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Augsburg

10.12.2018

Der rätselhafte Prostituiertenmord und die Frage der Erinnerung

So berichtete unsere Zeitung im Jahr 1993 über den Mord an Angelika Baron. Ihre Leiche war in Gessertshausen nahe der Bahnlinie gefunden worden.
Bild: Bernd Hohlen, Repro

Vor dem Landgericht sagen nun erste Zeugen aus, die 1993 mit dem Fall Angelika Baron zu tun hatten. Es wird deutlich, welche Probleme ein "Cold Case" mit sich bringt.

Zwischendrin verliest Richterin Susanne Riedel-Mitterwieser eine Liste mit Namen. Es sind Namen von Zeugen, die zur Aufklärung des Falles möglicherweise etwas hätten beitragen können, um den es hier geht. Die genannten Personen allerdings sind im Lauf der vergangenen 25 Jahre gestorben. Eine Frau bereits 1997, andere erst vor drei, vier Jahren oder in diesem Jahr. Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang in einem Strafprozess, dass eine solche Liste derart lang ist, acht Namen. Aber es ist auch ein ungewöhnlicher Fall.

Mord an Angelika Baron: Manche Zeugen sind tot, andere erinnern sich nicht mehr

Das Verbrechen, das hier am Landgericht verhandelt wird, hat sich bereits im September 1993 abgespielt, mehr als ein Vierteljahrhundert ist das her. Damals wurde die Augsburger Prostituierte Angelika Baron umgebracht; der Täter schlug mit einem stumpfen Gegenstand auf sie ein, ehe er sie erwürgte und ihren Leichnam in einem Graben bei Gessertshausen ablegte. Erst im November 2017 wurde wegen Mordverdachtes ein Mann verhaftet, der nun vor der Schwurgerichtskammer angeklagt ist: Stefan E., 50 Jahre alt, gelernter Maler, zuletzt arbeitslos. Mehrere Indizien sprechen aus Sicht der Ermittler dafür, dass er der Mörder ist, darunter DNA-Spuren.

Stefan E. hatte die Vorwürfe im vergangenen Jahr bestritten. Vor dem Landgericht schweigt er bislang. Dass es ein mühsamer Indizienprozess werden könnte, hatte sich bereits vor Start des Gerichtsverfahrens abgezeichnet.

Der rätselhafte Prostituiertenmord und die Frage der Erinnerung

Am zweiten Verhandlungstag am Montag zeigte sich nun, welche Hürden es gibt, wenn ein „Cold Case“ wieder warm wird und vor Gericht landet. Nicht nur, weil manche Zeugen nach so langer Zeit tot sind. Sondern auch, weil manche Zeugen sich schlicht nur noch wenig erinnern. Geladen an diesem Tag: Menschen, die früh am Fundort der Leiche waren, also vor allem damalige Polizisten; einige von ihnen sind längst im Ruhestand.

Manche Notizen über Zeugenaussagen zum Prostituiertenmord sucht man vergebens

Ein 72-jähriger Pensionist, der 1993 beim Erkennungsdienst der Polizei arbeitete, kommt gestützt auf einen Rollator in den Gerichtssaal. Er weiß noch, dass er Fotos vom Fundort machte, erinnert sich an die Leiche, an einen hölzernen Möbelfuß und Kondome, die ebenfalls in dem Graben lagen. Aber ansonsten erinnert er sich nicht mehr an viel. „Das weiß ich nicht“, sagt er auf mehrere Fragen des Gerichtes.

Ein weiterer ehemaliger Beamter, seit fünf Jahren im Ruhestand, erstellte damals verschiedene Berichte und fertigte Skizzen des Fundortes an, muss aber erst in den Akten blättern, ehe er dazu etwas sagen kann. Dann berichtet er von „Würgemalen am Hals“ des Opfers, davon, dass ein 100-Mark-Schein zwischen zwei Socken gefunden wurde, die Angelika Baron übereinander trug. Es ist kein unwichtiges Detail. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter an die Einnahmen der Prostituierten gelangen wollte, auch an jene 100 Mark. Unter anderem, so die These der Ermittler, wollte Stefan E. davon Drogen kaufen.

Der Notarzt, der damals vor Ort war, lässt sich entschuldigen: Er kann aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen, hat aber einen Brief an das Gericht geschrieben. Der Mediziner war damals mittags zu einer „leblosen“ Person gerufen worden, er konnte nur noch den Tod Angelika Barons feststellen, der wohl schon einige Stunden zurücklag.

Gefunden worden war die Leiche der Prostituierten von einem 16-jährigen Jugendlichen, der mit seinem Hund im Bereich der Bahnunterführung unterwegs gewesen war. Heute ist der damalige Jugendliche ein 41-jähriger Mann. An einige Details kann er sich sehr genau erinnern. Manches, so scheint es, brennt sich ein. „Ich dachte, es ist jemand, der überfahren wurde oder vor dem Zug gesprungen ist“, sagt der Mann. Er habe auch gedacht, dass die Person vielleicht noch am Leben sein könnte. „Wie ein Irrer“ sei er heimgehetzt, die Mutter griff dann zum Telefon. Der Zeuge sagt, er glaube, damals noch einmal mit der Polizei geredet zu haben, und eigentlich ist es auch unwahrscheinlich, dass die Ermittler jemanden nicht noch einmal befragen, der als Erstes auf eine Leiche gestoßen ist, zumal in einem Mordfall. Doch in den Akten findet sich: nichts. Kein Hinweis, dass es ein Gespräch zwischen Polizisten und dem Jugendlichen gegeben hat. Wie das zusammenpasst, ist noch ungeklärt. In den kommenden Verhandlungstagen werden das Umfeld des Opfers und des Angeklagten beleuchtet.

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