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02.09.2020

Die ewige Ruhe im Wald

Der ehemalige Kreis- und Stadtrat Ludwig Klingler aus Wertingen hatte sich vor einigen Jahren intensiv für einen Friedwald im Landkreis Dillingen eingesetzt.

In der Nachbarschaft entstehen immer mehr Bestattungswälder. Darunter ist einer mit Blick auf den Landkreis Dillingen. Auch der Wertinger Ludwig Klingler hatte sich um einen eigenen Friedwald bemüht

Die Sonne sprenkelt den feinen Kiesboden zum Bestattungswald in der Nähe von Schloss Duttenstein. Der Blick nach Bayern reicht von einer Anhöhe aus weit ins Donautal im Landkreis Dillingen. Am Wegesrand werfen Buchen ihre Schatten und auch Kirschbäume, Erlen und Eichen, Kastanien und Ahorn auf den vom Riesauswurf geprägten Boden. Der Wald liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Dischingen, am Rande des Landkreises Heidenheim. Es ist der vierte Friedwald in der Region. Keiner davon allerdings im Landkreis Dillingen selbst, wo sich vor fünf Jahren ein Mann vehement auf die Suche nach einem geeigneten Terrain gemacht hatte: der Grünen-Politiker Ludwig Klingler aus Wertingen. Inspiriert hatten ihn dazu sein „eigener Egoismus“ und viele Menschen, die ihn zu der Suche motivierten.

Zunächst hatte der ehemalige Stadt- und Kreisrat sich auf die Suche rund um seine Heimatstadt Wertingen gemacht. „Ich habe alles abgesucht, doch ein Fichtenforst geht nicht, wir brauchen einen schönen Auwald.“ Als Klinger im Zusamtal nicht fündig wurde, weitete er seine Suche auf den ganzen Landkreis Dillingen aus und entdeckte tatsächlich einen passenden Wald bei Gundelfingen. Damals fanden auch erste Gespräche statt, die mittlerweile im Sande verlaufen sind.

Parallel dazu fing man in der Stadt Wertingen an, die Friedhofssatzung umzugestalten. Seitdem sind nur noch Grabsteine erlaubt, die nachweislich ohne Kinderarbeit hergestellt worden sind. Ein Platz für Baumgräber, wie es sie teilweise schon auf Friedhöfen im Landkreis gibt, fand sich auf dem Wertinger Friedhof allerdings nicht. Ohnehin wäre das für Ludwig Klingler persönlich keine wirkliche Alternative gewesen. Der Naturfreund hat bereits einige Bestattungswälder in Deutschland ausfindig gemacht, die seiner Vorstellung entsprechen: „Diese reifen langsam zum Urwald, so kannst du noch zum Naturschutz über den Tod hinaus beitragen.“

Die Nachfrage nach Bestattungen in Wäldern nimmt ganz offensichtlich zu. Das stellen auch die Gemeinden fest, die sich an Projekten eines entsprechenden Waldes beteiligen. So hat die Firma Friedwald zusammen mit dem Forstbetrieb Blauwald und der Gemeinde Dischingen in der Nachbarschaft zum Wildgehege Duttenstein den Bestattungswald geschaffen und vor Kurzem eröffnet. Es ist inzwischen der vierte in der Region nach den drei Bestattungswäldern der Waldruh des fürstlichen Hauses Oettingen-Wallerstein, das bereits in Harburg und in Lauchheim – und ganz aktuell in Fremdingen – Waldstücke für Bestattungen zur Verfügung gestellt hat. Der neue Bestattungswald „Waldruh Romantische Straße“ bei Fremdingen im Landkreis Donau-Ries hat eine Größe von rund 9,5 Hektar. „Mit diesem Bestattungswald in der Region soll dem Wunsch nach einer würdevollen Naturbestattung Rechnung getragen werden“, sagte Bürgermeister Frank Merkt bei der Eröffnung. Johannes Fischer, Bestattermeister aus Nördlingen, bekommt meist positive Rückmeldungen zu den Trauerfeiern im Wald. Gerade die Andachtsplätze zwischen den hohen Bäumen spendeten viel Kraft.

Doch Entscheidungen für eine Urnenbestattung im Wald entstehen nicht nur aus dem Wunsch nach Nähe zur Natur oder einer romantischen Vorstellung. Der Wertinger Ludwig Klingler sagt: „Bei vielen Leuten kommen die Kinder im Alter nicht zurück in die einstige Heimat, im Wald braucht es keine Grabpflege.“

In dem neuen Bestattungswald bei Dischingen kennzeichnen hier und da gelbe und blaue Bänder um die Laubbäume Möglichkeiten der Bestattung. Mal 15 Jahre, mal 99. Mal mit Fremden, mal für die Familie, den Freundeskreis, Mitglieder eines Kegel- oder Bikerklubs.

Ein ähnliches Bild bietet sich seit Ende Juli im Bestattungswald „Waldruh Romantische Straße“. Carl-Eugen Erbprinz zu Oettingen-Wallerstein sagte bei der Eröffnung vor einigen Tagen: „Das Erinnern und Gedenken an die Verstorbenen ist für viele Menschen von zentraler Bedeutung. Aber die Lebensumstände und Gewohnheiten unserer Gesellschaft haben sich gewandelt.“ Zudem suchten immer mehr Menschen schon zu Lebzeiten die Stille und Idylle des Waldes. Der Wunsch nach einem friedlichen Ruheplatz im Grünen würde bei vielen immer stärker.

Problematisch werde es bei einem Waldfriedhof allerdings dann, wenn man mit dem Rollstuhl den Verstorbenen besuchen möchte. Nicht überall stünden auch barrierefreie Toiletten zur Verfügung. Sich zu informieren sei wichtig.

Im Wald bei Duttenstein wehte bei der Eröffnung des Friedwalds ein erfrischender Wind durch die Baumreihen. Die Betreiber und die involvierten Mitarbeiter erhielten viel Lob für die Anlage.

In einer ökumenischen Andacht weihten die örtlichen Pfarrer Dietmar Horst (katholisch) und Bernhard Philipp (evangelisch) den Andachtsplatz, der mit Holz aus dem umliegenden Wald gezimmert wurde: Ein großes Kreuz steht vor einigen Bänken. Es sei schön, dass es einen weiteren Friedhof in der Gemeinde gebe, meinte Pfarrer Dietmar Horst.

Pfarrer Philipp sagte, dass es sich um einen liebevoll gestalteten Ort handle. Er erwähnte einige Bedenken, die es im evangelischen Glauben zu Waldbestattungen gebe. Zum einen heißt es ihm zufolge, dass sich Gläubige mit dieser Art der Beisetzung eher hin zu einer Naturreligion und damit weg vom christlichen Glauben wenden würden. Zum anderen würden in diese Wälder nur noch einzelne Personen kommen, anders als bei Friedhöfen im Ort, wo man „mit den Toten“ mitten im Ort lebe. Doch eigentlich gebe es gegen einen solch schönen Ort nichts einzuwenden. Ein Eindruck, der viele Waldfriedhöfe vereint. (mit pm)

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