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Augsburg

28.06.2020

16 Monate in U-Haft: Für 478 Tage aus dem Leben gerissen

Manfred K. saß 16 Monate lang in Gablingen in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Er soll seine Tochter missbraucht haben. Am Ende kommt er frei, doch hinter ihm liegen schreckliche Monate.
Bild: Marcus Merk

Plus Ein Augsburger soll seine Tochter missbraucht haben. Er sitzt 16 Monate in U-Haft und leidet schwer, doch von den Vorwürfen bleibt nichts übrig. Das ist seine Geschichte.

Das erste Leben von Manfred K.* endete am 24. Juli 2018, einem Dienstag. Es war am frühen Morgen, als die Polizisten klingelten; er guckte durch den Türspion und sah eine Frau in Uniform. Er habe aufgemacht, so erzählt er es heute, unwissend, was die Ermittler von ihm wollten. Das stellte sich schnell heraus: Sie wollten ihn mitnehmen, sie hatten einen Haftbefehl dabei.

Der Vorwurf: Manfred K. soll seine Tochter sexuell missbraucht haben

Manfred K. sagt, er sei perplex gewesen, völlig von der Rolle. Schwerer hätten die Vorwürfe gegen ihn kaum sein können: Er solle seine Tochter sexuell missbraucht haben, hieß es in dem Haftbefehl. In der späteren Anklage ging es um einen Zeitraum, in dem das Mädchen gerade einmal zwischen einem und drei Jahre alt gewesen war.

Manfred K. bestritt die Vorwürfe bei der Polizei. Er erinnert sich an viele Details dieses Tages, etwa an die billigen Ravioli in der Arrestzelle der Polizei. Die Beamten hätten ihn human behandelt, sagt er, und trotzdem sei er sich vorgekommen wie ein Tier. Er erinnert sich daran, dass es am frühen Nachmittag zum Haftrichter ging, er empfand es als traumatisches Erlebnis, die Vorwürfe dort zu hören. Manfred K., damals 42 Jahre alt, war gerade in einer schwierigen Phase, in seiner Ehe, in seinem Berufsleben. Nichts im Vergleich zu dem, was ihm bevorstand.

Ein Mann sitzt 16 Monate lang in Untersuchungshaft in der JVA Gablingen. Dann kommt er frei.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Ab diesem Tag im Juli 2018 begann sein zweites Leben, er war nun 16 Monate lang vor allem eines: ein Häftling in Untersuchungshaft in Gablingen. Ein Mann, dem schlimmste Delikte vorgeworfen wurden, dessen bürgerliche Existenz unterbrochen wurde. „Draußen geht das Leben weiter“, sagt er heute. „In U-Haft bleibt es stehen.“ Und auch wenn Manfred K., inzwischen 44 Jahre alt, das Gefängnis im November 2019 verlassen hat und seitdem wieder in Freiheit ist, macht es nicht den Eindruck, als hätte das Gefängnis ihn schon verlassen. Sein Leben wird nach wie vor von der Zeit in Untersuchungshaft dominiert, sein Denken kreist um den Fall, der sein Leben ruinierte, um die Schulden, die er nun hat. Er wirkt nicht wie ein Mann, der wieder Fuß gefasst hat. Wie auch?

Der Prozess wurde zweimal ausgesetzt

Der Prozess vor dem Landgericht gegen Manfred K. verlief seltsam. Gleich zwei Mal wurde er ausgesetzt, also komplett neu gestartet, bereits das kommt nur selten vor. Im Februar 2019 startete der erste Verhandlungstag, im März 2020 wurde das Verfahren schließlich eingestellt. Heißt: Juristisch ist Manfred K. nach wie vor unbescholten. Es war ein hartes Ringen vor Gericht, die Stimmung zwischen den Beteiligten frostig bis vergiftet.

Nathalie K.*, die Ex-Frau von Manfred K., musste mehrfach aussagen, was ihr sichtlich zu schaffen macht. Sie sagte, sie habe Angst vor ihm. Die Distanz zwischen ihnen hätte im Gerichtssaal kaum größer sein können. Lange Zeit war Manfred K. aus der Untersuchungshaft zu den Verhandlungstagen ins Gerichtsgebäude gefahren worden, auch nach seiner Freilassung lief das komplizierte Verfahren noch monatelang weiter.

Wer sich heute mit dem Augsburger unterhält, hat einen Mann vor sich, der beschädigt ist durch das, was ihm widerfahren ist, vor allem die lange Haftzeit. Er redet viel darüber und springt in hohem Tempo von Punkt zu Punkt; Aspekte, die ihm wichtig sind, greift er immer wieder auf. Wie ein leicht zugänglicher, einfacher Charakter wirkt er nicht, er sagt auch von sich, er habe nur wenige Freunde. Man hört viel Wut raus, wenn er spricht – auf die Justiz, die Polizei, das Gefängnis.

Ein Vorwurf lautet, der Mann habe seine Frau geschlagen.
Bild: Flora Anna Grass (Symbolbild)

Seine Ex-Frau und ihre Familie werden sicher eine sehr andere Sichtweise auf die Dinge haben als er. Das Gericht ging zwar zum Schluss zumindest noch davon aus, dass Manfred K. „mit einer Verurteilung wegen der Körperverletzungsdelikte hätte rechnen müssen“, wie es im Beschluss heißt, mit dem das Verfahren eingestellt wurde. Ihm war von der Staatsanwaltschaft in der Anklage auch vorgeworfen worden, seine Ex-Frau geschlagen zu haben. Doch verurteilt worden ist Manfred K. deswegen auch nicht, und darauf kommt es nun mal an in einem Rechtsstaat. Eine derart lange U-Haft hätte sich mit diesen Vorwürfen ohnehin nie begründen lassen. So bleibt der Fall eines Mannes, der in die Mühlen der Justiz geriet und 478 Tage wegen Vorwürfen im Gefängnis saß, von denen am Ende nichts übrig blieb.

Gefängnisse sind eine eigene Welt, und eine Untersuchungshaft ist noch einmal etwas anders als eine Strafhaft, in der die Resozialisierung ein wichtiger Faktor ist. Wer in Strafhaft sitzt, ist ein verurteilter Täter, hat aber meist die Gewissheit, wann er spätestens wieder in Freiheit kommt. Wer in U-Haft sitzt, hat diese Gewissheit nicht. Ein möglicher Prozess steht diesen Insassen erst bevor, sie wurden abrupt aus ihrem Umfeld gerissen, sie sind isolierter, ihr Alltag ist monotoner. Gerade Menschen, die bis dahin nie mit der Justiz in Berührung gekommen sind, empfinden die U-Haft oft noch einmal als unangenehmer und psychisch härter als die Strafhaft. Für Manfred K. war sie besonders brutal, denn in der Hierarchie eines Gefängnisses haben Menschen, die im Verdacht stehen, Kinder sexuell missbraucht zu haben, einen festen Platz: ganz unten.

Die Zeit im Knast empfand er als Horror

Er empfand die Zeit als Horror. Die Ungewissheit sei das Schlimmste für ihn gewesen, sagt er, „man geht von Tag zu Tag kaputt“. Er erhielt einen Eintrag, er sei suizidgefährdet, was seine Zeit im Gefängnis prägte. Er sei deshalb monatelang in einer Gemeinschaftszelle geblieben und nicht in eine Einzelzelle gekommen, was ihm das Leben erleichtert hätte, wie er sagt. Genauer: sieben Monate. Eine Entscheidung, die er nicht nachvollziehen konnte. „Ich hatte 15 Mitinsassen, vom Eierdieb zum Schwerstkriminellen.“ Manche fand er in Ordnung, aber oft habe er auch Angst gehabt, dass ihm ein Mithäftling wegen der Vorwürfe gegen ihn etwas antut.

Wohl nicht zu Unrecht. Manfred K. berichtet von Schikanen und Psychoterror. Einmal habe ihm ein anderer Mann den Haftbefehl aus der Hand gerissen und laut vorgelesen, was darin stand, was er getan haben sollte. Manfred K. sagt, er habe danach Drohungen erhalten, er werde den nächsten Tag nicht mehr erleben; ein Schwerkrimineller habe ihm die Unschuldsbeteuerungen nicht geglaubt, ihn provoziert und geschubst. Einmal habe man ihm einen Mann in die Gemeinschaftszelle schicken wollen, der im Knast als „polnischer Metzger“ bekannt war. Es gibt ein Schreiben vom Anwalt des 44-Jährigen an die Gefängnisleitung, in dem der Jurist darum bittet, seinen Mandanten in eine Einzelzelle zu verlegen.

Was von der Gefängnisleitung abgebügelt wurde: Manfred K. werde aufgrund der derzeitigen labilen Phase „für seinen eigenen Schutz“ in einer Gemeinschaftszelle untergebracht, und bis auf „einen unvorhersehbaren Zwischenfall“ habe es doch bisher keinerlei Probleme gegeben. Es ist ein Zwischenfall mit einem weiteren Häftling gemeint, laut Manfred K. war der Mann hochaggressiv, einmal soll er ihn angegriffen und geschlagen haben. Manfred K. zeigte den Mann an, im Juli soll es zum Prozess kommen. „Wenn man das macht, gilt man im Knast als Verräter“, sagt der 44-Jährige. Er tat es trotzdem. Der andere Mann wurde in eine andere Zelle verlegt, auch der „polnische Metzger“ blieb Manfred K. erspart.

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13 Bilder
Prominente Häftlinge, die in der Region einsaßen
Bild: Matthias Balk (dpa)

In der Zelle mit einem Profisportler

Irgendwann wurde es etwas besser. Manfred K. erinnert sich, dass Anfang 2019 ein Verantwortlicher des Gefängnisses auf ihn zugekommen sei und ihm mitgeteilt habe, dass er nun die Zelle mit einem Profisportler teilen werde. Der stellte sich als Mario Wittmann heraus, 34 Jahre alt, und ein Typ, mit dem sich auch härtere Knackis eher nicht anlegen wollen. Wittmann ist Kampfsportler, der Mixed Martial Arts betreibt; ein Sport, bei dem in einem Käfig gekämpft wird, Regeln gibt es nicht viele. Man kann Wittmanns Kämpfe im Internet ansehen, einmal dauert es nur sieben Sekunden, bis er einen Gegner K.o. tritt. Manfred K. sagt, es seien Wetten abgeschlossen worden, wann der Kampfsportler ihn wohl vermöbele. Doch das passierte nicht. Stattdessen habe Wittmann ihm zugehört und ihm geglaubt, dass er unschuldig sei, sagt Manfred K. Stimmt, sagt Wittmann auf Anfrage, so lief es ab. Manfred K. sei durch die Hölle gegangen.

Von da an wurde es aber eine Zeit lang einfacher für den Augsburger. „Die Tatsache, dass Mario mich unterstützt und nicht zerlegt hat, hat alles um 180 Grad gewendet.“ Doch leicht sei es nie gewesen, auch wenn er im Mai 2019 in eine Einzelzelle kam: die Belastung durch die Inhaftierung und die Vorwürfe im Verfahren, die Schikanen der Mithäftlinge, die „sinnlosen Zellendurchsuchungen der Wärter“, die Monotonie und Hoffnungslosigkeit im Knast, all das habe an ihm genagt. Es sei ihm auch bewusst geworden, „dass die Leute draußen einen vergessen“, sagt er.

Ausgestanden ist die ganze Angelegenheit für ihn noch nicht. Bis heute darf er seine zwei Kinder nicht sehen, die er mit seiner Ex-Frau hat, das Verfahren vor dem Familiengericht läuft noch. Ein Kind aus früherer Beziehung sieht er dafür täglich. Das, sagt er, gebe ihm Halt und Kraft. Er wird in die Privatinsolvenz gehen müssen, derzeit bezieht er noch Krankengeld, ein Arzt diagnostizierte bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung. Arbeiten kann er noch nicht wieder. „Ich bin psychisch am Ende“, sagt er. Doch er wolle nach vorne blicken. Und abschließen mit der Zeit, die für ihn ein Horror war.

* Namen von der Redaktion geändert

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29.06.2020

Und was bleibt von dem sogennannten "Rechtsstaat" übrig? Dass der unschuldig eingesperrte mit einem besseren Trinkgeld abgespeist wird? Haben die Richter uns Staatsanwälte 16 Monate lang gepennt? Was soll das bedeuten wenn praktisch jeder willkürlich weggesperrt werden kann, wenn man ihm irgendetwas anhängt?

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