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Stadtentwicklung

17.02.2018

Ein Nazi-Bau und seine Zukunft

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Einige Tore der alten Halle 116 sind inzwischen bunt angestrichen, insgesamt ist aber noch viel originale Bausubstanz vorhanden. Das Gebäude war im Nationalsozialismus ein KZ-Außenlager mit Zwangsarbeitern, später nutzen es die US-Truppen. Sie richteten dort unter anderem Verhörräume und einen Radiosender ein.

Auf dem neuen Sheridan-Gelände in Pfersee steht die alte Halle 116. Dort weht noch ein Hauch von Geschichte, doch der Weg zum „Lernort“ ist schwierig.

Mitten zwischen vielen modernen Gebäuden steht, wie verloren, ein einzelner Altbau: ein lang gestreckter Baukörper mit großen bunt gestrichenen Toren – die Halle 116 auf dem Sheridan-Gelände im Augsburger Stadtteil Pfersee. Einst war es ein KZ-Außenlager im Nationalsozialismus, dann viele Jahre ein US-Militärgebäude. Heute ist es eine teilweise leer stehende Lagerhalle, die kaum jemand beachtet. Über diesen unscheinbaren Bau ist nun aber eine öffentliche Debatte entbrannt. Wie kann man daraus einen Ort der Erinnerung machen – einen Ort, der sich mit der Schreckensherrschaft des Nazis auseinandersetzt, der aber auch an die lange Periode der amerikanischen Militärpräsenz in Augsburg erinnert? Das ist die Frage, um die es geht.

Derzeit ist die städtische Wohnbaugruppe für die Halle 116 zuständig. Sie hat das Gebäude teils vermietet, und zwar an Vereine und Privatleute, die dort vor allem alte Autos einstellen. Einige Räume nutzt die Stadt selber, um alle möglichen Teile einzulagern, viele Räume stehen aber leer. Wohnbaugruppen-Geschäftsführer Dominik Hoppe sagt, die Vermietung trage dazu bei, die laufenden Kosten für den Unterhalt der Halle zu bestreiten. „Die Verträge sind aber alle kurzfristig kündbar“, betont er mit Blick auf die Zukunft des Gebäudes.

Bislang hatte auch die Wohnbaugruppe ein Baubüro in der Halle. Von dort aus wurde viele Jahre die Umwandlung des alten Militärgeländes in ein modernes Wohn- und Geschäftsviertel gesteuert. Inzwischen ist das neue Quartier weitgehend fertig. Deshalb wird demnächst das Baubüro aufgelöst. Aber auch Hoppe beschäftigt weiterhin die Frage, was aus der Halle werden wird. Denn sie ist sogenanntes Treuhandvermögen, das zur Wohnbaugruppe gehört.

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Die Architektur macht die Zeit erlebbar

Die Halle 116 zählt zu den wenigen Orten auf dem Gelände der früheren Sheridan-Kaserne, in denen heute noch ein Hauch der Geschichte weht. Allein schon die Architektur macht alte Zeiten erlebbar. Wer durch das weitläufige zweigeschossige Gebäude mit zwei Kopfbauten läuft, findet noch alte Einbauten der US-Truppen, die rund 50 Jahre in Augsburg stationiert waren. Unter anderem unterhielten sie in der Halle 116 Verhörräume und einen Radiosender, einen Sportbereich und eine Bibliothek. In dem Gebäude ist auch noch viel originale Bausubstanz aus der Entstehungszeit zwischen 1936 und 1938 zu finden, etwa Mauerwerk oder Treppen. Was man nicht mehr sieht: Unter den Nationalsozialisten war dort ein KZ-Außenlager von Dachau mit Zwangsarbeitern untergebracht.

Die städtische Wohnbaugruppe wird die Halle 116 vorerst weiter betreuen. Laut Hoppe fallen die Unterhaltskosten von einigen Tausend Euro jährlich nicht so sehr ins Gewicht. „Entscheidend ist, eine passende Nutzung zu finden.“ Und mit dieser schwierigen Frage beschäftigt sich die Stadt schon sehr lange.

Bereits 2003 arbeitete ein Workshop Empfehlungen aus. 2009 beschloss der Stadtrat dann den Erhalt der Halle 116. Die Stadt gab ein wissenschaftliches Konzept in Auftrag, dass 2016 vorgestellt wurde. Daraufhin beschloss der Stadtrat, die Übertragung des Gebäudes für die Stadt vorzubereiten. Darüber hinaus sollte ein Nutzungskonzept für das Gesamtgebäude erstellt werden. In einem ersten Schritt sollte ein Teil der Halle als „didaktisch aufbereiteter Lern- und Erinnerungsort“ gesichert werden.

Für dieses Anliegen setzen sich auch mehrere Organisationen ein, die sich zur „Initiative Denkort Halle 116 zusammengeschlossen haben. Der Initiativkreis forderte kürzlich, dass die Stadt fast zehn Jahre nach dem ersten Beschluss endlich klare Verhältnisse schaffen solle. Und zwar, in dem sie die Halle selber ankauft und dort in absehbarer Zeit einen Erinnerungsort einrichtet.

Einiges wurde erreicht

Kulturreferent Thomas Weitzel verweist darauf, dass schon einiges erreicht wurde. Die „Leitplanken“ für den Erinnerungsort seien mit der Studie von Professor Philipp Gassert gesetzt. Inhaltlich habe man sich auch im wissenschaftlichen Beirat, der die Arbeit von Gassert begleitete, auf eine „Fokussierung als Lernort geeinigt“. Der Kulturreferent erläutert die Grundzüge dieses Konzepts: Weil es im Großraum schon Gedenkstätten in Dachau und München gibt, soll der „Lernort Frieden in Augsburg“ auf vier folgenden Schwerpunkten basieren.

Ein Thema ist das „Scharnierjahr 1945“. Es steht für die Besetzung beziehungsweise Befreiung Augsburgs und soll NS-Zeit und „amerikanische Epoche“ beleuchten. Das Jahr markiert den Übergang von der totalitären Vergangenheit zur allmählichen Demokratisierung. Ein zweites Thema des Lernortes soll die Geschichte der Garnisonsstadt Augsburg und der NS-Herrschaft vor Ort darstellen. Ein Schwerpunkt soll auf Zwangsarbeit und KZ-Haft im städtischen Raum liegen. Ein drittes Kapitel beschäftigt sich, einfach gesagt, mit dem deutsch-amerikanischen Verhältnis im Umfeld der Demokratisierung Deutschlands und der Liberalisierung der politischen Kultur. Darüber hinaus will die Stadt in Halle 116 einen „diskursiven Ort“ für die Friedensstadt einrichten, in dem es zeitgeschichtliche Veranstaltungen oder Projekte geben soll.

Bis die Halle 116 als Lernort für Besucher offensteht wird, wird es aber noch dauern. Der geplante Ankauf des Gebäudes durch die Stadt steht noch nicht an. Ein Grund ist, dass der Wert der Immobilie von einem Gutachter noch einmal neu ermittelt werden muss. Die letzte Schätzung von 2017 ist hinfällig. Denn die baurechtlichen Voraussetzungen haben sich geändert.

Wird sie unter Denkmalschutz gestellt?

In einem neuen Bebauungsplan soll die Halle als „Gemeinbedarfsfläche mit kultureller Zweckbindung“ festgeschrieben werden. Aber auch noch etwas anderes wird sich wohl auf den Kaufpreis für die Immobilie auswirken: Aktuell läuft ein Antrag, die Halle 116 unter Denkmalschutz zu stellen. Weitzel will außerdem weitere Ergänzungen zur Gassert-Studie. Nötig sei ein „gedenkstättenpädagogisches Konzept“. Über die Finanzierung und Umsetzung müsse erst noch der Stadtrat entscheiden.

Ungeklärt ist auch noch eine andere Frage: Was darf der Erinnerungsort eigentlich kosten? Fachleute gehen davon aus, dass die Halle 116 mit gut 4000 Quadratmetern Nutzfläche nicht komplett zum Museum werden kann. Das würde etliche Millionen Euro kosten und die Stadt finanziell überfordern. Weitzel sagt, der Erinnerungsort soll in einem ersten Schritt im Kopfbau und zwei Schotten der Halle 116 entstehen. Die Kosten dafür stehen bislang noch nicht fest. Und auch wie die anderen Räume in dem Gebäude genutzt werden können, steht noch in den Sternen. Die Stadtverwaltung hat den Auftrag, ein Nutzungskonzept zu erarbeiten. Außer dem Kulturbereich hat bislang aber noch kein anderes Referat Vorschläge auf den Tisch gelegt. Gute Ideen sind gefragt. Glaubt man Fachleuten, gibt es für die Halle 116 mit einem Erinnerungsort keinen Markt. Sie sei eine Sonderimmobilie für Liebhaber – oder für die Stadt.

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