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Wertingen

30.11.2017

Er überlebte das Vernichtungslager Auschwitz

Der Zeitzeuge Noah Klieger (rechts) im Gespräch mit Jugendlichen der Wertinger Anton-Rauch-Realschule.

Zeitzeuge Noah Klieger besuchte die Wertinger Realschule. Er erzählte, wie er das Vernichtungslager Auschwitz überleben konnte.

Im Alter von 16 Jahren wurde Noah Klieger nach Auschwitz gebracht. Er war damals genauso alt wie die rund 100 Schüler(innen), die ihm jetzt aufmerksam zuhören. Der 91-jährige gebürtige Franzose lebt heute in Israel, spricht fließend acht Sprachen und will immer wieder erinnern. So besuchte er diese Woche auch die Anton-Rauch-Realschule in Wertingen.

Im Januar 1943 wurde Noah Klieger nach Auschwitz gebracht. „Ich kam aus dem Westen und hatte keine Ahnung von der schon jahrelangen Vernichtung im Osten“, erzählt er. „Heute drückt man ein paar Knöpfe auf dem Handy und googelt und schon ist man informiert“, sagt Klieger. Eine Welt ohne WhatsApp oder Handy könnten sich die Jugendlichen von heute vermutlich kaum vorstellen. Sie seien damit geboren worden und würden damit aufwachsen. „Früher hat man geredet, heute chattet man miteinander.“ Früher sei die einzige Chance etwas zu erfahren gewesen, miteinander zu sprechen. Durch den fehlenden Kontakt wusste Noah Klieger damals nicht, dass schon zwei Millionen Juden umgebracht worden waren.

Wie Hitler an die Macht kam, kann er sich bis heute nicht erklären. „Wie konnten so viele Menschen Hitler hörig sein?“ Er rief die Jugendlichen in Wertingen dazu auf, ihre Großeltern zu fragen. Noah Klieger war selbst überrascht, dass ein solch kultiviertes Volk sich dermaßen schnell in blutrünstige Mörder verwandeln konnte. „Es waren nicht alle, aber fast alle. Dafür gab es einfach keine Erklärung.“

Zur damaligen Zeit existierten über 1500 Konzentrationslager. Sie wurden zur „Lösung der Judenfrage“ benutzt. Dadurch habe man die Juden vernichten und beseitigen wollen. Kein Jude sei nach Auschwitz geschickt worden, um zu überleben. Doch Noah Klieger überlebte seine Aufenthalte in insgesamt drei Konzentrationslagern. Sie haben ihn und sein Leben geprägt. Daher erzählt er auch heute noch, wie hier in Wertingen.

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Häftlings im Konzentrationslager lag bei zwei Monaten. „Was man brauchte, waren Glück und Wunder.“ Rückblickend weiß der 91-Jährige: „Mir sind in dieser Zeit sehr viele Wunder geschehen.“

Als er im Morgengrauen in Auschwitz ankam, sei es bitter kalt gewesen. Die Temperatur lag bei Minus 25 Grad Celsius. Im Winter konnte es hier bis zu minus 27 Grad Celsius kalt werden. Im Sommer stiegen die Temperaturen dagegen enorm an. „Wir wurden nicht wie gedacht, ins Arbeitslager gebracht, sondern bei der Ankunft mit Hunden und Stöcken getrieben“, sagt Klieger. Danach seien Frauen und Männer getrennt worden. Auf dem Transporter waren 1500 Menschen. Nur vier Frauen und sechs Männer sind zurückgekommen. Zu dieser Zeit seien sechs Millionen Juden auf schrecklichster Weise im Konzentrationslager umgebracht worden.

Im Vernichtungslager Auschwitz stand über dem Torbogen „Arbeit macht frei“. Arbeit habe schon frei gemacht – „aber nur, weil man dann tot war“, sagt Noah Klieger. In Buchenwald bauten die Nationalsozialisten ebenfalls ein Konzentrationslager, jedoch mit der Toraufschrift „Jedem das Seine“.

Das Lager war zwölf Kilometer weit entfernt. Sie waren von drei SS-Offiziere ständig beobachtet. „Die Älteren, Zerbrechlichen und Krüppel wurden mit dem Lastwagen transportiert. Die anderen mussten einen zwölf Kilometer langen Fußmarsch ableisten,“ erzählt Klieger. Er marschierte mit einem Freiwilligen aus Jugoslawien. Sie hatten es geschafft, sich auf den Lastwagen zu schleichen. Als sie erwischt wurden, tönte es nur vom SS-Offizier: „Verschwindet sofort vom Lastwagen oder ich erschieße euch.“ Ihm wurde später klar, dass dieser Mann ihnen das Leben gerettet hatte. Dieser Lastwagen führte nämlich direkt in die Gaskammern. „Er war für die Menschen, die im Konzentrationslager keinen Platz mehr hatten“, erklärt Klieger. Danach waren die Wagen weg, und nach drei Kilometer kam Auschwitz eins, das Stammlager.

„Bei Ankunft mussten wir uns ausziehen und standen bei Minus fünfundzwanzig Grad Celsius 22 Stunden im Freien. Zweidrittel der Menschen sind davon erfroren“, sagt Klieger. Sie wurden im Laufschritt weiter gehetzt. Zur Gruppierung und Erkennung der Rasse wurde den Häftlingen eine Nummer tätowiert. Die Häftlingsnummer ersetzte den Namen der gefangenen Person. „Die Nummer hält Ewigkeit, meine Ewigkeit“, sagt der 91-Jährige. Auch was das Essen angeht, habe man die Häftlinge fast verhungern lassen. „Wir bekamen pro Tag 200 Gramm Brot und eine Schweinesuppe. Das Brot sah aus wie ein schwarzer Klumpen.“ Das war der Hauptgrund, warum Klieger im Lager Boxer wurde. Die Boxer bekamen pro Tag einen Liter Suppe mit Fleisch.

Noah Klieger wird oft gefragt, ob sich diese schlimmen Ereignisse wiederholen könnten. „Ich hoffe nicht.“ Aber wenn er hört, dass schon wieder eine Moschee abgebrannt wurde oder Menschen anderer Konfession verspotten werden, zweifelt er. Am Schluss durften die Schüler der Anton-Rauch-Realschule Wertingen noch Fragen stellen. Sie interessierten seine Sprachkenntnisse. Da er in Israel lebe, sei Hebräisch eine von den acht Sprachen, die er beherrsche. „Hebräisch ist eine alte und sehr interessante Sprache“, sagt Klieger. Über seine Familie erzählte er auf Nachfrage, dass er eine Frau, eine Stieftochter und drei Enkelkinder habe.

13000 Mal hat Klieger mittlerweile seine Geschichte weltweit erzählt. „Ich habe eine riesige Vergangenheit, aber keine Zukunft,“ sagt Noah Klieger mit 91 Jahren.

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