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Literarisches

04.09.2018

Im jüdischen Witz begegnet uns die Lebensfreude

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Alfred Sigg las aus dem Buch „Großvatergeschichten“. <b>Fotos: Ulrike Walburg</b>

„Storytelling“ war in der Binswanger Synagoge angesagt. Wie Kalendergeschichten zum Kennenlernen des Judentums beitragen

Binswangen Juden waren hier zuhause. Binswangen und Buttenwiesen waren ihre Heimat. In Binswangen lebten von insgesamt 1015 Einwohnern 193 Juden und in Buttenwiesen lebten von insgesamt 747 Einwohnern 323 Juden. „In Wertingen selbst gab es so gut wie keine Juden“, berichtet Alfred Sigg weiter. Die jüdischen Mitbürger machten einen großen Teil der Bevölkerung aus und prägten über mehr als vier Jahrhunderte die Kultur und das Zusammenleben der Menschen im Zusamtal. Ein bitteres Ende fand das friedliche Miteinander in der brutalen Verfolgung unter den Nationalsozialisten. „Die Erinnerung an die guten Zeiten, an die kulturellen Errungenschaften, aber auch an die schlimmen Vorgänge wach zu halten, ist uns eine starke Verpflichtung“, sagt Anton Kapfer stellvertretend für den Förderkreis Synagoge Binswangen auf der Veranstaltung am vergangenen Sonntag zum „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“. Zu der literarisch-musikalischen Stunde kommen – am Ende des Veranstaltungstages – viele Besucher in die Alte Synagoge in Binswangen. „Der Besuch ist überraschend groß“ freut sich Anton Kapfer.

Am 2. September finden überall in Europa Aktionen statt. Die Gedenkveranstaltung in Binswangen ist eingebunden in ein europaweites Erinnerungsnetz. „Der tiefere Sinn des Gedenkens heute liegt darin, die verschiedenen Seiten der jüdischen Kultur kennenzulernen“, sagt Kapfer. Nach dem jüdischen Kalender sei der 2. September 2018 der 22. Tag des jüdischen Monats Elul des Jahres 5778. Der jüdische Kalender richtet sich nach den Mondphasen im Gegensatz zur allgemeinen Zeitrechnung, die sich am Sonnenjahr orientiert. Lebensregeln, Gedichte, Lebensweisheiten und Witze sind traditionell als Kalendersprüche festgehalten und bringen komplexe und schwierige Zusammenhänge oft mit einer einzigen Aussage auf den Punkt. „Jüdischen Kalenderweisheiten“ vorgetragen von Lisa Gumpp, Johannes Stallauer, Martin Miller Junior und Johann Urban. Sie geben mit ihren Rezitationen einen Einblick in die jüdische Kultur.

„Ist Dein auch alle Erdenpracht und aller Weisheitsblüte, das, was Dich erst zum Menschen macht, ist doch allein die Güte“ – ein Gedicht von dem jüdischen Schriftsteller und Aufklärer Karl Emil Franzos tragen sie vor. Ebenso wie die Lebensweisheiten von dem Juden Albert Einstein – Physiker, Nobelpreisträger und Vater der Relativitätstheorien. „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben“ regt ebenso zum Nachdenken an wie der Spruch: „Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.“ Von Walter Matthau, Hollywoodschauspieler 1920 in New York und als Sohn russisch-jüdischer Emigranten geboren, stammt der folgende Spruch: „Für ein gutes Tischgespräch kommt es nicht so sehr darauf an, was sich auf dem Tisch, sondern was sich auf den Stühlen befindet.“

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Jüdische Witze stehen ebenso im Kalender. Kapfer begründet das folgendermaßen: „Bei aller Ernsthaftigkeit darf der fröhliche Aspekt der jüdischen Religiosität nicht fehlen.“ Gerade im jüdischen Witz begegne uns die Lebensfreude der Menschen und die Verschmitztheit des jüdischen Humors, betont er. Ein Beispiel: „Moishe und Jankel unterhalten sich: ’Du fragst gar nicht nach der Familie!’ sagt Jankel vorwurfsvoll. ’Nu, was macht die Familie?’ fragt Moishe. ’Frag nicht!’“ Und es gibt noch eine Kostprobe: „Ein Jude kommt zum Metzger, zeigt auf einen Schinken und sagt: ’Ich hätte gern ein halbes Pfund von diesem Fisch!’ Antwortet der Metzger: ’Aber das ist ein Schinken, mein Herr!’ Erwidert der Jude darauf: ’Hab ich Sie gefragt, wie der Fisch heißt?’“

Geht es um jüdische Kultur, darf Geigen- und Klaviermusik nicht fehlen. Den musikalischen Part übernehmen Elisabeth Urban Geige und Fruzsina Lugosi Klavier mit Stücken von Mozart, Klavier und Kreisler. Die professionellen Musiker aus München schmücken den feierlichen Rahmen der Gedenkveranstaltung aus und ernten dafür viel Applaus. Die gebürtige Binswangerin Elisabeth Urban sagt: „Speziell für diesen Abend haben wir Stücke des Wiener Juden F. Kreisler ausgewählt.“

Über Generationen hinweg lebten Juden und Christen in der Wertinger Umgebung Tür an Tür friedlich nebeneinander. Doch wie überall gab es auch hier kleine Zwistigkeiten. „G’Schichtavrzähler“ Alfred Sigg liest aus dem Buch „Großvatergeschichten“ wahre Begebenheiten vor und bringt mit Aufzeichnungen eines Nachkommens des Schützenwirtes und Landgerichtsdieners, dem alten Schilling, das Publikum zum Lachen. Er berichtet von lustigen Geschichten verschiedener Protagonisten, wie in der Geschichte von dem Buttenwiesener Juden David Weil. Und er erzählt davon, wie dieser beim Schuldeneintreiben in Wertingen bei Hochwasser in die Zusam gefallen ist.

Alfred Sigg liest die Geschichte von einem Wertinger Maurer, dem Radmiller Joseph vor und erzählt, wie die Kalkbrühe aus dem Maurerkübel versehentlich auf den Binswanger Juden und Stoffhändler Gumperle gefallen ist und wie „der Gumperle und seine ganze Ware dann ganz weiß war“.

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