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Stadtbergen

12.09.2020

Wie sich Stadtberger Traditionsgeschäfte gegen die Konkurrenz behaupten

Maria und Franz Schmid (rechts) übergaben vor drei Monaten ihre Traditionsmetzgerei in Stadtbergen an ihren Sohn Robert. Die Coronakrise haben sie relativ gut überstanden.
Bild: Ingrid Strohmayr

Plus Trotz des Gewerbegebiets an der B300 haben sich in Stadtbergen viele Traditionsgeschäfte gehalten. Eins wird sogar in dritter Generation fortgeführt.

Das endgültige Aus für viele kleine Tante-Emma-Läden kam in Stadtbergen in den 1980er-Jahren mit dem Bau des ersten großen Mügra-Supermarktes auf der grünen Wiese (heute Marktkauf) an der Hagenmähder Straße. Etwa ein Jahrzehnt später füllte sich das Gewerbegebiet Stadtberger Markt nach und nach mit großen Discountern und Filialen bekannter Einzelhandelsketten, was noch mehr Kundschaft an die Peripherie lockte und für immer mehr Leerstände und Geschäftsaufgaben im alten Stadtzentrum sorgte.

Heute gibt es in Stadtbergen (mit rund 15.000 Einwohnern) 1300 Gewerbetreibende. Darunter einige Traditionsunternehmen, die seit Generationen in Familienhand sind. Wir sprachen mit ihnen über ihre Firmengeschichte und die aktuelle Problematik in Zeiten von Corona.

  • Metzgerei Schmid: Zu den ältesten Familienunternehmen gehört die Metzgerei Schmid am Oberen Stadtweg in Stadtbergen mit einer Filiale in Leitershofen. Vor 75 Jahren durch Max Schmid gegründet, wurde die Metzgerei von Sohn Franz und Schwiegertochter Maria erweitert und modernisiert. Der Partyservice, weit über die Grenzen Stadtbergens hinaus bekannt und geschätzt, kam dazu. Seit die Hausschlachtung 2012 eingestellt wurde, bezieht die Metzgerei ihre Ware aus einer regionalen bäuerlichen Erzeugergemeinschaft. „Das Essverhalten der Kunden hat sich geändert, das zeigen die steigenden Zahlen bei den To-go-Menüs“, erklärt Metzgermeister Robert Schmid, der am 1. Juli den elterlichen Betrieb übernommen hat. „Selbermachen ist ein Muss, wir produzieren 95 Prozent unserer Ware selbst, das ist zwar teurer, aber da wissen wir, was drin ist“, sagt der 35-Jährige. Zu Beginn der Pandemie brach der Partyservice auf Null ein, doch nach kurzer Zeit standen die Kunden wieder Schlange. „Die Dosenregale waren leer gekauft, wir haben 5000 Konserven zusätzlich hergestellt.“ „Wir haben nun viele neue Kunden im Laden“, fügt Maria Schmid hinzu.

Der Kuchenverkauf im Stadtberger Café Weinberger läuft wieder gut

  • Café Weinberger mit Konditorei und Hotel: Seit 1949 verwöhnt das Café Weinberger seine Gäste mit Kuchen, Torten und Süßigkeiten. Konditormeister Ferdinand Weinberger eröffnete mit seiner Gattin Eleonore damals eine kleine Backstube mit Kuchenverkauf in der Goethestraße. Als diese zu klein wurde – eine Filiale in Augsburg am Dom kam dazu –, baute der junge Unternehmer 1963 in der Bismarckstraße 55. Zur Konditorei, dem Café kam jetzt auch ein Hotel garni dazu, das von Tochter Eleonore Weinberger-Arnemann und ihrem Ehemann Paul 1980 in zweiter Generation übernommen wurde. Der Bau der B17 in den 80er-Jahren sorgte für massive Beeinträchtigungen, wie auch Jahre später die umfangreichen Gleisbauarbeiten, die erschwerte Zugangsbedingungen und Parkprobleme mit sich brachten. „Unsere Stammgäste hielten uns trotz der Einschränkungen die Treue, und so entschlossen wir uns, 1992 das Café zu erweitern und neu zu gestalten“, erzählt Eleonore Arnemann. Die Corona-Pandemie stellte die Gastronomen vor eine neue große Herausforderung. „Unsere zwölf Mitarbeiter mussten in die Kurzarbeit, das Hotel wurde ganz geschlossen“, sagt Paul Arnemann. „Der Kuchenverkauf im Laden konnte nach dem Shutdown langsam wieder aufgenommen werden mit mir als ,Alleinkämpferin‘“, sagt Eleonore Arnemann zurückblickend.
  • Gärtnerei Niedermair: Die Familie Niedermair ist im Leitershofer Geschäfts- und Gesellschaftsleben eine alteingesessene Institution. 1947 gründete der Vater von Michael Niedermair, Sohn eines Landwirts, die Gärtnerei, die sich auch heute noch auf den Gemüseanbau und Balkonpflanzen spezialisiert hat. „Dort, wo heute das Wohnhaus ist, stand nur eine kleine Hütte, Karotten, Rettiche, Kraut und Kohlrabi bauten wir im Freien auf der Fläche des heutigen Exerzitienhauses an“, erinnern sich Michael und Carola Niedermair, die 1973 den Betrieb übernahmen.
    In dritter Generation ist Michael Niedermair, jun. seit 2015 Chef der Firma Gartenbau Niedermair in Leitershofen.
    Bild: Ingrid Strohmayr

    Gleich hinter dem Haus kamen mehrere Gewächshäuser dazu, weitere beheizbare Treibhäuser folgten auf den landwirtschaftlichen Flächen bei der Schafweidsiedlung. „Es hat sich viel geändert, früher gab es in jedem Dorf eine Samenhandlung, heute beliefern ein, zwei große Firmen ganz Deutschland mit Samenbändern“, blickt Michael Niedermair zurück. Vieles hat sich natürlich auch am Konsumverhalten der Kunden geändert, was sich gerade während der Corona-Pandemie gezeigt hat. „Es wird wieder selbst gekocht“, freut sich Carola Niedermair, die „Seele“ des Betriebs. „Die Kunden sind uns treu geblieben, neue kamen dazu, dafür sind wir sehr dankbar“, sagt sie zufrieden. Die Nachfolge des Betriebs ist mit Sohn Michael gesichert, der in dritter Generation seit 2015 Chef des Unternehmens ist.

Der neue Radweg ist ein Dorn im Auge

  • Buch in Stadtbergen: Seit über zehn Jahren gibt es die Buchhandlung von Meike und Heiner Schmitt in der Bismarckstraße 36. Dank der fachmännischen und kompetenten Beratung brauchen die Stadtbergen Leseratten nicht nach Amazonien oder nach Augsburg reisen, um ihre Literatur zu kaufen. Es gibt eine große Auswahl im Laden, und über Nacht können über 500.000 Titel einfach und bequem bestellt werden. „Dank der Unterstützung der treuen Kunden, die während des Lockdowns den kostenlosen Lieferservice angenommen haben, sind wir so gut wie unbeschadet durch diese Zeit gekommen, uns ist es auch gelungen, ohne jegliche staatliche Unterstützung durchzukommen“, zeigen sich die Inhaber dankbar. Aufgrund der Ladengröße ist die Kundenanzahl eingeschränkt. Derzeit ziehen weitere dunkle Wolken über den Geschäftsleuten der Bismarckstraße auf: Aufgrund des neuen Pop-up-Radwegs befürchten sie Einbußen. „Es ist leider so, wo der Kunde nicht stressfrei parken kann, kauft er nicht! Das absolute Halteverbot auf der gegenüberliegenden Seite schadet uns. Anwohner blockieren die Parkbuchten vor dem Laden, selbst die Nebenstraßen sind vollgeparkt“, zeigt sich Meike Schmitt unzufrieden.

Treue Kunden geben ihr Kraft

  • Reisebüro Stiller: Seit zwölf Jahren betreibt Eva-Maria Schneider das Reisebüro Stiller in Stadtbergen am Hopfengarten 8 zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen.
    In Stadtbergen verkauft Eva-Maria Schneider Reisen.
    Bild: Reisebüro

    Die Geschäfte liefen bis Februar 2020 hervorragend, jedes Jahr verzeichnete das Reisebüro eine Umsatzsteigerung. „Dann kam der Einbruch gleich mit mehreren Katastrophen, doch Airline-Pleiten und die Thomas-Cook-Insolvenz brachten das Unternehmen nicht ins Wanken“, berichtet Eva-Maria Schneider. Corona aber war nicht mehr so einfach wegzustecken. „Ich musste für meine Vollzeitkraft Kurzarbeit beantragen, der Teilzeitkraft kündigen, da sie in der Probezeit war, und stand plötzlich allein im Büro. Die Telefone standen nicht still, Kunden mussten aus den Urlaubsgebieten zurückgeholt werden, die Kunden mussten informiert, beruhigt und vertröstet werden.“ Das alles allein abzuwickeln hat sie viel Kraft gekostet. Im Mai konnte Eva-Maria Schneider ihr Reisebüro wieder öffnen, aber seither hat sich nicht viel verbessert. „Wenn ich diesen Beruf nicht so lieben würde und nicht so treue Kunden hätte, die mir Mut zugesprochen haben, hätte ich längst geschlossen.“ Ihr Appell: „Buchen Sie Ihren Urlaub bei uns in den Reisebüros, damit wir eine Chance haben zu überleben.“

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