1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. Neues Konzept: Hier dürfen Schüler die Lehrer entlassen

Landkreis Augsburg

27.03.2019

Neues Konzept: Hier dürfen Schüler die Lehrer entlassen

Ein neues Schulkonzept soll in Großaitingen anlaufen: An der privaten Luana-Schule haben Schüler und Lehrer die gleichen Rechte. Es gibt keine festen Stundenpläne und Schüler können sogar ihre Lehrer feuern. Bisher haben sich ähnliche Ansätze in Bayern nicht durchsetzen können. Die Reaktionen im Landkreis Augsburg sind zwiespältig. 

In einer „Luana-Schule“ sollen Kinder ihren Schulalltag selbst bestimmen und haben die gleichen Rechte wie Lehrer. Das Konzept ist umstritten.

In der Gemeinde Großaitingen bei Schwabmünchen könnte demnächst die Privatschule „Luana“ entstehen. Die Schule organisiert sich selbst: Schüler können ihre Lehrer entlassen. Absolutes Mitspracherecht. Dieser Punkt sticht bei dem neuen Konzept am meisten heraus. Die Schule hat bereits vor der Eröffnung knapp doppelt so viele Anmeldungen wie Plätze. Aktuell fehlt aber noch die Genehmigung der Regierung von Schwaben. Wir haben Schüler im Landkreis gefragt, ob sie sich vorstellen können, eine solche Schule zu besuchen.

Mit den Worten „frei“, „demokratisch“ und „inklusiv“ beschreibt die Luana-Schule ihr Konzept. Es soll keine festen Stundenpläne geben, keine Klassen, keine Prüfungen. Hier soll die Stimme des Schülers ebenso viel Gewicht haben wie die des Lehrers. Ob die Lehrer – nach ihrer Probephase oder schon als etablierte Lehrkraft – bleiben dürfen, wird zusammen und demokratisch in einer Schulversammlung entschieden.

Für ein faires Miteinander in den Schulen

Stefan Lindauer ist Landesschülersprecher an der Berufsoberschule Neusäß und setzt sich für ein faires Miteinander in Schulen ein. Das geplante Schulkonzept würde den 22-Jährigen deswegen reizen. Er sagt: „Dort wird man zum Teamplayer, weil man viel Zeit mit seinen Lehrern verbringt.“ Ihn reize es, zu erfahren, ob man einzelne Inhalte auf das bestehende Schulsystem übertragen kann. Er sieht das Konzept der Schule als Chance, da dort die Beteiligungsrechte der Schüler großgeschrieben und so die strenge Hierarchie aufgelöst würde. Bei dem Übergang von der Privatschule auf andere Schulsysteme könne es zwar Probleme geben. Aber auch dafür ließen sich Lösungen finden, sagt der 22-Jährige. Er bedenkt aber auch, dass dafür „alle Beteiligten das klassische Schuldenken ablegen“ müssten. In dem umstrittenen Mitbestimmungsrecht sieht er hingegen kein Problem: „Schüler sind immer strenger zu sich selbst als Lehrer.“

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Anders sieht es die 15-jährige Pia Kiesewetter. Sie geht in die zehnte Klasse der Realschule in Meitingen und glaubt nicht, dass dieses Konzept die Produktivität fördert: „Vorschriften sind wichtig, weil lasche Strukturen mich nicht dazu anspornen, etwas zu leisten.“ Die Luana-Schule ist als Grund- und Mittelschule geplant. Dass es sinnvoll sei, jüngeren Schülern ein Vetorecht bei Personalentscheidungen zu geben, bezweifelt Pia. Trotzdem bewertet sie die Idee, Schüler mitreden zu lassen, als gut. Sie machen schließlich einen wichtigen Teil der Schulgemeinschaft aus.

Zeugnisse müssen extern eingeholt werden

Dieser Aspekt der Luana-Schule ist nichts Neues: An Schulen gibt es eine SMV (Schülermitverantwortung). Der 17-jährige Abiturient Florian Nebel am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen findet das Konzept der Mitbestimmung sinnvoll, sieht aber auch ein Problem: Eine kleine Gruppe würde für mehrere Hundert Schüler sprechen. Meinungen mehrerer gingen hingegen unter. Er sagt, Kinder sollten die Möglichkeit haben, die Schule mitzugestalten. Dadurch könnten sie später im Berufsalltag die Entscheidungen ihrer Vorgesetzten eher nachvollziehen. Kritisch findet Florian an dem Konzept der Luana-Schule, dass Kinder, die ohne vorgeschriebene Regeln aufwachsen, sich später schwertun, sich im Berufsleben unterzuordnen. Diese Regeln solle jemand aufstellen, der sich fachlich auskennt. Als schwierig betrachtet er, dass erforderliche Zeugnisse extern eingeholt werden müssten, um später die Universität besuchen zu können. Statt eines staatlich anerkannten Schulabschlusses erwirbt ein „Luana“-Schulabgänger ein EUDEC-Diplom einer freien demokratischen Schule. Es beschreibt die erworbenen Fähigkeiten, Noten stehen darauf keine.

An Schulen bildeten sich häufig Cliquen – die Meinung der populärsten setze sich am Ende durch. Darauf weist der 15-jährige David Langer hin. Er besucht die neunte Klasse der Maria-Ward-Realschule in Augsburg und betont: „Man muss mit jedem Menschen, auch mit Kindern, auf einer Augenhöhe reden können.“

„Kinder in der Unterstufe sind infantil“

Die befragten Schüler sind der Ansicht, dass Vorgaben von älteren, erfahrenen Autoritätspersonen den Berufseinstieg erleichtern. Dort habe man nämlich Hierarchien: Man müsse sich erst Wissen und Erfahrung aneignen und sich auf dieser Basis eine Meinung bilden, bevor einem ein Mitspracherecht eingeräumt wird. Doch nicht nur Schüler, auch der angehende Mittelschullehrer Christian Unterreiner von der Universität Augsburg sieht das Konzept kritisch. Die Autorität der Lehrer und die vorgegebene Qualität des Kultusministeriums hätten sich schon etabliert. Das Konzept habe ihm zu wenig Fundament. „Kinder in der Unterstufe sind infantil, für die ist das nichts. Sie brauchen ein Vorbild.“ Dem Lehramtsstudenten sei vor allem wichtig, dass die Schule die Kinder auf das Leben danach vorbereitet.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren