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Konzernübernahme

16.07.2019

Bieterschlacht um Osram endet nach nur einer Nacht

Osram wurde vor hundert Jahren in Berlin gegründet, jetzt wollen sich die Investoren Bain Capital und Carlyle einkaufen.
Bild: Matthias Balk (dpa)

Plus Der Kampf um die Vorherrschaft bei Osram wird immer bizarrer. Der Sensorhersteller AMS hat sein Milliardenangebot überraschend zurückgezogen.

Das Licht im Osram-Theater scheint derzeit nicht auszugehen. Selbst nachts ist es dort hell wie am lichten Tag. Die jüngste Wendung des Dramas wirkt bizarr: Denn Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite sind im letzten Akt übereingekommen, die US-Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle sollten den Münchner Konzern über die Börse übernehmen.

Doch wie aus dem Nichts tauchte ein neuer Akteur auf, den die Osram-Dramaturgen nicht in ihren Büchern stehen hatten. Es drängte sich der österreichische und mit rund 10.000 Mitarbeitern vergleichsweise kleine Halbleiter-Spezialist AMS auf die Bühne, um keck zu verkünden, sich Osram mit seinen immerhin 26.200 Beschäftigten krallen zu wollen.

US-Investoren Bain Capital und Carlyle sollten Osram übernehmen

Schnell erschallte ein Lockruf an die Aktionäre: Die Umworbenen sollten vorbehaltlich einer Prüfung des Unternehmenswertes 38,50 Euro je Wertpapier erhalten, wenn sie ihre Osram-Aktien den Investoren aus Premstätten in der Steiermark andienen. Damit setzten die Spieler aus der Alpenrepublik einen grellen Farbakzent, schließlich übertraf ihr Angebot das der Amerikaner um 3,50 Euro pro Papier.

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Da können Anteilseigner schon schwach werden. Der Osram-Wert pendelt derzeit nervös um Werte von 33 Euro. Ende 2017, als die Welt der Münchner noch in Ordnung schien, schoss die Aktie – genährt durch wilde Fantasien - auf über 77 Euro nach oben. Das Jahr 2018 brachte Ernüchterung. Die Krise der Autobauer begann. Sie kauften wie Smartphonehersteller zunehmend weniger Osram-Produkte, was zwei Gewinnwarnungen in kurzer Zeit provozierte.

Dann sagte Unternehmenschef Olaf Berlien Anfang 2019 unserer Redaktion auch noch: „Ich sehe dunkle Wolken am Horizont aufziehen.“ Er sollte recht behalten. Immer mehr zeichnete sich ab, dass der Konzern nicht mehr aus eigener Kraft alle Herausforderungen stemmen kann und übernommen wird. Bain Capital und Carlyle galten rasch als heiße Kandidaten. Die börsennotierte und nicht so bekannte AMS AG mit ihrem Chef Alexander Everke, der eine lange Siemens- und Infineon-Vergangenheit vorweisen kann, wollte niemand auf den Besetzungszettel des Osram-Dramas schreiben.

AMS-Boss hatte schon nach einer Nacht Lust an Osram verloren

Doch der AMS-Boss – und jetzt wird die Geschichte tragikomisch – hatte schon nach einer Nacht die Lust auf das bayerische Hightech-Unternehmen verloren. Denn die Braut hat den Bräutigam via einer Montagabend verbreiteten Pflichtmitteilung an die Börsianer abblitzen lassen, was bis Dienstagmorgen zu einem raschen Erkalten der Liebe der Österreicher zu Osram geführt hat.

Das trug sich folgendermaßen zu: Wie sich in Industriekreisen recherchieren lässt, haben die AMS-Angreifer nicht damit gerechnet, dass Osram sofort ad-hoc geht, wie das im Wirtschaftsjargon heißt. Die Österreicher müssen also – und das wird hinter den Kulissen als „naiv“ und „unprofessionell“ kritisiert – gedacht haben, Berlien behalte die Liebesgrüße aus der Steiermark für sich. Doch der 56-jährige Osram-Chef und seine Juristen konnten gar nicht anders, als eine Ad-hoc-Mitteilung, also eine schnelle Nachricht, verfassen.

Dazu sahen sie sich aktienrechtlich gezwungen. Schließlich wirkt es sich auf den Börsenkurs aus, wenn ein Interessent womöglich 3,50 Euro mehr pro Papier als ein anderer zahlt. Das darf ein Vorstandschef seinen Anteilseignern nicht verschweigen. Berlien konnte also nicht anders, als seinen Informationspflichten nachzukommen. Er verschwieg auch nicht, dass die Österreicher Osram mit einem „temporären Bankdarlehen“ von 4,2 Milliarden Euro erbeuten wollten. Doch, wie es in der Mitteilung trocken heißt, lägen weder für die Fremdfinanzierung noch für das Eigenkapital verbindliche Zusagen vor.

Der Name „Osram“ und der Unternehmenssitz in München sollen erhalten bleiben

Dann folgt ein Satz, der wohl ein ausgeprägtes Lust-Dämpfungspotenzial auf die Steiermärker entfaltet haben muss: „Der Vorstand der Osram Licht AG erachtet auf der Grundlage der derzeit verfügbaren Informationen die Transaktionswahrscheinlichkeit als sehr gering.“ Dergleichen lesen übernahmelüsterne Manager nicht gerne. Nach nur einer Nacht des Werbens machten sie einen Rückzieher – ein ungewöhnlicher Vorgang in der Welt von Aktiengesellschaften.

Olaf Berlien muss nun nicht mehr fürchten, dass Osram von österreichischen Investoren aufgekauft wird. Nun scheint alles auf die von ihm favorisierten Amerikaner hinauszulaufen.
Bild: Marcus Merk

Bei Osram legt man Wert darauf, die Österreicher nicht vertrieben zu haben. Außerhalb des Unternehmens wird die Pflichtmitteilung aber als geschickter Abschreckungsschachzug Berliens gewertet, schließlich haben der Manager und seine Vorstandskollegen wie der Aufsichtsrat die US-Finanzinvestoren längst willkommen geheißen. Auch die Arbeitnehmervertreter konnten sich dazu durchringen, nachdem die Geldgeber umfangreiche Schutz-Zusagen für Mitarbeiter und Standorte wie Schwabmünchen bei Augsburg getroffen hatten.

Auch sollen der Name „Osram“ und der Unternehmenssitz in München erhalten bleiben. Dennoch setzte die Arbeitnehmerseite nicht Vereinbarungen durch, mit denen sich in Zukunft juristisch ein Stellenabbau verhindern lässt. Die Vertreter von Bain Capital und Carlyle haben auch bei Gewerkschaftern der IG Metall einen soliden Eindruck hinterlassen.

Langfristig, heißt es, werde Osram womöglich von der Börse genommen

Anders als im Fall „Kuka“ konnten chinesische Interessenten bei Osram nicht die Regie übernehmen. Denn Leuchtdioden des Licht-Spezialisten stecken auch in militärischen Produkten. Daher kann das Bundeswirtschaftsministerium in solchen Fällen Investitionen prüfen. Bei Kuka ging das nicht. Es fehlte ein militärischer Hebel, um den Einstieg des chinesischen Haushaltsgeräte-Riesen Midea zu torpedieren. Daher verwundert es nicht, dass bei Osram Investoren aus den USA, also einem mit Deutschland verbündeten Land, wohl durchmarschieren können.

Wie geht es nun aus Sicht von Mitarbeitern und Aktionären weiter? Wenn die deutsche Finanzaufsicht Bafin das Angebot von Bain Capital und Carlyle geprüft und die Veröffentlichung genehmigt hat, können Besitzer von Osram-Aktien über ihre Bank die Papiere zu 35 Euro verkaufen oder behalten, wenn sie glauben, einmal noch einen besseren Kurs erzielen zu können. Noch ist es nicht soweit. Wenn es losgeht, läuft die Annahmefrist über mehrere Wochen. Anteilseigner können also nach wie vor gelassen bleiben.

Am Ende kommt es darauf an, ob Bain Capital und Carlyle die angestrebten 70 Prozent an Osram zusammenkaufen können. Langfristig, heißt es, werde der Konzern womöglich von der Börse genommen. Das würde einiges von dem auf Osram liegenden Druck nehmen.

Berlien soll weiter Chef des Konzerns bleiben. Hier können Investoren aber rasch umdenken, wie sich bei Kuka gezeigt hat. Nachdem die Performance nicht mehr stimmte, wurde Till Reuter als Chef des Roboterbauers schnell abgesetzt.

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