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"Augsburger Allgemeine Live"

07.06.2019

"Das hat mich berührt": Warum Ferdinand von Schirach Augsburg mag

Der Schriftsteller Ferdinand von Schirach (Mitte) war Gast bei „Augsburger Allgemeine Forum live“ im Goldenen Saal. Er stellte sich den Fragen von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz und Literaturredakteurin Stefanie Wirsching.
Bild: Ulrich Wagner

Exklusiv Bei "Augsburger Allgemeine Live" begeistert der Bestsellerautor im Goldenen Saal in der Rolle als schlagfertiger und unterhaltsamer Gesprächspartner.

Freitagabend kurz nach sechs: Vor dem Augsburger Rathaus bildet sich eine lange Schlange. Und derjenige, der sie ausgelöst hat, sitzt wartend in einem Café und sieht von dort die Menschen in der Sonne ausharren. Kurze Zeit später sagt der Schriftsteller Ferdinand von Schirach im voll besetzten Goldenen Saal des Augsburger Rathauses vor 500 Menschen: „Das hat mich berührt.“

Bestsellerautor Ferdinand von Schirach zu Gast bei "Augsburger Allgemeine Live"

Es herrscht Biergartenwetter, aber das hindert niemanden daran, den Bestsellerautor in der neuen Ausgabe von „Augsburger Allgemeine live“ zu sehen. Anderthalb Stunden später, als alle wieder den umgekehrten Weg nach draußen nehmen, strahlt die Buchhändlerin aus Wertingen, die ihren Lieblingsschriftsteller sogar persönlich kurz vor Beginn der Veranstaltung sprechen konnte, und findet, dass das ein sehr guter und sehr unterhaltsamer Abend gewesen sei.

Kein Widerspruch! Da sitzt ein begnadeter Entertainer auf der Bühne, der die Fragen von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz und Literaturredakteurin Stefanie Wirsching gekonnt retourniert – mal mit sehr viel Charme, mal mit sehr viel Aufrichtigkeit („Ich kann es ja zugeben, ich habe Depressionen“). Von Schirach erzählt, wie er als Strafverteidiger schleichend wegen seiner Schlafstörungen Schriftsteller geworden sei, weil er sich nachts schreibenderweise die Zeit vertrieben habe. Und von Schirach stöhnt auf, wenn er über Berlin sprechen muss („eine irrsinnige Stadt, die schlimmste Stadt“), viel lieber sei ihm da Augsburg.

Ferdinand von Schirach erzählt bei "Augsburger Allgemeine Live", was er an seinem Leben als Schriftsteller schätzt – und weshalb er glaubt, dass wir alle Verbrecher bewundern.

Zwischendrin wird es politisch, obwohl von Schirach zugibt, dass er sich mit dem politischen Tagesgeschäft nicht größer beschäftige. Aber eine Meinung hat er dann doch, zum Beispiel über den Grünen-Parteichef Robert Habeck, der anders als andere Politiker sei, weil er zum Beispiel Fragen tatsächlich beantworte. Außerdem stellt sich von Schirach verbal vor Angela Merkel. Für ihn sei sie die Politikerin, die aus dem engen Deutschland seiner Kindheitstage ein internationales Land gemacht habe.

Ferdinand von Schirachs Großvater war NS-Kriegsverbrecher

Von Schirach, 1964 in München geboren, beantwortet auch die Frage, wie sehr ihn seine Familiengeschichte noch heute belastet. Sein Großvater Baldur von Schirach gehörte als Reichsjugendführer zu den NS-Hauptkriegsverbrechern. Als 15-Jähriger begann Ferdinand von Schirach, sich mit der Verstrickung seiner Familie in den Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, bis heute habe das kein Ende gefunden. „Ich trage diesen Namen.“ Anfangs sei es aus einem Schuldgefühl heraus geschehen, im Lauf der Jahre habe er verstanden, dass ihn keine persönliche Schuld treffe, er aber Verantwortung für die Familiengeschichte trage.

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Ferdinand von Schirach zu Gast bei "Augsburger Allgemeine Live"
Bild: Ulrich Wagner

So entsteht Antwort für Antwort das Mosaikbild dieses Menschen, der freimütig über das Rauchen spricht und halb im Spaß und halb im Ernst über das Opiumrauchen sinniert, das ihm deshalb so verlockend vorkomme, weil es die Sinne verlangsame. Die Langsamkeit sei nämlich das Tempo, das er als Mensch am meisten schätze.

Schriftsteller Ferdinand von Schirach ist gern allein

Immer wieder blitzt die Schlagfertigkeit von Schirachs auf, etwa wenn er glaubt, dass Sätze von ihm nicht richtig zitiert würden. „Sie tragen das jetzt so lustlos vor“, wirft von Schirach ein und hat das Publikum damit ganz auf seiner Seite.

Es erfährt, dass von Schirach gerne allein ist, geregelte Tagesabläufe schätzt, dass er früher oft in die Oper gegangen sei, ihn dieses Vergnügen als Schriftsteller aber zu stark ablenke. „Nach einem Opernabend kann ich eine Woche nicht schreiben.“ Und von Schirach sagt auch, worum es beim Schreiben von ernsthafter Literatur geht: „Wahrhaftigkeit“. Und der Sinn aller Künste sei es, die Menschen zu berühren, alles andere sei Unsinn. Ihm selbst ist das am Freitagabend auch als Gesprächspartner im „Augsburger Allgemeine live“ eindrucksvoll gelungen.

Hinweis „Augsburger Allgemeine Live“ läuft beim Regionalsender atv im TV-Programm. Die Ausstrahlung erfolgt am Samstag, 15. Juni, ab 20 Uhr sowie als Wiederholung am Sonntag, 16. Juni, ab 20.30 Uhr.

Ferdinand von Schirach war zu Gast bei "Augsburger Allgemeine Live". Im Video spricht der Schriftsteller über sein neues Buch "Kaffee und Zigaretten", seine Wahrnehmung des Erfolgs und seine Leidenschaft für Zigaretten.
Video: Stefanie Dürr
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