10.06.2014

Immer dieser Stress vor der Langen Kunstnacht: eine Stunde am Küchentisch, ein Kuli, ein Textmarker, ein Programmheft mit dem Motto „Kaiser und Könige“. Qual der Wahl. Ankreuzen. Streichen. Zweifel. Was wollen die Freunde? Eine hat immer das Gefühl, die Hälfte zu verpassen. Der andere trumpft mit dutzenden Post-its auf. Die Nächste will sich nur strategisch die Maxstraße hoch und runter bewegen. Schließlich fünf Sachen ausgewählt. Am Ende sieben gesehen, wenn auch manches nur teilweise. Gut gemacht.

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Das 3. Brandenburgische Konzert von J. S. Bach weht aus dem Kleinen Goldenen Saal nach draußen. Die Musik steht über den Köpfen der draußen Wartenden, die in den Abendhimmel oder ins Programmheft blicken. Beim folgenden Auftritt der Chöre der Sing- und Musikschule Mozartstadt Augsburg und des Konzertkinderchors Severácek aus Liberec bleiben doch einige Plätze leer. Das Hörerlebnis ist im Saal besser: Die Fenster vom Wein umrankt, das weiche Licht, dazu die hellen Kinderstimmen – ein Schweben in den Abendhimmel…

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Die Galluskirche ist klein und schmal. Wer darin die Lange Kunstnacht beginnt, darf sich als Auserwählter fühlen in einem Raum, der eher Schiffchen denn Kirchenschiff ist. Auf dem Spinett spielt Roland Götz Musik, die vor einem halben Jahrtausend entstanden ist. Jeden der Komponisten weiß Götz feinsinnig mit Augsburg in Verbindung zu bringen. Im Schiffchen sind exakt so viele Zuhörer, wie es Stühle gibt.

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Weiter, durch die Stadt. Vom Fronhof aus strömen die Menschen Richtung Domplatz. Feuer fasziniert nicht nur Kinder: Fantômes de Flammes bekommen viel Applaus für ihren Feuertanz auf den Ruinen der Römerzeit. Der Abend gleitet langsam in die Nacht. In diese blaue Stunde hinein bläst Hagen Pätzold, in einen römischen Rock mit Ledergürtel und Schmuck gewandet, auf seinem Nachbau einer römischen Tuba.

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Es ist das Zusammenspiel der Darbietung und des Ortes, die einen außergewöhnlichen Programmpunkt ausmacht. Justus Willberg entführt sein Publikum im Kreuzgang des Doms in die Klangwelt der Caesaren. Er verwendet einen Aulos, eine paarweise gespielte Flöte, eine Kithara, die sowohl wie eine Harfe gezupft als auch gespielt werden kann, und eine Wasserorgel (Hydraulis). Die Hymnen und Klagegesänge mit den der Antike nachempfundenen Instrumenten wird zum Klangerlebnis.

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Das Wichtigste im Rummel sind die Pausen: Danke dem Pastissima für den extraschnellen Espresso, danke dem Drei Mohren für den Sektverkauf in der Teehalle. Wir wären sonst nicht durchgekommen. Und danke allen, die ihre Klimaanlage angeschaltet haben!

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Im Schaezlerpalais präsentiert Stefan Schön Gedanken des gescheiten Kaisers Marc Aurel, die man heutigen Regenten und Regierenden kaum zutrauen würde. Nebenan, im Rokoko-Festsaal, bietet sich nach Einbruch der Dunkelheit die einmalige Gelegenheit, die drei im stetigen Farbwechsel illuminierten Sitzenden von Jaume Plensa so leuchten zu sehen, wie es zu den gewöhnlichen Tageslichtöffnungszeiten niemals möglich ist. Kunstnachtgeher sehen mehr!

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Letztes Schweben auf dem Elias-Holl-Platz. Das Finale mit dem Theater Tol aus den Niederlanden. Ohne Angst vor Kitsch und Schmalz lässt die Compagnie engelsgleiche Wesen zum „Ave Maria“ in den Himmel schweben. Glitter, Glamour und Effekt – ein glitzerbuntes Knallbonbon. Aber bei einem Programm, das so viel Qualität und Anspruch geboten hat, ist das wohl auch richtig so.

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Zum Ausklang in die feudale Golden Glimmer Bar. Golden schimmern an diesem Abend nicht nur die Wände, auch den Besuchern, die bei dem einen oder anderen Absacker über den Abend sprechen, steht der Glanz des Abends ins Gesicht geschrieben. Der Münchner DJ Thomas Lechner sorgt für passende Untermalung und vergisst auch einen nicht, der bei Kaisern und Königen nicht fehlen darf: Michael Jackson, der „King of Pop“... aus dem Abend wird tatsächlich eine lange Nacht.

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Irgendwie besonders schade, verpasst zu haben: „Das Lied des Affenkönigs“ in der Mühle. So eine witzige Auswahl für das Motto! Ansonsten: Schön war der Abend, aber ein bisschen majestätisch gediegen. Waren deswegen weniger Leute da als sonst oder lag’s am Wetter? Etwas Innovation und „Principessa“ hätte dem königlichen Programm gutgetan.

Es berichteten: Silvio Wyszengrad (Fotos) sowie Ute Krogull, Michael Schreiner, Miriam Zissler und Matthias Zimmermann (Texte)

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