Bildung

03.02.2011

Die Wachstums-Schulen

Während andere über den Schülerrückgang grübeln, platzen FOS und BOS aus allen Nähten. Sie ermöglichen einen anderen Weg zum Abitur – und inzwischen sogar zur Universität. Doch am Geld fehlt es auch hier

Wenn an der Staatlichen FOS/BOS Augsburg Infoabend ist, kommen bis zu 800 Schüler und Eltern – pro Termin wohlgemerkt, es gibt nämlich zwei. Die Aula ist voll, der Vortrag in einem anderen Raum so begehrt, dass Leute vom Gang aus zuhören. Schülerrückgang? An den Beruflichen Oberschulen in Augsburg und Umgebung ist das noch lange kein Thema. Konrad Maurer, Ministerialbeauftragter für FOS/BOS in Südbayern sowie Direktor der Staatlichen FOS/BOS in Augsburg, sagt: „Bayernweit haben sich die Schülerzahlen in zwölf Jahren nahezu verdoppelt.“ Er rechnet damit, dass sich heuer wieder 1000 junge Leute anmelden.

FOS und BOS, das bedeutet Fachoberschule und Berufsoberschule. Zusammen spricht man von den Beruflichen Oberschulen. Sie ermöglichen das Abitur auf einem anderen Weg – die FOS in zwei oder drei Jahren nach Mittlerer Reife an Haupt- oder Realschule beziehungsweise der zehnten Klasse Gymnasium, die BOS in einem Jahr nach abgeschlossener Berufsausbildung. Praktika inbegriffen.

Seit es die FOS 13 gibt, kann man ein Abitur machen, das nicht nur fürs Fachholschulstudium qualifiziert, sondern für jede Universität. Theoretisch kann so ein Hauptschüler, der über den M-Zug die Mittlere Reife erlangte, nach drei Jahren FOS studieren, was er will – und irgendwann sogar Medizinprofessor werden. Ein harter Weg, aber ähnliche Beispiele gibt es.

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Deswegen wird Maurer ärgerlich, wenn es heißt, in Bayern sei das schulische Schicksal eines Kindes in der fünften Klasse besiegelt. Er sieht FOS und BOS als Möglichkeit für Spätzünder, für junge Menschen, denen die Lehre Lust auf Karriere und Qualifikation macht, für Kinder aus Zuwandererfamilien, die nach vier Jahren deutscher Grundschule noch nicht genug Sprachkenntnisse fürs Gymnasium hatten. Die Migrantenquote unter den Schülern liege mit gut 40 Prozent über der von Realschulen und Gymnasien.

Die Augsburger FOS/BOS ist größte Schule der Stadt. Sie hat 1700 Schüler – weit mehr, als sie räumlich verkraften kann. Die 120 Lehrer können nicht einmal gemeinsam im Lehrerzimmer konferieren, Physik-Lehrsäle mussten in Klassräume verwandelt werden, mehrere Zimmer in der benachbarten Reischleschen Wirtschaftsschule wurden ausgeliehen, es gibt zwei Wanderklassen. Dieses Schuljahr retteten die Nachbarorte Friedberg und Neusäß die Einrichtung vor dem Kollaps, indem sie mehrere zusätzliche Klassen aufnahmen. 1970 wurden die Fachoberschulen in Bayern ins Leben gerufen – Augsburg war dabei. Ende der 70er zog die Schule an den Alten Postweg im Stadtteil Hochfeld. Maximal 1300 Schüler kann der vierstöckige Bau laut Maurer verkraften. Als es Ende der 90er-Jahre 1900 waren, gründete man die Staatliche FOS in Friedberg. Die Zahlen stiegen. 2004 kam die Staatliche FOS Neusäß dazu. Die Zahlen stiegen.

Direktor Maurer und Gerald Fähndrich, Mitarbeiter der Schulleitung, sehen den Grund für den Andrang in der immer lauter werdenden Forderung nach mehr Akademikern, höheren Bildungsabschlüssen, Qualifikation. Lange wurde geunkt, die schlechte Lehrstellensituation mache die FOS so beliebt – offenbar nicht, denn Lehrstellen gibt es wieder mehr, aber die FOS boomt weiter. Natürlich machen sich auch wirtschaftliche Zyklen bemerkbar, räumt Maurer ein: „Ist die Lage schlecht, gehen mehr junge Leute auf die BOS, weil sie nach der Lehre nicht übernommen werden.“ Aber der Trend sei nicht nur von diesen Faktoren abhängig. Der Geburtenrückgang kommt an Beruflichen Oberschulen erst später an, denn das Alter der Schüler reicht von 16 bis 26 (im Extremfall sogar bis 50 Jahre).

Daher freuen ihn die Neugründung einer BOS an der FOS Friedberg (Technik, Wirtschaft, Soziales) im kommenden Schuljahr und die geplante BOS an der FOS Neusäß zum selben Zeitpunkt. In Neusäß soll, wenn das Interesse reicht, neben Sozialwesen der Zweig Agrarwirtschaft, Bio- und Umwelttechnologie angeboten werden, den es bislang in Schwaben nicht gibt. Das Einzugsgebiet wäre daher groß. Für die Exotenfachrichtung „Gestaltung“ kommen Schüler bis aus Lindau nach Augsburg.

Skeptisch sieht Maurer dagegen Bestrebungen, im Süden des Kreises Augsburg eine neue FOS aus dem Boden zu stampfen. Während es in Friedberg und Neusäß Schulen gebe, an welche die BOS andockt, bräuchte eine totale Neugründung aus finanziellen und organisatorischen Gründen mindestens 500 Schüler und zwei Klassen pro Zweig, rechnet Maurer vor. Dem gibt er wenig Chancen. Ende Februar läuft eine Probeeinschreibung.

Unabhängig von den Staatlichen Beruflichen Oberschulen gibt es an der Haunstetter Straße in Augsburg eine städtische BOS. Sie bietet nur den Zweig Technik an und ist Ergebnis einer Strukturreform 1997. Zuvor war die ganze BOS städtisch.

Die Stadt Augsburg ist außerdem Sachaufwandsträger der Staatlichen FOS/BOS. Sie zahlt für Schulhaus, Reparaturen und Ausstattung. Wie an den meisten Schulen ist das ein wunder Punkt. Es fehlt an Geld, und wenn es da ist, fließt es in Dinge, von denen die Schüler kaum etwas haben. So wird heuer eine siebenstellige Summe in den Brandschutz gesteckt. Gleichzeitig tropft es in dem 1970er-Jahre-Betonflachbau immer noch durchs Dach auf die Bücher in der Bibliothek.

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