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Sommer in ...

11.09.2018

Die Menschen in Ried leben „im Paradies“

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7 Bilder
Bei der Kartoffelernte: Landwirt Christian Heinrich lenkt den Traktor, sein Bruder Georg und die Eltern Georg senior und Christine sortieren auf dem Vollernter.
Bild: Manfred Zeiselmair

In dem kleinen Inchenhofener Ortsteil gibt es eine Art Rundkurs fast wie in Monaco. Nicht nur bei der Ernte helfen Jung und Alt zusammen.

Auch der Sommer daheim hat viele tolle Seiten. Wie die in den Gemeinden im AN-Verbreitungsgebiet aussehen, zeigen wir auch heuer in unserer Sommerserie „Sommer in …“. Heute in unserer letzten Folge sind wir im Inchenhofener Ortsteil Ried.

Kurz nach Inchenhofen geht es von der Kreisstraße AIC 1, die nach Pöttmes führt, an einer Abzweigung in Richtung Westen. Vorbei an Ainertshofen mit seinen Obstgärten und Beerenplantagen kommt man nach Ried. Der beschauliche Inchenhofener Ortsteil mit seinen knapp 40 Einwohnern wird durch eine Ringstraße erschlossen, an der sich die Grundstücke wie an einer Kette aneinanderreihen. Rainer Tremmel sagt schmunzelnd: „Unser Rundkurs ist vergleichbar mit Monaco.“

Tremmel, Mitglied des Inchenhofener Marktgemeinderats, unterhält am Ortseingang von Ried einen modernen Schweinemastbetrieb. Einmal in der Woche werden vor seiner Haustüre Freundschaften gepflegt. Da treffen sich Einheimische, Ehemalige und Freunde im „Bauwong“, der sich längst zu einer kleinen, gemütlichen Hütte gemausert hat. Das Original auf vier Rädern steht mittlerweile als Bienenhaus am nahegelegenen Waldrand.

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In Miniaturform ist der blaue Wagen am Rieder Maibaum zu sehen. Diesen stellen die Bauwong-Mitglieder traditionell alle vier Jahre auf dem Grundstück von Tremmel auf. Seine Frau Angelika hat die bunt bemalten Maibaum-Taferl gestaltet. In der Maschinenhalle der Tremmels veranstaltet der Bauwong-Verein jedes Jahr im Sommer ein großes Dorffest mit Sau vom Grill, zu dem alle Bewohner mit Freunden und Verwandten eingeladen sind. „Da kommen schon mal 150 Leut zusammen“, sagt der Hausherr.

Die Rieder feiern gerne

Ein Gemeinschaftswerk ist auch die gegenüber liegende kleine Dorfkapelle, die im Jahr 2000 von den Bewohnern liebevoll restauriert wurde. Und weil die Rieder gerne feiern, haben sie die Fertigstellung gleich mit einer 1000-Jahr-Feier ihres Dorfes verbunden. Die 1000 Jahre waren dabei jedoch nur eine ungefähre Größe. So ganz genau nachgerechnet habe man nicht, erzählt Tremmel schmunzelnd.

Im rückwärtigen Garten der Tremmels ragt neben einem Teich, an dem sich jede Menge Frösche und Libellen tummeln, ein Geburtstagsbaum in die Höhe. Er erreicht fast die Größe des Maibaums. Freunde haben ihn für Thomas Tremmel, den Sohn von Rainer Tremmel, zum 18. Geburtstag aufgestellt. Sein Sohn wolle den elterlichen Betrieb einmal übernehmen, berichtet der Vater.

Ein Generationenproblem gibt es in Ried offenbar nicht. Auch der aus dem Aichacher Stadtteil Unterschneitbach eingeheiratete Harald Pfaffenzeller sagt: „Bei uns fühlen sich Alte und Junge wohl.“ Er gießt gerade seine Hecke und nutzt dafür das Wasser seines kleinen Garten-Pools. Sein 16-jähriger Sohn Raphael helfe oft auf dem Nachbarhof mit und mache gerade den Bulldog-Führerschein, erzählt er.

Mit dem Auto bis nach Russland

Nur ein paar Schritte weiter sitzen die Senioren Anna und Johann Steiner im Schatten vor ihrem Haus und beobachten den Verkehr. Welchen Verkehr? „Normal kommt vielleicht ein Fahrzeug am Tag vorbei“, sagt Johann Steiner. Aber heute ist einiges los in Ried. Die Ernte hat begonnen, früher als die Jahre davor. Und so fahren einen halben Tag lang immer wieder schwere Erntefahrzeuge am Haus vorbei. Sie bringen die Maishäcksel zur Biogasanlage nach Froschham nahe dem Aichacher Stadtteil Oberbernbach.

Seine eigene Landwirtschaft hat der 84-jährige Steiner vor vielen Jahren aufgegeben. Er schwelgt in Erinnerungen: „Damals war das Dorffest noch bei uns in der Garage.“ Dann erzählen die beiden von ihren vielen Reisen, die sie mit dem Auto schon quer durch Europa und einmal sogar bis nach Russland unternommen haben. Mit dem Auto ist Johann Steiner immer noch gerne unterwegs. „Besonders im Sommer“, sagt er und deutet auf sein kleines Cabriolet in der Garage.

Eine dicke Staubwolke am Waldrand verrät, dass auch die Kartoffelernte in vollem Gang ist. Landwirt Christian Heinrich sitzt auf dem Traktor und zieht den Vollernter über die Bifänge. Auf dem Vollernter stehen sein Bruder Georg und die Eltern Christine und Georg Heinrich senior. Sie sortieren Steine und kleine oder beschädigte Kartoffeln aus. Die eingefahrene Ernte wird schon am Tag darauf in der Kartoffelfabrik im Kühbacher Ortsteil Radersdorf zu Pommes frites verarbeitet.

Kinder lernen Hochdeutsch im Kindergarten

Nach der Feldarbeit verschwindet Schorsch Heinrich senior in seine Hobbywerkstatt. Dort restauriert der rüstige 78-Jährige gerade einen seiner zahlreichen Oldtimer-Traktoren, einen Eicher, Baujahr 1954, sowie sein altes 250er BMW-Motorrad. Seit 50 Jahren ist er glücklich mit seiner Ehefrau Christine verheiratet.

Zum Leben könne er sich keinen schöneren Ort als Ried vorstellen, sagt er. Seiner Schwiegertochter Beate, die mit ihren drei kleinen Kindern gerade vom Dorfweiher zurückkommt, geht es nicht anders. Die sechsjährige Luisa erzählt in auffallendem Hochdeutsch: „Wir haben eine Kröte ausgesetzt. Die war im Eimer gefangen.“ Die Mama lacht und sagt: „So red’t bei uns koaner.“ Sie ergänzt: „Des lernas in Leahad im Kindergarten.“ Als sie den Hof erreichen, treibt Luisa mit ihrer dreijährigen Schwester Marie noch schnell ein Paar Hühner zusammen, die sich über die Straße aus dem Staub machen wollen. Interessiert schaut ihr zehn Monate alter Bruder Johannes aus dem Kinderwagen heraus zu. Die Erntezeit macht sich auch bei der kleinen Obstpresse von Helga und Andreas Karl bemerkbar. Lachend erzählt Andreas Karl: „Früher war das mein Hobby. Und jetzt, wo ich in Rente bin, wird es zur Arbeit.“ In diesem Jahr gibt es sogar besonders viel Obst zu verarbeiten. Aber Zeit für eine Steckerleis-Pause findet sich meistens. Dafür sorgt schon Tochter Daniela, die mit ihrer Freundin Lisa Seitz aus dem Kühbacher Ortsteil Haslangkreit – übrigens eine deutsche Meisterin im Eisstockschießen – beim Saftabfüllen hilft.

Beim Blick über den schmucken Garten und die Obstbäume hinüber zum Waldrand kommt Hausherrin Helga ins Schwärmen: „Bei uns is’ doch wia im Paradies, oder?“

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