1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Oberhausen: Fremdes Augsburg

Multikulti-Viertel

14.09.2010

Oberhausen: Fremdes Augsburg

Migranten in Deutschland

Augsburg hat die vierthöchste Migrantenquote in Deutschland. Hier lässt sich gut nachvollziehen, was Thilo Sarrazin an Diskussionen ausgelöst hat. Im Multikulti-Viertel Oberhausen meckern Türken über die vielen Ausländer und eine katholische Kirche halbiert die Sitzplätze. Eine Reportage von Ute Krogull

Nein, in Oberhausen gefällt es ihr nicht, sagt die junge Frau. "Hier gibt es zu viele Ausländer." Sie selbst ist in Deutschland aufgewachsen. Als Türkin. Sie ist 20, spricht perfekt Deutsch und möchte nicht in die Türkei. Aber die deutsche Staatsbürgerschaft will sie auch nicht.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Das ist ein typischer Dialog für Augsburgs Multikulti-Stadtteil Oberhausen - bezeichnend und verwirrend zugleich. Oberhausen hat 13 000 Einwohner, davon um die 60 Prozent Migranten. Es ist ein Stadtteil, den manche Getto nennen. Matthias Garte, der sich bei der Stadt um Integration kümmert, hat seinen eigenen Blick darauf: "Wir haben in Augsburg Stadtteile ohne Mehrheiten. Eben auch ohne deutsche Mehrheiten."

Augsburg hat 267 000 Einwohner, davon 109 000 mit Migrationshintergrund. Das bedeutet, sie selber oder mindestens eines ihrer Elternteile wurden nicht in Deutschland geboren. 22 500 haben ihre Wurzeln in früheren sowjetischen Staaten, 22 000 in der Türkei. Die Migrantenquote ist mit 40 Prozent die vierthöchste Deutschlands.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Acht türkische Geschäfte für Brautmoden - in einer Straße

Solche Zahlen prägen eine Stadt. In der Oberhauser Einkaufsmeile, der Ulmer Straße, gibt es acht türkische Brautmodengeschäfte, die Kundschaft bis aus München anziehen und im Stadtentwicklungsbericht als "Brautmoden-Cluster" bezeichnet werden. In den Grundschulen sitzen seit Jahren mehr muslimische Kinder als evangelische. Die Arbeiterwohlfahrt hat einen Imam eingestellt, der anderen muslimischen Geistlichen eine Art Sozialkundeunterricht geben soll. Und die katholische Kirche Sankt Joseph musste ihren Kirchenraum verkleinern, damit sich die verbliebenen Christen beim Sonntagsgottesdienst nicht verloren vorkommen. 200 Kommunionkinder zählte die Pfarrei pro Jahr in den 1920ern, heute sind es zusammen mit der Nachbarkirche gerade mal 20.

Einheimische fühlen sich überfremdet. Misstrauisch beäugen sie rund um eine Oberhauser Moschee immer öfter tief verschleierte Frauen. Einige davon seien allerdings deutsche Konvertitinnen, heißt es. Schließlich kann keiner unter den Schleier gucken. Und manchmal ist es ganz anders: So hat ein deutscher Apotheker seine türkische Mitarbeiterin aufgefordert, ein Kopftuch zu tragen, damit sie als "Anlaufstelle" für Landsleute erkennbar ist.

Das sind Randerscheinungen in einer Stadt, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges immer neue Wellen von Zuwanderern aufgenommen hat. Erst kamen deutsche Flüchtlinge aus dem Osten, dann als erste Gastarbeiter Italiener, die sich rund um die Textilfabriken ansiedelten. In den 60er Jahren folgten Türken, die dorthin zogen, wohin kein Deutscher wollte: in die verwahrloste Altstadt. Als man die in ein begehrtes Viertel verwandelte, gingen sie in den 80ern dahin, wo der Wohnraum billig, da heruntergekommen war. Oberhausen zum Beispiel.

"Die gute Stube und ihr Abort" hieß 1989 ein Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit, der den Unterschied zwischen Altstadt und Oberhausen thematisierte. Er verursachte, fast so wie heute Sarrazin, einen Sturm der Entrüstung. Für Oberhausen war das die Rettung. Ein groß angelegtes Sanierungsprogramm begann, Millionen flossen in den Stadtteil, gekrönt von einer neuen Schule als soziales Zentrum.

Viele Migranten, die sich wegen schlechter Deutschkenntnisse und fehlender (anerkannter) Qualifizierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt schwertun, machten sich selbstständig. Das wiederum macht die nahe Donauwörther Straße bunt. Das D20 Music Café wirbt mit einer Wasserpfeife, Caprice serviert Pizza, Dalia näht Kleider, Herr Altunkaya verkauft Autos und daneben verspricht der "Zapfhahn", 23 Stunden täglich zu fließen. "Ethno-Marketing" nennen Wirtschaftsleute es, wenn sich Geschäfte auf ihre multikulturelle Kundschaft einstellen und es Regale voller türkischer und russischer Lebensmittel in deutschen Supermärkten gibt. Da inzwischen aber auch mehr und mehr russische und türkische Supermärkte aufmachen, dazu Ärzte, Rechtsanwälte und Apotheker (schließlich gibt es auch reihenweise Akademiker unter den Migranten), entsteht eine Struktur, die für viele Einheimische eine Parallelwelt ist. Garte sagt: "Man kommt in Augsburg auf Türkisch durchs Leben."

Auch in den Blocks der städtischen Wohnungsbaugesellschaft WBG, die außen wegen der Stadtsanierung in neuem Glanz erstrahlen, gibt es innen weiter Probleme, sagt WBG-Chef Edgar Mathe. Seine Mitarbeiter beobachten, dass immer weniger türkische Kinder zu Angeboten wie dem Spielmobil kommen, und dass immer mehr türkische Frauen kein Deutsch können, weil sie erst nach ihrer Hochzeit nach Deutschland kamen. Die Sprachkenntnisse der dritten Generation sieht er als Problem, geschuldet nicht nur der Bildungsferne, sondern vor allem der Macht des Satellitenfernsehens.

Mathe führt daher mit allen Mitteln, unter anderem Anwälten, einen Kampf gegen Satellitenschüsseln. Und er denkt darüber nach, Leuten, die einen Mietvertrag nicht lesen können, obwohl sie in Deutschland aufgewachsen sind, auch keinen zu geben.

Wer in WBG-Blocks lebt, lebt oft von Hartz IV. Das sind in Augsburg fast zehn Prozent der Bürger. Die Stadt hat ein Problem, das sich auch in ihrer Migrantenbevölkerung bemerkbar macht - und dort verschärft: Ihr fehle als traditionelle Arbeiterstadt die bürgerliche Mittelschicht, glaubt Garte. Während Heidelberger Migranten zu 50 Prozent Akademiker sind, holte man an den Lech ungelernte Gastarbeiter, teils Analphabeten, und überließ sie sich selbst, sagen Experten wie der Oberhauser Quartiersmanager Roland Eichmann. Er bescheinigt Migranten trotz aller Probleme einen überdurchschnittlichen Bildungserfolg: "Für einen jungen Türken, dessen Großvater Analphabet war, ist ein Realschulabschluss eine größere Leistung als für den Enkel eines deutschen Facharbeiters."

Erst 2002 begann unter dem damaligen SPD-Sozialreferenten Konrad Hummel ein Wandel der Integrationspolitik. Er rief eine Reihe von Projekten ins Leben, darunter die "Stadtteilmütter" des Kinderschutzbundes. Es ist ein Sprachprogramm für Kindergartenkinder, koordiniert von der türkischstämmigen Sozialpädagogin Hamdiye Cakmak. Während die Kinder die Sprache lernen, sollen ihre Mütter die deutsche Gesellschaft kennenlernen, also wie das deutsche Schulsystem gegliedert ist und dass es Eheberatungsstellen gibt. Und sie machen Ausflüge. Manche sehen dabei zum ersten Mal das Rathaus.

Junge Frauen dürfen nicht einmal allein einkaufen

Es sind oft Frauen, die aus der Türkei "eingeheiratet" wurden. Einigen, erzählt eine Türkin, nehmen die Schwiegermütter als Erstes den Pass ab. Sie dürfen nicht einmal allein einkaufen. Hassan findet so etwas nicht gut. Er ist 20, hatte nach einer Woche Türkei-Urlaub brennendes Heimweh und verkauft Brot im Supermarkt seines Vaters, der sich das Geld für den Laden als Bahnschaffner zusammensparte. Hassan glaubt, dass manche junge Türken verunsichert sind und deshalb lieber eine "pflegeleichte Frau" aus Anatolien wollen. "Aber das ist nicht gut. Der Unterschied zwischen den Lebensweisen macht nur Probleme." Doch gerade diese Gruppe junger, verunsicherter Männer ist es, der explosives Potenzial nachgesagt wird. Hummel, der jetzt beim Bundesverband für Wohnen in Berlin arbeitet, sieht die größte Gefahr für das soziale Klima darin, dass die Faktoren Armut, Sprachprobleme und gekränktes Ehrgefühl zusammentreffen.

Explodiert ist in Augsburg noch nichts. Integrations-Experte Garte sagt: "Hier klappt vielleicht vieles nicht, aber der soziale Frieden ist gewahrt." Da mag sich etwas auswirken, das den Augsburgern sonst eher zum Nachteil gereicht: Er mosert gern, ist aber beharrlich und in seinem Leid duldsam. Das gilt für die Einheimischen, hat sich offenbar aber auch auf die Migranten übertragen. Vielleicht der größte Beweis für Integration. Eine Reportage von Ute Krogull

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren