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Europawahl 2019

26.05.2019

Daten, Zahlen, Menschen: So europäisch ist Augsburg

Europatag
3 Bilder
Mit einer Veranstaltungsserie wurde in Augsburg für die Europawahl am Sonntag geworben.
Bild: Michael Hochgemuth

In der Stadt leben fast 60.000 Menschen, die aus anderen Ländern der Europäischen Union stammen. Vor der Wahl am Sonntag erzählen sie, was sie bewegt und besorgt.

Freies Reisen, offene Grenzen und vor allem freies Arbeiten: Sich aussuchen zu können, wo man lebt und arbeitet, schätzen viele Europäer. So auch diejenigen, die sich in Augsburg niedergelassen und mit uns über „ihr“ Europa gesprochen haben. Aber sie sind nicht nur überzeugte Europäer, sondern zurzeit auch besorgte. Die Lage in ihren Heimatländern und ganz Europa finden viele problematisch.

298.255 Personen waren zum Jahresende 2018 in Augsburg gemeldet. Wie groß der Anteil der EU-Bürger ist, hat das Amt für Statistik und Stadtforschung kurz vor der Europawahl zusammengefasst. Fast 31.000 Augsburger sind so genannte EU-Ausländer, die keinen deutschen Pass haben. Hinzu kommen noch rund 25.000 Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft und einem EU-Migrationshintergrund – sie haben also ihre Wurzeln in einem anderen Land. In der Summe sind das in Augsburg dann rund 56.000 Menschen.

 

Deutsch-Italienerin wünscht sich mehr Zusammenhalt

Die Theaterregisseurin Gianna Formicone kam vor 14 Jahren über das Austauschprogramm Erasmus aus Italien nach Augsburg. Rechtsextremismus und populistische Strömungen in ihrem Heimatland beunruhigen die 38-Jährige. Zwar könne sie die EU-kritische Haltung zum Beispiel bei der Flüchtlingsthematik nachvollziehen, da Italien damit von anderen EU-Ländern allein gelassen werde. Doch sie sei ein „Kind der europäischen Entwicklung“, profitiere von der EU. Die Deutsch-Italienerin mit der doppelten Staatsbürgerschaft ist besorgt um die momentane Rückwärtsgewandtheit, darüber, dass wieder Mauern hochgezogen werden, ob konkret oder symbolisch. Von der EU erwartet sie, „dass man mehr zusammenhält, dass die Länder das Gefühl haben, dass sie eins sind und nicht von einem oder zwei Ländern regiert werden“. Dafür wird Formicone bei der Wahl einstehen.

Karolina Dzionsko geht wählen, weil „ich es als Privileg und Pflicht sehe“, sagt die 32-jährige Verwaltungschefin einer Steuerkanzlei. Für die gebürtige Polin, die 1991 mit vier Jahren nach Augsburg kam, steht Europa für Stabilität, Sicherheit und Freiheit. Allerdings sieht sie diese Werte immer mehr schwinden. Resignation kommt für sie aber nicht infrage. Als SPD-Mitglied liegt es ihr gewissermaßen in den Genen, sich politisch zu äußern. Zentral für Dzionsko ist das Thema Klimawandel. Daher würde sie der zukünftigen EU-Regierung raten: „Hört auf unsere Kinder!“

Karolina Dzionsko
Bild: Kristina Beck

Was einen Ungarn vor der Europawahl wundert

Auch Ferenc Horváth ist unzufrieden: „Ich bin für mehr Gemeinsamkeit, mehr Solidarität, mehr Vielfalt und mehr Offenheit, weniger Engstirnigkeit und weniger Vorurteile.“ Er kritisiert die wirtschaftliche Ungerechtigkeit, mangelnde Solidarität unter den Ländern und den wachsenden Populismus. Dies und die mediale Steuerung sieht er für Ungarn als großes Problem. Der 38-jährige IT-Systemadministrator kam 1980 als Sohn eines ungarischen Gastarbeiters und einer Deutschen in der DDR auf die Welt. Wenige Jahre danach zog die Familie nach Ungarn, 1988 flohen die Eltern mit ihren vier Kindern nach Deutschland. Mit 21 Jahren kam Horváth beruflich nach Augsburg. Er reist oft nach Ungarn und wundert sich, wie ein Staatschef, der beim Lügen erwischt worden sei, immer noch gewählt wird. Trotz allem hofft er, Europa durch die Wahl zum Positiven zu verändern.

Aus den bevölkerungsreichsten Ländern innerhalb der EU – das sind nach Deutschland Frankreich und Großbritannien – kamen eher wenige Menschen nach Augsburg: 677 Franzosen und 356 Briten. Letztere zählen nicht mehr zu den EU-Bürgern, wenn es zum Brexit kommt und Großbritannien aus der Europäischen Union ausscheidet.

Beim Thema Brexit schüttelten seine Verwandten und Freunde in Nordirland den Kopf, sagt Philip Blain, der dort aufwuchs. Die Nordiren hätten gegen den Brexit gestimmt. „Niemand will wieder eine Grenze in Irland und dafür setzt sich die EU ein“, sagt er. Der 53-Jährige studierte Deutsch und Französisch in Cambridge und kam vor 30 Jahren nach Augsburg, um an der Berufsfachschule Inlingua Englisch zu unterrichten. Inzwischen ist er stellvertretender Schulleiter.

Philip Blain
Bild: Stephanie Lorenz

Europa bestehe aus vielen kleinen Ländern, die gegen Großmächte wie China, USA oder Indien bestehen müssten. „Zusammen sind wir stärker und können viel mehr erreichen“, sagt er. Mit Großbritannien könne er sich nicht mehr so gut identifizieren, sei doppelter Staatsbürger und wähle in Deutschland. Er wünscht sich, „dass man sieht, was Europa gebracht hat. Frieden vor allem“. Wie zwischen Nordirland und Irland.

Alina Reids Vater stammt aus der Republik Irland. Die 19-Jährige selbst ist in Deutschland geboren und lebt seit 2016 in Augsburg. Bald möchte die Philosophiestudentin dort hinziehen. Sie steht der EU positiv gegenüber und glaubt nicht, dass die Länder als Einzelstaaten besser dran wären. Doch die EU müsse sich der Zeit anpassen.

Der gebürtige Däne Martin Larsen erwartet von der Europäischen Union in Zukunft, dass sie sich klar für europäische Werte einsetzt, auch wenn das nicht immer einfach ist: „Europa emanzipiert sich und das trotz so mancher Störenfriede ohne Demokratiegedanken.“ Der 57-jährige Goldschmied kam 1985 nach Deutschland, seit 1993 lebt er in Augsburg. Er sagt: „Ich bin absoluter Europäer und gehe auf jeden Fall zur Wahl.“

Lesen Sie dazu auch: Warum Augsburg nur noch langsam wächst

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