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Familiendrama

27.09.2013

Nach zwölf Jahren wird den Wackerls die Pflegetochter weggenommen

Die Pflegeeltern von Sandra im Zimmer der 13-Jährigen. Seit Juni haben sie ihre Pflegetochter nicht mehr gesehen.
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Die Pflegeeltern von Sandra im Zimmer der 13-Jährigen. Seit Juni haben sie ihre Pflegetochter nicht mehr gesehen.
Bild: Ulrich Wagner

Zwölf Jahre kümmerten sich Petra und Anton Wackerl um ihr Pflegekind. Doch Sandra darf nicht mehr bei ihnen leben. Denn nach einem Schulwechsel ist ein anderes Jugendamt zuständig.

Ihre Briefe an „Zuhause“ füllen einen ganzen Ordner. Auf eins der Kuverts hat Sandra* mit Kugelschreiber ein weinendes Gesicht gemalt. Petra und Anton Wackerl haben alles aufgehoben, was ihnen ihr früheres Pflegekind geschickt hat. Denn wenn sie die Briefe lesen, ist ihnen das Mädchen nah.

Zwölf Jahre hat Sandra in ihrer Familie gelebt. Deshalb ist sie für das Ehepaar aus Todtenweis (Kreis Aichach-Friedberg) wie eine eigene Tochter. Und doch ist sie es nicht. Sandra ist am 19. Juli 2000 mit sechs Monaten zu ihnen gekommen. Als Pflegekind. Trotz der langen Zeit haben die Wackerls keine Ansprüche. Das ist ihnen im vergangenen Jahr schmerzlich bewusst geworden. Denn, wie es scheint, haben sie Sandra verloren. Die Wackerls und ihr Pflegekind Sandra sind ein Beispiel dafür, wie weit Emotionen und Recht auseinanderliegen können.

Die Pflegeeltern wollten Sandra optimal fördern - und verlieren sie dadurch wohl

Dass es so weit gekommen ist, haben sie selbst mit verursacht – ohne es zu wollen. Auslöser war ein Schulwechsel, den die Pflegeeltern mit initiiert haben, damit das Kind, das „zwischen lernbehindert und lernschwach“ eingestuft wird, optimal gefördert wird. Im Glauben an eine Internatsunterbringung engagieren sich die Wackerls dafür, dass Sandra in eine Einrichtung für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gehen kann. Als sie erfahren, dass Sandra dort dauerhaft leben wird, ist es zu spät. Die Wackerls haben damit ihren Status als Pflegeeltern verloren. Seither kämpfen sie um das Kind.

Aus der Sicht einiger Verantwortlichen tun sie das zu vehement. So wirft ihnen Manfred Klopf, stellvertretender Leiter des zuständigen Jugendamtes in Augsburg, vor: „Das ungewöhnliche Verhalten ist eine massive Belastung für das Kind.“ Die Wackerls dagegen sind überzeugt: „Sie (die Entscheidungsträger; Anmerkung der Redaktion) richten das Mädchen zugrunde.“

Fest steht: Nach einem Jahr mit viel Hickhack und mehreren Gerichtsverfahren ist die Lage so verfahren, dass den Wackerls inzwischen der Kontakt zu Sandra verboten wurde. Die heute 13-Jährige lebt seit einem Monat in einer geschlossenen Kinder- und Jugendpsychiatrie. Aus Verzweiflung haben sich die Wackerls entschieden, ihre Geschichte öffentlich zu machen.

Sandras Schwester ging aufs Gymnasium, Sandra in ein Förderzentrum

Aber der Reihe nach: Als sich die Wackerls vor über zwölf Jahren um ein Pflegekind bemühen, haben sie einen leiblichen Sohn. Der Bub wird mit sieben Jahren zweifach großer Bruder. Nach Sandra kommt auch ihre vier Jahre alte Halbschwester zu den Wackerls. Das Jugendamt hat die Kinder aus ihrer Familie genommen. „Wenn, dann nehmen wir alle zwei“, hat der Bub damals gesagt. Die Mädchen wachsen auf, wie andere auch. Nur, dass grundlegende Entscheidungen über sie nicht die treffen, die sie Mama und Papa nennen, sondern eine Pflegerin, die leiblichen Eltern, das Jugendamt. Aber ihr Leben funktioniert. Mal besser, mal schlechter – wie in jeder anderen Familie auch, sagen die Wackerls. Zeitweise gibt es Kontakt mit den leiblichen Eltern. Anfangs regelmäßig, später nach Angaben der Wackerls sieben Jahre lang gar nicht. Inzwischen aber wieder.

Während die große Schwester aufs Gymnasium geht, fallen bei Sandra schon im Kindergarten Defizite auf. Kurz besucht sie die Regelschule, dann ein Sonderpädagogisches Förderzentrum. Anton Wackerl stellt bei Sandra fest: „Wenn sie an Grenzen stößt, dann blockiert sie.“ In einer heilpädagogischen Tagesstätte (HPT), die das Kind ab 2011 besucht, wird es besser. Aber wohl nicht gut genug.

Wegen der besseren Förderung sollte Sandra ein Internat besuchen

Das Verhängnis beginnt aus Sicht der Wackerls, als eine Lehrerin eine Einrichtung empfiehlt, die Sandras geistige Entwicklung fördert. „Schweren Herzens“ bemühen sich die Wackerls um einen Platz in einem Förderzentrum im Raum Landsberg. Damit ist klar: Sandra muss ins Internat. Davon gehen die Wackerls jedenfalls aus. Und alle anderen auch, die an der Entscheidung beteiligt sind. Das sagen zumindest die Wackerls. Die bisherige Schule und das Kreisjugendamt Aichach-Friedberg sagen dazu nichts. Sie verweisen auf den Datenschutz. Auch die Verantwortlichen der Tagesstätte schweigen. Von ihnen liegt unserer Zeitung aber aus anderer Quelle ein Brief vor, aus dem hervorgeht: Den Fachkräften, die mit Sandra zu tun hatten, war nicht klar, dass mit dem Schulwechsel eine Beendigung des Pflegeverhältnisses verbunden ist.

Die Wackerls fallen jedenfalls aus allen Wolken, als Mitte Juli 2012 in einem Brief steht, dass Sandra dauerhaft untergebracht wird. Sie versuchen sofort, den Schritt rückgängig zu machen. Doch es ist zu spät. Denn zuständig ist nun das Jugendamt der Stadt Augsburg. Eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen den Wackerls und der Behörde kommt nicht zustande. Zumindest in dem Punkt sind sich beide Seiten einig. Während die Wackerls mangelnde Gesprächsbereitschaft der Verantwortlichen beklagen, vermisst Manfred Klopf, der stellvertretende Jugendamtsleiter, bei ihnen „die Bereitschaft zur Zusammenarbeit“. Eine, die „aktiv und wohlwollend“ ist. Wohlwollen fehle den Wackerls gänzlich. Das geben sie auch offen zu. Sie möchten Sandra nicht hergeben. „Den 9. 9. 2012 vergess’ ich mein Leben nicht“, erinnert sich Anton Wackerl mit Tränen in den Augen an den Tag, als er seine Pflegetochter in die neue Einrichtung bringen muss. Von Anfang an signalisiert ihnen die Zwölfjährige, dass sie „nach Hause“ möchte.

Die Trennung setzt dem Kind und den Pflegeeltern zu

Unter diesen Voraussetzungen ist es kaum möglich, dass sich Sandra in der Einrichtung einlebt. Deren Leiter verweist ebenfalls auf seine Schweigepflicht. Er sagt aber: „Es ist die schwierigste Situation, wenn man dazwischen steht.“ Zwischen den bisherigen Pflegeeltern auf der einen und den Verantwortlichen auf der anderen Seite: den leiblichen Eltern und der Pflegerin, die sich beide gegenüber unserer Zeitung nicht äußern wollen, sowie dem Jugendamt. Sie alle sehen keinen Anlass, den Schulwechsel rückgängig zu machen. Alle zwei Wochen darf Sandra die Einrichtung übers Wochenende verlassen. Alle 14 Tage kommt sie nach Todtenweis, später nur noch einmal monatlich. Denn die leiblichen Eltern wollen Sandra auch sehen. Diesen Kontakt soll das Kind auch haben, sagen die Wackerls, die versichern, dass sie den Kontakt auch unterstützt hätten.

Die Trennung setzt den Wackerls zu. Dem Kind offenbar auch. Davon zeugen viele Briefe. „Mein Herz ist gebrochen“, hat Sandra in einem geschrieben. Sie war integriert in die Dorfgemeinschaft, war Ministrantin und schreibt nun sogar dem Pfarrer, dass sie wieder heim möchte – dorthin, wo der große Pflegebruder und ihre Halbschwester leben. In der Heimat hat sich inzwischen eine Art Bürgerinitiative gebildet. Der 56-jährige Kraftfahrer von Gefahrgut und die 52-jährige Hausfrau sind gut bekannt. Petra Wackerl engagiert sich unter anderem als Gemeinderätin und Mitleiterin der Gemeindebücherei in Aindling. Zwei Frauen aus Todtenweis haben eine Unterschriftenaktion gestartet, in der sie Sandras Rückkehr fordern. Über 2200 Unterschriften sind es in nur knapp zwei Wochen geworden. Die sollen demnächst dem Aichach-Friedberger Landrat Christian Knauer überreicht werden.

Seit Juni ist den Wackerls der Umgang mit Sandra untersagt

Nach über einem Jahr sehen die Wackerls kaum noch eine Chance. Briefe an Behörden und Politiker haben sie nicht weitergebracht. Bislang sind sie auch rechtlich gescheitert. Ein Antrag auf Pflegschaft wird abgelehnt. Einen Antrag auf Rückführung in die Pflegefamilie nehmen sie selbst im März in der Verhandlung am Familiengericht Landsberg zurück. Sie befürchten, dass sie sonst den Umgang mit Sandra gefährden. Das bestätigt ihr damaliger Anwalt, Steffen Siefert, der sagt: „Das Leiden des Kindes wird nicht gesehen.“ Die Wackerls seien eben für das Kind die „gefühlten Eltern“.

Am 2. Juni 2013 – nach einem gemeinsamen Pfingsturlaub – haben die Wackerls Sandra zum letzten Mal gesehen. Seit sie gedroht haben, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, ist ihnen der Umgang untersagt – inklusive Briefen und Telefonaten. Die Wackerls klagen den Umgang ein und stellen wieder einen Rückführungsantrag. Sie scheitern im August im Eilverfahren erneut vor dem Familiengericht in Landsberg. Warum? Ihre jetzige Anwältin Maria Steber aus Friedberg kritisiert, dass sich das Gericht nur auf offizielle Stellungnahmen bezogen habe. Das Kind sei nicht angehört worden. Das bestätigt Pressesprecher Alexander Kessler, er weist aber darauf hin, dass ein unabhängiger Verfahrensbeistand von Sandra gehört worden sei. Jetzt streben die Wackerls ein Hauptsacheverfahren an. Anwältin Steber empört sich: „Man kann doch nicht ein Kind aus einer intakten Familie in ein Heim stecken.“

Die 13-jährige Sandra ist momentan in der Psychiatrie untergebracht

Beim Jugendamt Augsburg versichert Manfred Klopf: „Es handeln alle Beteiligten sehr verantwortungsbewusst für dieses Kind.“ Er macht die Pflegeeltern dafür verantwortlich, dass sich das Mädchen im Förderzentrum nicht eingelebt hat. Seit drei Wochen ist Sandra in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht – eine vorübergehende diagnostische Maßnahme, so Klopf. Dazu hätten sich die Sorgeberechtigten entschlossen. Wegen „der Belastungen, denen das Kind ausgesetzt ist – nicht zuletzt aufgrund der Aktivitäten der Pflegefamilie“. Andererseits hat die Tagesstätte schon im Oktober 2012 in dem unserer Zeitung vorliegenden Brief gewarnt: „Eine Einbindung des Kindes in seine Pflegefamilie wurde von uns immer als Basis und gedeihlicher Hintergrund verstanden. Unserer Einschätzung nach bedeutet ein solcher Abbruch der familiären Beziehungen eine Gefährdung für Sandras Entwicklung.“

Dass die 13-Jährige schwierig ist, wundert Petra Wackerl nicht. Während Klopf die ständig unsichere Situation für das Kind anprangert – angeblich verursacht durch die Pflegefamilie –, klagt Wackerl: „Es ist so furchtbar, niemand fragt Sandra.“

* Der Name des Mädchens wurde von der Redaktion geändert.

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