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Gersthofen

12.02.2013

Beim Fasching Nazi-Flugblätter verteilt

Faschingsumzug mit Gästen von rechts: In Gersthofen schmuggelte sich eine Gruppe vermeintliche USA-Kritiker unter die Gäste und verteilte Flugblätter mit rechter Propaganda.
Bild: Marcus Merk

Eine vermeintliche Narrengruppe hat den Gersthofer Umzug für rechte Propaganda genutzt. Die Kriminalpolizei ist eingeschaltet.

Es war ein ungewöhnlicher Anblick, der sich Gertraud Heisler bot: Zusammen mit ihrem Sohn war die 45-Jährige zum Gersthofer Faschingsumzug gekommen. Unter den über 30 Gruppen, die auf den Straßen unterwegs waren, blieb ihr vor allem eine in Erinnerung, die gegen die USA protestierte. „Die waren ganz ernst und alle schwarz vermummt“, erinnert Heisler sich. Als jemand ihr aus dieser Gruppe ein Flugblatt in die Hand drückte, glaubte sie ihren Augen nicht mehr: Damit stellte sich die vermeintliche Faschingsvereinigung als „Nationale Sozialisten Deutschland“ vor, auf dem Flyer finden sich die Internetadressen von Seiten mit rechtem Inhalt, gespickt mit Hetze gegen die USA und Israel und Verweisen auf Internetseiten mit entsprechendem Inhalt.

Für Gertraud Heisler ist das ein „absolut unverständlicher Vorgang: Ich kann gar nicht verstehen, wie solche Leute Zugang zum Faschingsumzug bekommen.“ Dieselbe Frage stellte man sich danach auch in Gersthofen. Lorenz Dollinger, der für die Faschingsgesellschaft Lechana den Umzug organisiert, distanziert sich von dem Auftritt der Gruppe aus dem südlichen Landkreis. „Das war auch für uns eine gewaltige Überraschung.“ Dass es sich um eine rechte Gruppierung gehandelt hat, habe er nicht ahnen können. „Jede Gruppe gibt uns ihr Thema in schriftlicher Form weiter – dann entscheiden wir, ob sie mitmachen dürfen.“

Tatsächlich liest sich die Vorstellung der vermeintlichen Faschingsfreunde harmlos: „Eine Parodie auf die Unglaublichkeit Amerika“ soll dargestellt werden, von rechter Propaganda keine Silbe. „Auf die allgemeinen Informationen sind wir angewiesen, mehr können wir nicht prüfen – wir sind schließlich alle ehrenamtlich im Einsatz“, beteuert Dollinger. Der Organisator betont, während des Umzugs nichts von den Aktivitäten der Gruppe gehört zu haben. Auch danach habe es keinen Kontakt gegeben: Beim Treffen aller Faschingsgruppen am Rathausplatz fehlten die Teilnehmer bereits.

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Auch Gersthofens Bürgermeister Jürgen Schantin nimmt Dollinger in Schutz: „Wir sind als Stadt froh, dass die Lechana uns die Organisation des Umzugs abnimmt.“ Die Endkontrolle und die Entscheidung, wer an dem Umzug teilnehmen darf, liegt allerdings bei der Lechana. Sollten die Anforderungen an die Ehrenamtlichen noch größer werden, sei die Belastungsgrenze bald erreicht. Dennoch müsse der Vorfall Konsequenzen haben. „Das darf nicht mehr vorkommen. Wir als Stadt distanzieren uns davon.“

Ob der Vorfall auch strafrechtliche Konsequenzen haben wird, ist bislang noch offen. Mittlerweile befasst sich die Kriminalpolizei mit dem Fall, auch die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet. Ob die Aktion aber auch eine Straftat darstellt, ist derzeit noch unklar – das Verteilen von politischen Flugblättern sei nicht verboten. Dass sich die Rechten auf Faschingsumzügen einschmuggeln, sei der Polizei neu, sagte Polizeisprecher Martin Binder. Der namentlich genannte Organisator der Gruppe ist der Kriminalpolizei jedoch bekannt.

Bürgerfaschingsumzug Gersthofen / Fasching / Faschingsumzug Gersthofen
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Bürgerfaschingsumzug Gersthofen
Bild: Marcus Merk

Die Szene scheint die Masche jedoch für sich entdeckt zu haben: Auf der Homepage „Freies Netz Süd“, eine der bekanntesten Plattformen für rechtes Gedankengut, prahlen die Betreiber mit ihrem Auftritt beim Münchner Faschingsumzug der „Damischen Ritter“. Auch in der Landeshauptstadt traten die Rechten Anfang Februar als USA-Kritiker mit Flugblättern und einem Banner auf, das dem in Gersthofen gezeigten stark ähnelt.

Ob es für die Polizei ein Grundlage gibt, gegen die Rechten vorgehen zu können, ist derzeit nicht klar. Lediglich die Veranstalter können von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und die Besucher aus ihrem Umzug werfen.

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