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Die Deutsche Bank lernt Bescheidenheit

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Kommentar Von Michael Kerler
24.05.2018

Die heimischen Institute sind international längst von Banken aus den USA und aus China überholt worden. Das hat auch seine guten Seiten.

Manchem Aktionär wird es an diesem Donnerstag so vorkommen, als besuche er einen kranken Freund in der Reha-Klinik. Wenn die Deutsche Bank zur Hauptversammlung lädt, hat das einst stolze, mächtige Institut drei Jahre in den roten Zahlen hinter sich. Seit dem Abschied von Josef Ackermann fanden zudem drei Chefwechsel statt. Jetzt soll Christian Sewing die Sanierung gelingen. Längst stellt sich die Frage, ob mit Aufsichtsratschef Paul Achleitner noch der richtige Chef-Chirurg an Bord ist. Die Deutsche Bank muss Bescheidenheit lernen. Ein Nachteil ist dies nicht. Im Gegenteil.

International spielen die deutschen Banken längst keine beherrschende Rolle mehr. Im Ranking der größten Banken von Standard & Poor’s belegen die ersten vier Plätze Geldhäuser aus China. Dann kommen – gemessen an der Bilanzsumme – Institute aus Japan, den USA und Großbritannien. Auf Platz 15 erst folgt die Deutsche Bank. Andere Institute wie die Commerzbank spielen nicht mehr in der weltweiten Liga. Das mag die Ehre der Bank-Elite kränken, ist aber auch ein Vorteil.

Die Investmentbanker versprachen viel Geld - und produzierten toxische Produkte

Gerade der Deutschen Bank ist ihr Streben nach Größe und Rendite zum Verhängnis geworden. Das Übel hat mit dem Ausbau des Investmentbankings in den 90er Jahren begonnen. Junge, wilde Investmentbanker in London oder in den USA versprachen damals goldene Zeiten. Ihre Produkte stellten sich leider später als toxisch heraus. Ex-Chef Josef Ackermann war nicht der Erste, der auf das Investmentbanking setzte, er hat den Druck aber erhöht. Auf ihn geht die fatale Forderung einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent zurück. Die Folge war ein gigantischer Kontrollverlust: Deutsch-Banker manipulierten Zinsen, beteiligten sich an dubiosen Immobiliengeschäften in den USA und Geldwäsche in Russland. Die Bilanz der Bank wurde aufgebläht, die Eigenkapitaldecke immer dünner – bis der Bank kaum mehr ein Investor über den Weg traute.

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Chefvolkswirt David Folkerts-Landau hat die falschen Weichenstellungen zu Recht offen benannt. Wenn die Bank jetzt massiv abspeckt, ist dies ein zwingender Schritt in die richtige Richtung. Fast bizarr war es, als zuletzt die Investmentbanker noch immer Milliarden-Boni kassierten, obwohl die Bank in tiefroten Zahlen steckt und die Investmentsparte im Geschäftsjahr 2017 nur noch wenig verdient hat. Jetzt sollen vor allem im Investmentbanking Stellen abgebaut werden.

Das Exportland Deutschland wird eine große, starke Bank brauchen

Tragisch ist der Fall der Deutschen Bank trotzdem. Denn bei aller richtigen Kritik wird die deutsche Wirtschaft zumindest eine starke heimische Bank an ihrer Seite brauchen. Deutschland ist eine Exportnation. Wer soll zum Beispiel ein Unternehmen wie Siemens oder einen großen Mittelständler begleiten, wenn die Firmen Krankenhausbedarf oder Busse in den Nahen Osten exportieren wollen? Für Regionalbanken ist dies nicht das typische Betätigungsfeld. Und ausländische Banken können sich schnell zurückziehen, wenn sich die Firmenpolitik ändert. US-Institute kommen wegen ihrer Sanktionspolitik zum Beispiel gegenüber dem Iran gar nicht in Betracht.

Bedrohlich ist deshalb, dass auch der Börsenwert der Deutschen Bank weit abgerutscht ist. Das Institut kann schnell unter den Einfluss dubioser Investoren geraten. Große Aktienanteile halten heute bereits eine chinesische Gruppe und die undurchsichtige Königsfamilie von Katar.

Firmenchef Sewing tut gut daran, die Bank stärker auf ihren Heimatmarkt und das Firmengeschäft zu fokussieren und an der Postbank festzuhalten. Er muss dringend das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen. Für satte Boni an Investmentbanker ist die Zeit vorbei.  Für satte Boni an Investmentbanker ist die Zeit vorbei

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