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Kleinkunst

25.06.2019

„Frösch und Krotta“ und andere Tiere

Die Gruppe Liadhaber schafft es, an einem Abend berührend und komisch zugleich zu sein.
Bild: Helmut Sauter

Die Gruppe „Liadhaber“ präsentiert alte Lieder in neuem Gewand

Sintflutartige Regenfälle vergrämten am Samstag die Besucher aus Biergärten und Veranstaltungen im Freien. Dafür kamen Musikbegeisterte in Scharen in die Alte Synagoge Binswangen, um mit der Gruppe „Liadhaber“ eine volksmusikalische Reise durch Schwaben und die ehemaligen deutschsprachigen Gebiete in Südosteuropa zu starten. Dagmar Held von der Forschungsstelle für Volksmusik in Krumbach und der schwäbische Volksmusikpfleger Christoph Lambertz haben mit Johannes Sift, André Schubert und Hansjörg Gehring drei weitere Musikanten um sich geschart, die sie bei ihren Liedern mit Geige, Steirischer Ziach, Kontrabass und Harfe begleiten.

Ihr gemeinsames Anliegen ist es, Lieder und Tänze, die früher in schwäbischen Wirtshäusern, Spinn- und Kunkelstuben oder bei besonderen Anlässen gesungen bzw. getanzt wurden, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Seit über 30 Jahren sammelt Dagmar Held solche Lieder, Balladen und Tänze, vor allem aus den ehemaligen Siedlungsgebieten der Schwaben im Banat, in Südmähren und dem Sathmar bis hin zu den Wolgadeutschen.

Von der ersten Strophe an ziehen die fünf Musikanten ihre Zuhörer in Bann. Balladen von einer unheilvollen Nachtfahrt oder vom „Jäger mit am greana Huat“ künden in poetischen Metaphern von unerfüllter Liebe, von Liebeslust und Liebesleid. Manche Seufzer der Betroffenheit oder Erleichterung, je nach Stand der Beziehung, sind aus dem Publikum zu hören. Doch meist überwiegen die Juchzer und Lacher, wenn statt des lang ersehnten Mädchens „ein altes krummes Weib“ im Bett liegt, „der Bua, der s‘ Tanza net ka“ an die Kuhkette gelegt wird oder dem unbeliebten Nachbarn „Wada wia d´ Henna“ angedichtet werden. Wenn André Schubert schwierige schwäbische Textpassagen wie „Frösch und Krotta kennan hupfa, aber alte Weiber it“ ins Hochdeutsche übersetzt, bleibt kein Auge trocken.

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Die Parodie auf die „Lorelei“, eines der bekanntesten deutschen Volkslieder, steigert die Wohlfühltemperatur in der Synagoge um etliche Grad. Überhaupt beschreiben die Wirtshauslieder, ob aus dem Kesseltal oder dem rumänischen Banat, die ursprünglichen Bedürfnisse der Menschen in sehr anschaulicher, manchmal auch derber und direkter Sprache. Beeindruckend auch, wie das schon in unseren Schulbüchern aufgeführte Lied „Kommt ein Vogel geflogen…“ den Weg bis an die Wolga gefunden hat und dort wie viele Volkslieder noch mit eigenen regionalen „Wanderstrophen“ erweitert wurde. Nicht weniger angetan und betroffen sind die Zuhörer vom Abschiedslied eines jungen Soldaten, weil er in den Krieg ziehen muss – ein eindrucksvolles, aber auch bedrückendes Zeugnis, wie das einfache Volk der Obrigkeit ausgeliefert war.

Zweieinhalb Stunden lang genießen die Zuhörer die professionelle Musikalität der fünf Musikanten, die abwechslungsreiche und spannende Moderation von Dagmar Held und Christoph Lambertz und nicht zuletzt das ungemein harmonische Zusammenspiel der Singstimmen und Instrumente. Zweieinhalb Stunden lang erfahren die Zuhörer, dass Musizieren als Beruf exzellentes Können erfordert, aber erst als Berufung den Glanz und die Einmaligkeit erhält, die Gemüt und Seele berühren. Und beides ist an diesem Liadhaber-Abend hautnah spürbar. (mas)

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