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Eisen gegen Eisen – mit Erfolg

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Die Sportler müssen nicht nur den Rollstuhl perfekt beherrschen, sondern auch taktisch fit sein.
Bild: Yvonne Faber

Doch Rollstuhl-Rugby bedeutet den Donauhaien in Illerrieden noch viel mehr

Sie schenken sich keinen Zentimeter. Sie schauen sich um, wenden blitzschnell und krachen ineinander. Eisen gegen Eisen. Kein Zurückweichen, keine Gnade – auf der Jagd nach dem Ball. „Oft werden wir gefragt, ob wir noch normal sind“, sagt Reiner Haug mit einem Augenzwinkern. Der 53-Jährige sitzt im Rollstuhl und spielt seit fast 15 Jahren Rugby bei den Donauhaien Illerrieden. Im Verein, den Sportfreunden Illerrieden, ist er Leiter der Rollstuhl-Rugby-Abteilung.

Vielen ist die Sportart völlig unbekannt. Nur etwa 350 Spieler gibt es in Deutschland. Allein in Illerrieden fliegen jeden Dienstag 15 Rollstuhl-Cracks durch die Halle. Und das sehr erfolgreich. Die drei Mannschaften der Donauhaie konnten bereits mehrfach Meisterschaften in der 1. und 2. Bundesliga sowie in der Regionalliga Süd feiern.

An sein erstes Training kann sich Reiner Haug noch ganz genau erinnern. „Es war hart. Es werden ganz andere Muskeln beansprucht als im Alltag und man merkt, welche Muskulatur noch vorhanden ist.“

Viel Taktik gefragt

18 Kilogramm, zwei Hochdruckreifen, ein bisschen Harz an den Gummihandschuhen für den besseren Halt – mit dieser Ausrüstung gehen die Rollstuhlsportler in den Kampf auf dem Feld. „Eine Mischung aus Handball, Schach und Autoscooter“, beantwortet Reiner Haug die Frage, was Rollstuhl-Rugby eigentlich ist. Dabei müssen die Sportler nicht nur den Rollstuhl perfekt beherrschen, sondern auch ein hohes Maß an taktischem Verständnis mitbringen.

„Der Ball ist drin. Komm rein. Beweg dich“, motiviert Trainer Thomas Schuwje seine Leute. Der 35-Jährige kam damals, nur fünf Tage nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, das erste Mal zum Training nach Illerrieden. „Mein ganzes Leben bestand aus Sport. Ich brauch das.“ Und das sollte auch nach seinem schweren Motorradunfall, bei dem ihm 2007 ein Kleinbus die Vorfahrt nahm und er sich mehrere Halswirbel brach sowie schwerste innere Verletzungen zuzog, so bleiben. „Im Rollstuhl-Rugby fand ich meine neue Leidenschaft.“

Die inzwischen paralympische Sportart wurde 1970 in Kanada speziell für Tetraplegiker entwickelt, das heißt für Sportler, die durch eine Querschnittlähmung ab dem Halswirbelbereich an Beinen, Armen und Händen eingeschränkt sind. Die „Tetras“, wie sich die Hochgelähmten selbst bezeichnen, können nur noch etwa fünf bis zehn Prozent der Muskulatur bewegen. Ziel beim Rollstuhl-Rugby ist es, den Ball kontrolliert über die Torlinie der gegnerischen Mannschaft zu fahren. Ein Angriff dauert nur 40 Sekunden, alle zehn Sekunden muss der Ballführer dribbeln, ein Rückspiel ist nicht erlaubt.

Vom Ehrgeiz gepackt, schaffte es Thomas Schuwje innerhalb kürzester Zeit ins deutsche Nationalteam, nahm an Europa- und Weltmeisterschaften teil und wurde 2014 bei der WM in Dänemark zum weltbesten 1,5-Punktespieler gekürt. Diese Erfahrungen gibt Schuwje nun als Trainer bei den Donauhaien an sein Team weiter. Seine Vision: „Wir wollen in diesem Jahr in der ersten Bundesliga die Meisterschaft gewinnen.“

Bälle schlagen, Pässe werfen, Blocken, Sprints und Angriff üben sowie taktische Züge besprechen – das Programm für das zweieinhalbstündige Training in der Ballspielhalle Illerrieden lässt kaum Verschnaufpausen zu. Das kann vor allem im Sommer für die Rollstuhl-Cracks auch gefährlich werden. „Wegen der durchtrennten Nerven können die meisten von uns nicht mehr schwitzen. Der Körper kann seine Temperatur nicht mehr regulieren. Deshalb müssen wir uns immer besprühen“, erzählt Reiner Haug.

„Der schönste Sport im Rollstuhl“

Und dennoch sei Rugby für ihn die schönste Sportart im Rollstuhl. „Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen.“ Die Kameradschaft und der Teamgeist machen den Reiz für ihn aus.

Aber der Sport gibt den Donauhaien, die aus einem Umkreis von 140 Kilometern zum Training nach Illerrieden anreisen, noch viel mehr. Auch für Reiner Haug, der nach seinem Unfall, einem unglücklichen Sturz in der Wohnung, bei Null anfing. „Hier habe ich Gleichgesinnte getroffen, Menschen, die mich verstehen und meine Probleme nachvollziehen können. Wir lernen miteinander.“

Und so könne man auch Dinge schaffen, die vorher nicht vorstellbar seien. „Zum zehnjährigen Jubiläum der Donauhaie sind wir für zwei Wochen nach Kanada geflogen. Ohne die Jungs hätte ich mich das im Rollstuhl nie getraut“, erinnert sich Haug.

„Im Sport können wir aber auch mal Frust ablassen, Vollgas geben und uns richtig auspowern. Das macht einfach Spaß“, ergänzt Thomas Schuwje. Rollstuhl-Rugby spielen könne Jeder. Sein Tipp: „Setz dich in den Stuhl und mach mit!“

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