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Diedorf/Augsburg

25.02.2016

Ein Arzt für Kinder – und viel mehr

Dr. Martin Lang ist nicht nur Kinderarzt mit Leib und Seele, er engagiert sich auch auf politischer Ebene. Der 53-jährige Diedorfer ist unter anderem Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte.
Bild: Marcus Merk

Kinderarzt Dr. Martin Lang über Kindergesundheit, besorgte Eltern und Neuerungen in der Medizin. Und warum er beinahe Frauenarzt geworden wäre.

Vor dem Vorstellungsgespräch wollte der Chefarzt erst einmal Tore sehen. Schließlich galt es, für das Fußballteam der Uniklinik München gegen die Kollegen aus Regensburg zu gewinnen, und da kam der junge Mediziner Martin Lang gerade recht. Er hatte seine Bewerbungsmappe für die Haunersche Universitätskinderklinik München ohne große Hoffnung beim Pförtner abgegeben, denn eigentlich hatte er bisher seinen Ausbildungsschwerpunkt in der Frauenheilkunde. Doch statt der Absage kam der Anruf vom Chefarzt mit der Frage: „Können Sie am Samstag mit uns Fußball spielen?“

„Ich war total perplex und sagte zu, in der Hoffnung auf eine ärztliche Anstellung in der Klinik“ erinnert sich Lang. Das Spiel ging verloren, die Stelle hingegen ging klar. Und so begann Langs Karriere als Kinderarzt. Heute hat er nicht nur eine große Praxis in Augsburg mit angestellten Ärzten und einer Filiale in Schwabmünchen. Der 53-jährige Diedorfer vertritt seit sechs Jahren als Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) auch die Interessen von 1800 Kinder- und Jugendärzten in Bayern und arbeitet ständig an der Verbesserung der Versorgung der kleinen Patienten und der Rahmenbedingungen für die Mediziner. So wurde Dr. Martin Lang 2014 und 2015 mit einem bayerischen Gesundheitspreis ausgezeichnet. Außerdem hat Lang, der auch mit Homöopathie arbeitet, ein Fachbuch für Ärzte und zwei Elternratgeber geschrieben.

Geprägt hat Martin Lang der Zivildienst im Krankenhaus – „eine tolle Zeit, die mich richtig stark gemacht hat fürs Leben“. Nun bildet Dr. Lang seit 16 Jahren selbst junge Mediziner aus – nach der Klinikzeit arbeiten sie bei ihm ein paar Jahre in der Praxis mit. Rasch kann aber an einem ganz normalen Praxistag aus Routine Akutmedizin werden: Eine afrikanische Frau kommt mit drei schwerkranken Kindern in die Praxis – viel zu spät, aber die Frau hat keine medizinischen Vorkenntnisse und wusste nicht, was zu tun ist. Die Kinder weinen, eins hat hohes Fieber. Die Mutter spricht kein Deutsch, eine Nachbarin begleitet sie und hilft so gut sie kann.

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Dr. Lang hat die Kinder untersucht, nun hängt er am Telefon: Die Babys müssen umgehend ins Josefinum eingewiesen werden, sie leiden an einer schweren Form von Bronchitis. „Und die Mutter kann auch mit? Prima, vielen Dank!“ Dr. Lang legt auf, ist erleichtert: Die Mutter wird mit ihren Kindern stationär aufgenommen. Mit Händen und Füßen erklärt der Arzt der Mutter, wie es nun weiter geht.

Der Kinderarzt muss heutzutage jedoch mehr leisten als medizinische Versorgung: „Die Behandlungsintensität ist viel höher als früher“, beobachtet Dr. Lang nach 20-jähriger Erfahrung in der eigenen Praxis. Die Probleme sind oftmals komplex: Ein Mädchen isst schlecht, ein Junge zeigt sich in der Schule verhaltensauffällig und hat Konzentrationsstörungen, ein anderer wird nach der Trennung der Eltern zum Bettnässer – in all diesen Fällen ist der Kinderarzt erster Ansprechpartner.

Gerade berufstätige Frauen hätten manchmal Angst, keine gute Mutter zu sein und neigen zu übertriebenen Maßnahmen, die aufgrund des angespannten Zeitplans auch rasch greifen müssen. „Heutzutage können viele Eltern nicht mehr tagelang ein krankes Kind zuhause pflegen, Suppe kochen und die ganze Nacht Wadenwickel machen“, weiß der Kinderarzt. Der Alltag ist durchorganisiert, aber ist das Kind krank, bricht oft alles zusammen: „Das ist ein enormer Druck.“ Oft sieht er bei sich im Sprechzimmer Mütter, die selbst dringend Erholung bräuchten.

Und manchmal haben Eltern hohe Ansprüche, aber wenig Zeit. Sie haben die Diagnose bereits im Internet recherchiert und verlangen die entsprechende Verordnung – sei es Ergo-, Logo-, Physio- oder Psychotherapie oder eine Überweisung zu anderen Spezialisten. In solchen Fällen fühlt sich Dr. Lang als „Wächter und Fürsprecher für die Kinder, ein Lotse durch die Kindheit und Jugendzeit“.

Er sei seiner Frau heute noch dankbar, dass sie mit den drei Kindern zuhause geblieben ist. Zudem wusste sie als gelernte Kinderkrankenschwester immer, was zu tun ist. „Die Kinder hatten nur Angst, ob ich wieder eine Spritze mitbringe, wenn ich nach Hause kam“, lacht der 53-Jährige. Mit seinem klassischen Familienmodell hatte Dr. Lang den Rücken frei für den stetigen Ausbau seiner Arztpraxis.

Nun kommt sein Engagement in der Berufspolitik noch hinzu. So fliegt er wochentags um 7 Uhr nach Berlin für eine Besprechung, mittags zurück, um dann wieder um 15 Uhr zur Sprechstunde in der Praxis zu sein. Drei Wochenenden im Monat sei er im Schnitt unterwegs zu den Gremien, denn inzwischen sitzt Dr. Lang auch im Bundesvorstand des Berufsverbands und hat den Vorsitz im Länderrat, dem Gremium aller Landesvorsitzenden.

Seine eigenen Kinder waren glücklicherweise nie schwer krank, als sie klein waren. Ob dann auch dem nüchternen Mediziner die wissenschaftliche Distanz fehlt? Martin Lang schmunzelt: „Die Geburten meiner Kinder waren ein Martyrium für mich“, gibt er zu: „Ich brauchte fast mehr Zuspruch als meine Frau, aber der Chefarzt hat sich rührend um mich gekümmert!“ Vor allem beim ersten Kind war er so ängstlich, dass er seine Frau nach dem Blasensprung vom Auto bis in den Kreißsaal getragen hat. Denn aus seiner Zeit auf der Neugeborenen-Intensivstation wusste er, was bei einer Geburt schief gehen kann.

Er ist dankbar für die Erfahrungen. „Wenn man das einmal selbst erlebt hat, kann man diese Gefühle besser verstehen.“ Apropos Gefühle: Wegen einer früheren Freundin wechselte Lang von der Frauen- zur Kinderheilkunde: Damals waren fast alle Frauenärzte männlich, das fand die Feministin untragbar. Das hat Lang nie bereut.

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