Newsticker
Gesundheitsminister wollen Besuchseinschränkungen in Senioren- und Pflegeheimen lockern
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Die Augsburger Synagoge wird 100 – das grenzt an ein Wunder

Augsburg

28.06.2017

Die Augsburger Synagoge wird 100 – das grenzt an ein Wunder

Eine der letzten Synagogen im orientalisch-byzantinischen Stil ist die Augsburger Synagoge.
Bild: Ulrich Wagner

Es ist kaum zu glauben, wie schön die Synagoge im Stadtzentrum ist. Heute wird das Jubiläum des jüdischen Prachtbaus gefeiert. Aber die Freude ist nicht ungetrübt.

Als Josef Strzegowski an diesem Morgen in den Innenhof der Augsburger Synagoge in der Halderstraße tritt, hört er das Kreischen einer Bohrmaschine. Hohe Töne wechseln sich mit dumpfen ab. Es wird lauter, je näher er der sogenannten Kleinen Synagoge kommt.

Zum 100. Geburtstag kommt der Bundespräsident

Die Tür steht offen. Strzegowski, Jahrgang 1955, Kippa auf dem Kopf, tritt in den Gebetsraum, der ihm seit Jahrzehnten so vertraut ist. Ihm, dem Gabbai der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg. Der Gabbai bereitet die Gottesdienste vor und unterstützt den Rabbiner. Jetzt in der Früh schaut er nach den Schabbat-Kerzen, mit deren Entzünden freitagabends der Gottesdienst beginnt. Er schaut nach, ob die elektronische Gedenktafel für die Verstorbenen wieder funktioniert. Mitglieder der Gemeinde haben sie von der Wand genommen und auf die Holzstühle davor gelegt. Einer bohrt ein Loch in die Wand, ein anderer hält einen Becher darunter, um den Staub aufzufangen. Sie unterhalten sich auf Russisch.

Nur noch wenige Tage sind es da bis zum Festakt "100 Jahre Synagoge Augsburg", es ist also noch viel zu tun. Absprachen mit den Sicherheitsbehörden, dem Roten Kreuz, den Stadtwerken. Auch mit dem Bundespräsidialamt, denn das Staatsoberhaupt Frank-Walter Steinmeier wird am Mittwoch zu der Veranstaltung erwartet.

Ein besonderer Tag für die Friedensstadt Augsburg

Dies wird ein besonderer Tag sein für Josef Strzegowski und die Israelitische Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg, für die Friedensstadt Augsburg, für Bayern, ja für ganz Deutschland. Am 4. April 1917 war die Synagoge eingeweiht worden. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie von den Nazis entweiht, geschändet, demoliert, in Brand gesteckt – und das Feuer wieder gelöscht. Als einzige Großstadt-Synagoge Bayerns überstand sie das Dritte Reich. Es grenzt an ein Wunder. Albert Dann, der letzte Synagogenkommissar, vermutete, die Nazis hätten mit dem imposanten Bau noch etwas vorgehabt – vielleicht ein Museum für "entartete Kunst". Gleichzeitig gab es Erzählungen, wegen einer gegenüberliegenden Tankstelle und der Gefahr für Nachbarhäuser sei die Feuerwehr angerückt. Verrußt und verwahrlost blieb der Kultraum für Jahre liegen.

Josef Strzegowski (links) in der Augsburger Synagoge. Neben ihm Dr. Christina Drexel.
Bild: Marcus Merk

Das Gebäude wurde bei seiner Einweihung im Kriegsjahr 1917 als ein Werk "von hervorragender kunstgeschichtlicher Bedeutung und als geistiger Ausdruck deutschen Judentums" gefeiert. Zeitgenossen verschlug es die Sprache bei seinem Anblick. Die ausladende kreisrunde Kuppel des Zentralbaus, die auf vier Bögen ruht, verleiht der Synagoge die Majestät byzantinischer Bauten. Nur gedämpft fällt das Tageslicht durch die Fenster mit ihren Ornamenten. Im Halbdunkel blinkt ein Kranz kleiner Lampen wie ein Sternenfeld. Die Aufmerksamkeit der Besucher wird auf den heiligen Bezirk gelenkt, auf eine Stufenanlage hinauf zum Lesepult und weiter zum Schrein mit den Thorarollen. Zwei Säulen und eine Apsis mit goldglänzendem Mosaik heben den Ort, an dem Gottes Wort vorgetragen und in Ehren gehalten wird, zusätzlich hervor.

Josef Strzegowski spielte schon als Kind in der Ruine der Synagoge

Josef Strzegowski, in der Stadt bekannt als Leiter des Klezmer-Ensembles Feygele, kam 1958 aus Polen hierher. Damals war er ein kleiner Bub. "Der Zufall hat uns an diesen Ort geschmissen", sagt er, "und Augsburg wurde zu unserer Heimat." Als Kind spielte er in der Ruine der Synagoge. Bis zur Kuppel kletterte er hinauf. Er wusste, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Wie schrecklich die Nazis mit den Juden umgegangen waren, ahnte er da noch nicht. Später habe er manches gehört und sich seinen Reim darauf gemacht. Erst 1965 oder 1966 habe sein Vater erzählt, was ihm angetan worden war – wenn auch nicht alles. "Episoden", wie es Strzegowski nennt. "Für mich war das auch eine Katastrophe. Es beschäftigt mich bis heute", sagt er mit fester Stimme.

Als markantes Gebäude wurde die Augsburger Synagoge an den Boulevard zwischen Königsplatz und Hauptbahnhof platziert.
Bild: Ulrich Wagner

Eine Episode spielt im Konzentrationslager Plaszów bei Krakau. Jenes KZ, das hauptsächlich mit seinem Kommandanten Amon Göth in Verbindung gebracht wird, genannt "Der Schlächter von Plaszów".

Die Geschichte von einem Stück Butter und brutaler Folter

Wer Steven Spielbergs Kinofilm "Schindlers Liste" gesehen hat, wird die Szene nicht aus dem Kopf bekommen, in der Göth mit nacktem Oberkörper und Zigarette im Mund auf dem Balkon seiner Villa steht und durchs Zielfernrohr seines Gewehrs das KZ zu seinen Füßen absucht. Wie er die Zigarette aufs Balkongeländer legt, den Zigarettenrauch aus seinem Mund bläst, das Gewehr erneut hochnimmt... In der nächsten Einstellung das zischende Krachen eines Schusses, der eine Frau in den Kopf trifft.

Die "Episode", die Josef Strzegowski jetzt erzählt und die ihn nach wie vor verfolgt, handelt von einem Stück Butter und brutaler Folter. Seinem Vater war vorgeworfen worden, einem SS-Offizier ein Stück Butter gestohlen zu haben. Er sei dann zusammengeschlagen und in ein Loch gezwungen worden. Das sei mit einem Deckel verschlossen worden. Nach drei Tagen habe man nach seinem Vater geschaut, er habe gelebt. Drei weitere Tage habe er durchgehalten. "Er hatte einen außergewöhnlichen Lebenswillen." Der Vater habe während seiner Zeit in Plaszów Telegrafenmasten aufbauen müssen. "Vernichtung durch Arbeit", sagt Strzegowski.

1985 wird die Synagoge in Augsburg wieder eingeweiht

Im Innenhof übertönt eine vorbeifahrende Straßenbahn die Bohrgeräusche aus der Kleinen Synagoge. Aus jenem Gebäudeteil also, in dem die Augsburger Juden von 1963 an zum Gebet zusammenfinden konnten. Erst nach ihrer Wiedereinweihung am 1. September 1985 war dann auch die restaurierte Große Synagoge, der Zentralbau mit seiner 29 Meter hohen Kuppel, wieder das beeindruckende Gotteshaus, das es einst gewesen war.

Die Architekten Heinrich Lömpel und Fritz Landauer hatten sich in drei Stilen für ihren Entwurf eines modernen, urbanen jüdischen Sakralbaus bedient. Sie kombinierten orientalische Elemente mit der Formensprache der Neuen Sachlichkeit und zierten die Synagoge mit Anleihen im Jugendstil aus. Dies verleiht ihrer Architektur Ernst und Würde und andererseits spielerischen Witz. Etwa in der Symbolisierung der zwölf Stämme Israels mit einem gesattelten Kamel, einer Meeresbarke mit geblähtem Segel, einem gestreckten, schlanken Löwen. In den Zwickeln lodern Opferflammen, im Apsismosaik ranken sich Akanthus und Wein um die Gesetzestafeln, die zwei Seraphine beschirmen.

In der Synagoge prangt auch der Augsburger Pinienzapfen

Jahrzehnte hatte sich die wachsende Israelitische Kultusgemeinde mit der Frage einer neuen Synagoge herumgeschlagen. Immer enger war es in der ersten, 1858 bezogenen Versammlungsstätte in der Altstadt geworden. An Feiertagen konnte sie kaum drei Fünftel der 1200 Gemeindemitglieder fassen, verdeutlichte Rabbiner Richard Grünfeld die Not. Doch der Vorstand hegte Zweifel, ob man die erhebliche Investition würde schultern können – mochte auch der Israelitische Frauenverein 1891 für den Neubau 10.000 Mark gespendet haben. Im Jahr 1900 drängte der Stadtrat, "eine der Größe und dem Wohlstande der hiesigen Gemeinde entsprechende neue Synagoge zu erbauen".

Blick in die Augsburger Synagoge.
Bild: Annette Zoepf

Der Komplex sollte das Bild eines neuen Boulevards nahe des Hauptbahnhofs bestimmen. Zwei stattliche Flügel flankieren den Hof mit dem zurückgesetzten Kuppelbau. Und wenn im Bodenmosaik der Davidstern den Augsburger Pinienzapfen einrahmt und in Stein das erste Siegel von 1296 der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde prangt, wollen diese Zeichen selbstbewusst sagen: Wir sind Augsburger.

Josef Strzegowski hat die Synagoge sofort tief beeindruckt, als er sie zum ersten Mal sah. Seine Faszination hat nie nachgelassen. Sein Leben ist mit der Synagoge verbunden, mit der Stadt. Aber nicht unbedingt mit Deutschland. 2003 starb sein Vater in Augsburg, er hatte ihn gepflegt. Dieser ist der Grund dafür, dass Strzegowski überhaupt wieder hier ist. "Eigentlich war ich schon ausgewandert", sagt er. Von 1989 bis 1997 lebte er in Israel. Wie sein Vater es war, so ist auch er hin- und hergerissen. Zwischen dem Traum vom Leben in Israel und dem Leben in Augsburg, das "eine Art Sicherheit" und Normalität bietet.

Sein Vater, ein Webermeister, hatte in einer polnischen Fabrik Ärger bekommen. "Mir wird niemand mehr im Leben Befehle geben", habe er gesagt, erzählt Strzegowski. Und so seien sie aus Polen in Richtung Westen gereist. Weg von den Kommunisten. Strzegowski sagt: "Ich würde gerne nach Israel und dort meinen Lebensabend verbringen." Vielleicht irgendwo am Meer.

Die meisten Gemeindemitglieder sind russischstämmig

Inzwischen sitzt er im Büro von Alexander Mazo im Verwaltungstrakt der Synagoge. Mazo ist wie Strzegowski im Jahr 1955 geboren, im usbekischen Taschkent. Der Jurist ist Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg. Eines der größten, prägenden Projekte werde in den kommenden Jahren die Generalsanierung der Synagoge sein, sagt er. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber das Haus ist in einem baulich sehr schlechten Zustand. Verrostete Stahlträger im Eingangsbereich, feuchte Wände. Elektrik, Wasser- und Abwassersystem sowie die Heizung müssen erneuert werden, hat das Staatliche Bauamt festgestellt.

Die Gemeinde befindet sich in einer Übergangsphase. Die Zielvorstellung lautet: "Ein friedliches Augsburg, in dem Menschen jüdischen Glaubens sich zu Hause fühlen", sagt Mazo. Es gibt immer wieder Momente, da fühlen sich manche der mehr als 1300 Mitglieder – die meisten russischstämmig – davon weit entfernt. Etwa als Jugendliche ein Gemeindemitglied beschimpften, das mit der Kippa auf dem Kopf über den zentralen Königsplatz lief. Oder als im Juli 2014 Hunderte auf dem Rathausplatz für ein "freies Palästina" demonstrierten und unter anderem "Israel Terrorist" skandiert wurde. Türkischstämmige Jugendliche hätten "Juden ins Gas" geschrien, sagt Alexander Mazo. Zehn Gemeindemitglieder hätten ihn deshalb gefragt: "Sollen wir unsere Sachen packen?"

Josef Strzegowski trägt keine Kippa in der Stadt

Josef Strzegowski ergänzt, dass er nicht mit Kippa in der Stadt umherlaufe, er wolle keine Konflikte provozieren. Seine Halskette mit Davidstern trägt er gleichwohl über dem Hemd, auch wenn sein Vater ihm davon abgeraten hat.

In einem kleinen Raum gegenüber von Mazos Büro schenkt er sich nun eine Tasse Kaffee ein. Durchs Fenster sieht er den Kuppelbau der Synagoge, den Efeu, der an der Südseite wächst. Noch wenige Tage bis zum Festakt, noch viel zu tun. Strzegowski blickt durchs Fenster, in Gedanken scheint er in diesem Moment bei seinem Vater zu sein. Da sagt er diese Worte: "Die Synagoge hat schon viele Menschen kommen und gehen sehen. Die Synagoge ist geblieben." Worte, die in eine Rede auf dem heutigen Festakt passen würden. Wie der Satz des Architekten und Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, Salomon Korn: "Wer ein Haus baut, will bleiben."

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren