nirvana macht aber nur einen Teil der Ausstellung aus. Auch Pearl Jam, Soundgarden und Jimi Hendrix waren Teil von Seattles Musikszene.

Ob Hendrix oder Cobain heute mit Blick auf ihr Smartphone durch die Stadt laufen würden? Der Rest von Seattle tut es. Firmen wie Amazon, Microsoft oder Google haben hier ihren Sitz oder eine Niederlassung, das prägt die Stadt.

Hatten Tom Hanks und Meg Ryan noch Schnurtelefone, kann man heute seine Katze per App füttern. In einem Restaurant ruft ein Mann „Hello Munchkin!“ in sein Handy und drückt auf seinem Telefon herum. Ein Gerät in seiner Wohnung wirft dem Tier ein Leckerli hin. Sein Handybildschirm zeigt es über die Kamera zu Hause. Findet Munchkin das nicht komisch, die Stimme seines Herrchens zu hören, es aber nicht zu sehen? Sie habe sich dran gewöhnt, sagt der Mann.

Einkäufe im Supermarkt erledigen, ohne dass man dafür Menschen braucht, geht ebenfalls. Eine App erkennt die Artikel im Wagen und scannt sie beim Verlassen des Geschäfts – abgerechnet wird per App. Bei Starbucks, das in Seattle gegründet wurde und dort rund 100 Filialen hat, bestellen die Leute ihren Kaffee ebenfalls über eine App schon auf dem Weg. Bis sie im Laden sind, ist das Getränk fertig. Den Becher holen sie an der Ausgabe „Mobile Order“ ab.

Zwei Glaskugeln, die aussehen wie überdimensionierte, durchsichtige Golfbälle, stehen in der Innenstadt – die neuesten Büros von Amazon, genannt Spheres. Eine Mischung aus Dschungel und Office. Unzählige Pflanzen schlängeln sich die Wände entlang. In der heutigen Arbeitswelt fehle eine Verbindung zur Natur, heißt es auf einem Schild. Wer von Grün umgeben sei, könne anders denken.

Während die „Amazonians“, wie sich die Mitarbeiter nennen, bei Grün also anders nachdenken und auf dem Markt neben dem Büro Blumensträuße für 20 Dollar kaufen können, schlafen an anderen Stellen der Stadt Obdachlose in Zelten oder auf der Straße, manchmal mitten in der Innenstadt. Seattle, liberal und entspannt, vertreibt sie nicht. Bewohner bringen Essen und Decken.

Klebrige Attraktion

Weiter zum bekannten Pike Place Market. Dort geht es für Einheimische um Fisch – und für Touristen um Kaugummi. „We have gums!“ (Wir haben Kaugummis) wirbt ein Laden am Eingang. In einer Gasse nahe den Ständen zeigt sich, wieso: Sehr viele Kaugummis kleben an der Mauer. So viele, dass Kent Whipple mit seinem Spachtel ziemlich verloren aussieht. Whipple arbeitet im Theater neben den verklebten Wänden. In den Achtzigern soll es ein Kaugummi-Verbot verhängt haben, bis jemand aus Protest seinen Gummi an die Mauer pappte und unzählige folgten. „Bei uns dürfen die Leute Kaugummi kauen“, ruft Whipple und kratzt ein paar ab. „Ist uns lieber, als wenn sie die unter die Sitze kleben.“

Whipple hat sich damit abgefunden, dass die Mauer klebt und stinkt. „Es ist, wie es ist“, sagt er, während Menschen Selfies vor den bunten Wänden machen. „Das ist die ekeligste Touristenattraktion, die ich je gesehen habe“, sagt jemand. Ein Reinigungstrupp macht die Wände sauber, bis die Leute sie wieder beklebten. „Auch ich hab das viele Male getan“, sagt Whipple. Verstehen muss man das alles nicht.

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