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Energiewende: Kohle aus Kolumbien: Deutschlands Energie-Sündenfall

Energiewende

Kohle aus Kolumbien: Deutschlands Energie-Sündenfall

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    Kohle aus Kolumbien: eine der Zufahrten zur Mine El Cerrejón.
    Kohle aus Kolumbien: eine der Zufahrten zur Mine El Cerrejón. Foto: Tobias Käufer

    Im Minutentakt rattern die riesigen Lkw über die staubtrockene Zufahrtsstraße der Kohlemine „El Cerrejon“. Eine Zeit lang noch bleibt ihre graue Staubfontäne in der brütend heißen Luft stehen. Die Menschen nennen den Bergbau hier wegen seiner schieren Größe und ihrem ungeheuren Durst das Monster. Die größte Kohlemine Lateinamerikas liegt in der bettelarmen, heißen, wasserarmen Provinz La Guajira im Nordosten Kolumbiens. 

    Von hier schaffen es kaum Nachrichten über Protestaktionen der lokalen indigenen Bevölkerung, der Wayuu, bis in die internationalen Medien. Dabei ist „El Cerrejon“ so etwas wie ein unverzichtbarer Bestandteil der deutschen Energiewende. Besser gesagt, der Lückenbüßer, der Problemlöser. Weil die Ampelkoalition ihren versprochenen Atomausstieg umgesetzt, am versprochenen Kohleausstieg festhält und ein Embargo gegen Kohle aus Russland verhängt hat, muss die von irgendwo anders herkommen. Zumindest so lange, bis die erneuerbaren Energien den Part übernehmen, den bislang die AKW oder die Gaskraftwerke beisteuerten. 

    „Historisches Jahr“ für die Bergbauexporte in Kolumbien

    Und hier kommt „El Cerrejon“ ins Spiel. Juan Camilo Nariño, Präsident des kolumbianischen Bergbauverbandes, durfte Ende 2022 jubeln: „Dieses Jahr war ein historisches Jahr, was die Bergbauexporte angeht.“ Sein Dank ging vor allem nach Deutschland, Polen und die Niederlande für „ihr gesteigertes Interesse“ an kolumbianischer Kohle. Zuletzt veröffentlichte der Verband die Prognose für 2023: 71,9 Millionen Tonnen, das entspricht nochmals einem Anstieg von 10,7 Prozent gegenüber den ohnehin schon herausragenden 64,9 Millionen Tonnen im Vorjahr. 

    Der große Gewinner dieser Entwicklung ist der Schweizer Konzern Glencore. Das Unternehmen hatte wenige Wochen vor dem russischen Überfall auf die Ukraine die Mine von Anteilseignern komplett übernommen, die mit dem Kohlebergbau aus Klimaschutzgründen nichts mehr zu tun haben wollten. Als aber die russischen Panzer über die ukrainische Grenze rollten, griff Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zum Telefon und bat seinen damaligen konservativen kolumbianischen Amtskollegen Iván Duque um Hilfe. Auch das Wirtschafts- und Klimaschutzministerium von Robert Habeck nahm alle Hebel in die Hand, um einen befürchten Energieengpass, einen Blackout, zu verhindern. Der Plan: Reaktivierung der Kohlekraftwerke, aber mit Kohle aus dem Ausland. Und was bis dahin schmutzig, hässlich und klimafeindlich war, war plötzlich wieder heiß begehrt. 

    2022 kamen 7,3 Millionen Tonnen Steinkohle aus Kolumbien

    Seitdem kennen die Exportzahlen und die Umsätze von „El Cerrejon“ nur eine Richtung: nach oben. Während eine Glencore-Sprecherin erklärt: „Wir äußern uns nicht zu einzelnen Märkten“, sprechen andere Zahlen eine deutliche Sprache. Nach Angaben der deutschen Kohleimporteure kamen 2022 allein 7,3 Millionen Tonnen Steinkohle aus Kolumbien. 

    Für die deutsche Regierung hat die Mine noch einen zweiten großen Vorteil. Sie liegt im Nirgendwo. Die großen urbanen Zentren wie Bogotá, Cali oder Medellín sind weit weg, es gibt hier keine urbane Klimaschutzszene. Hierhin verirren sich keine Greta Thunberg und keine Letzte Generation. Ein Sturm der Mine wie von Ende Gelände in Garzweiler würde hier allein schon am nahezu geheimdienstlich organisierten Sicherheitsapparat, spätestens aber am doppelt gesicherten Stacheldraht scheitern. Bilder wie in Lützerath, als die Polizei öffentlichkeitswirksam Umweltaktivisten forttrug und die vor allem die Grünen vor einer Zerreißprobe stellen würden, sind von hier nicht zu erwarten. Problem outgesourct, einige sprechen bereits von einer Art „grünem Kolonialismus“ der Industrieländer, die ihre Energiewende auf dem Rücken des Globalen Südens durchsetzen wollen. 

    Hinzu kommt: Die prominentesten einheimischen Kritiker der Mine in Kolumbien sitzen nun selbst in der kolumbianischen Regierung. Die damalige Umweltaktivistin und heute Vizepräsidentin Francia Márquez twitterte im Wahlkampf 2022: „In La Guajira befindet sich die größte Kohlemine Kolumbiens, und in diesem Departement sterben Kinder an Hunger. Ist das Entwicklung?“ 

    Kohle erlebt dieser Tage in Kolumbien ein fulminantes Comeback

    Mit Márquez gingen zahlreiche Vertreter der Zivilgesellschaft in die neue erste linke Regierung von Gustavo Petro, der gemeinsam mit Márquez noch im Wahlkampf versprochen hatte, das Ende des fossilen Zeitalters einzuläuten. Doch angesichts der klingelnden Kassen sollen nun doch entgegen allen Versprechen neue Tagebaue zugelassen werden. Kohle erlebt in Kolumbien in diesen Monaten ein fulminantes Comeback. 

    Eine, die seit Jahren gegen den Kohlebergbau protestiert, ist Jakeline Romero Epiayu von einer Wayuu-Frauenrechtsorganisation. Sie selbst war 2017 im Rahmen einer Reise von Aktivistinnen und Aktivisten aus La Guajira in Deutschland und fasziniert vom Dekarbonisierungsversprechen aus Berlin. Die Deutsche Welle kommentierte damals: „Deutschland und Kolumbien vereinen sich im Kampf gegen die Kohle.“ Nun sind beide Länder wieder vereint, allerdings im Bergbau.

    Wird ohnehin schon knappes Wasser umgeleitet?

    Konkret werfen etwa die Wayuu-Indigenen dem Minenbetreiber vor, Flüsse und Bäche umzuleiten und das knappe Wasser, um das in der in Teilen knochentrockenen Region gekämpft wird, für den Kohlebergbau zu verwenden. Die Minenbetreiber weisen das zurück. Es werde zu 90 Prozent nur schlechtes Brauchwasser benutzt. Dem können lokale Bewohner wie Leobardo Sierra, einer der Sprecher der indigenen Wayuu-Gemeinde El Rocío, nur mit eigenen Erfahrungswerten entgegenhalten: „Wir spüren hier, dass das Wasser immer weniger wird.“

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